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Abschiebung:Eine Stadt kämpft für eine Flüchtlingsfamilie

Elisabeth (mitte) und Ibrahim Kamara sowie deren neunjährige Tochter Isha sollen abgeschoben werden. Dagegen formiert sich Widerstand.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Kamaras sind aus Sierra Leone geflüchtet und leben seit 2015 in Geretsried. Nun soll das Paar mit seiner Tochter abgeschoben werden.

Von Thekla Krausseneck

Es ist ein kleiner Raum, aber die Kamaras haben das Beste daraus gemacht. Ein Vorhang teilt das Zimmer ihrer Asylbewerberunterkunft am Geretsrieder Schulzentrum in ein schmales Wohnzimmer mit Plastiktisch und Küchenzeile. Auf der anderen Seite stehen die Betten für die Eltern Elisabeth und Ibrahim und ihre neunjährige Tochter Isha.

Fotos schmücken die Wand, doch auf einem Stockbett liegen Koffer - und wenn es nach dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geht, werden sie bald wieder gepackt. Die Familie Kamara hat einen Abschiebebescheid erhalten. Ehrenamtliche Helfer, die Isardamm-Schule, der Temenos-Kindergarten, der SV Gelting und Mitarbeiter des Werbemittelherstellers Lerche protestieren mit ihrer Unterschrift: Die Familie gilt als gut integriert, die Eltern befinden sich mitten in ihren Ausbildungen. Mit einem Schreiben an die Härtefallkommission soll die Abschiebung nun verhindert werden.

Die Flucht nahmen die Kamaras auf sich, um ihre Tochter vor einer Beschneidung zu schützen. Die Familie stammt aus Sierra Leone, wo der Anteil der genitalverstümmelten Frauen Unicef zufolge bei mehr als 80 Prozent liegt. Vor vier Jahren flüchteten sie deshalb zunächst nach Libyen - über Mali, Burkina Faso und durch die Wüste.

Wegen der anhaltenden Drangsalen durch die libysche Polizei - diese sei in Wohnungen eingebrochen, habe den Flüchtlingen alles weggenommen und einige ermordet - flohen die Kamaras nach zweieinhalb Jahren erneut. Diesmal wagten sie die Überfahrt nach Italien. Die Küstenwache rettete die 107 Passagiere auf dem Schlauchboot und brachte sie nach Lampedusa. Von da aus fuhren die Kamaras mit dem Zug weiter nach Deutschland.

Dort sind die Kamaras seit dem 12. Juli 2015, nach Geretsried kamen sie nach einem Monat in der Bayernkaserne. Zuerst lebten sie dezentral zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer Doppelhaushälfte in Gelting. "Es waren viele Leute da, die sich engagierten", sagt die Geltingerin Birgit Schleemilch, eine der ehrenamtlichen Helferinnen.

Die Kamaras sind integriert

Elisabeth und Ibrahim Kamara besuchten einen neunmonatigen Deutsch- und Integrationskurs, absolvierten Praktika im Lager und in der Altenpflege. Isha macht regelmäßig im Verein Leichtathletik, besucht die Schule, spricht fließend Deutsch. Die 27-jährige Elisabeth Kamara hat eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin begonnen, ihr Ehemann eine zum Elektrikerhelfer, im SV Gelting spielt er zudem Fußball.

Ziel sei es aber nicht mehr, die Behörden von den Gründen der Flucht zu überzeugen: Das Thema sei durch, sagt Stefan Lerche, der den 29-jährigen Vater Ibrahim Kamara Ende 2015 als Praktikant in seiner Geltinger Firma beschäftigte und die Familie seither unterstützt. Die Kamaras gelten als "Wirtschaftsflüchtlinge", und daran werde sich auch nichts mehr ändern.

Viel wichtiger sei es, der Härtefallkommission klarzumachen, wie gut die Kamaras integriert seien und wie sehr sie sich engagierten. Weil etwa die Altenpflegeschule in Miesbach ist, ging Elisabeth Kamara jeden Morgen um sechs Uhr aus dem Haus, um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Miesbach zu pendeln. Seit der Abschiebebescheid einging, darf sie ihre Ausbildung nicht fortsetzen.

Politik und Staat sollten "solchen Fällen wie dieser Familie, die sich vorbildlich verhalten hat, auch eine Chance geben, sagt Lerche. Sollten die Kamaras abgeschoben werden, würde das auch die Helfer niederschmettern, die sich nun zweieinhalb Jahre lang für die Kamaras eingesetzt und sie in ihrer Mitte aufgenommen haben.

Susanne Bötel vom Verein "Hilfe von Mensch zu Mensch" ist in den Fall involviert. Sie plant, an diesem Mittwoch ein Schreiben an die Härtefallkommission zu schicken, zusammen mit rund 30 Briefen von Menschen, die die Abschiebung verhindern wollen. Die Härtefallkommission kann das Staatsministerium des Innern bitten, Ausnahmen zu machen, wenn gute Gründe dafür vorliegen. Im Fall Kamaras wäre das nicht nur die hervorragend gelungene Integration: In Sierra Leone drohte ihnen wegen ihrer Flucht auch die Verfolgung durch die Bodo-Gesellschaft.

© SZ vom 20.12.2017/haeg
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