Wohnraum vs. Gewerbeflächen Unternehmen leiden in München unter Platzmangel

Früher Gewerbefläche, heute Wohnungen: Das alte Agfa-Gelände war 2012 eine große Baustelle.

(Foto: Claus Schunk)
  • Gewerbefläche oder Wohnraum? Bürgermeister Schmid warnt, dass es für Unternehmen in München zu wenig Platz gibt.
  • Besonders schwer haben es in München die traditionelle Industrie sowie Unternehmen mit hohem Flächenbedarf.
  • Schmid will deshalb unter anderem neue Gewerbegebiete schaffen und künftig enger mit dem Umland zusammenarbeiten.
Von Dominik Hutter

In München wird es eng - das bekommt zunehmend auch die Wirtschaft zu spüren. Rund 330 Firmen haben derzeit beim Wirtschaftsreferat Bedarf an neuen Gewerbeflächen angemeldet, das Angebot auf dem Immobilienmarkt wird jedoch immer knapper. Schuld daran ist auch die Konkurrenz zum Wohnungsbau, der oftmals auf früheren Gewerbeflächen stattfindet.

Allein in den vergangenen acht Jahren wurden 16 000 Wohnungen auf früherem Unternehmensgelände gebaut, zum Beispiel auf dem früheren Agfa-Areal in Obergiesing. Insgesamt sind 250 000 Quadratmeter Geschossfläche für klassisches Gewerbe sowie 835 000 Quadratmeter für Büros und sogenannte höherwertige Nutzungen zu Gunsten neuer Wohnungen weggefallen. Besonders schwer haben es in München die traditionelle Industrie sowie Unternehmen mit hohem Flächenbedarf.

Architektur

Die Innenstadt verändert ihr Gesicht

Bürgermeister Josef Schmid (CSU), in Personalunion Leiter des Wirtschaftsreferats, schlägt nun Alarm. Bei allem nachvollziehbaren Bedarf an Grundstücken für Wohnungen und Schulen dürften die Münchner Unternehmen nicht vergessen werden. "Wir brauchen wieder was", lautet Schmids Motto bei der Ausweisung von Gewerbeflächen. Von der Stadt beauftragte Experten haben einen Zusatzbedarf von 48 bis 166 Hektar bis 2030 ausgerechnet. Zum Vergleich: das gesamte Münchner Stadtgebiet umfasst rund 31 000 Hektar.

Bei der nun angestoßenen Fortschreibung des Gewerbeflächenentwicklungsprogramms will Schmid zunächst 35 Hektar für Betriebe hinzugewinnen. Einfach ist das nicht: Auch Firmen benötigen eine gute Verkehrsanbindung, viele wollen in Kundennähe arbeiten und nicht in die Peripherie verbannt werden. Andere benötigen das Recht, Emissionen auszustoßen - das ist in zentraler Lage meist unerwünscht.

Die neuen oder zu erweiternden Gewerbegebiete liegen allesamt außerhalb des Mittleren Rings: an der Mühlanger- und Ludwigsfelder Straße etwa, in Steinhausen, Obersendling oder rund um den Frankfurter Ring. Beschlossen ist noch nichts. Der Stadtrat hat das Thema im Dezember erst einmal vertagt. Später sollen sämtliche Bezirksausschüsse, Wirtschaftskammern und -verbände gehört sowie ein Stadtrats-Hearing mit Akteuren der Wirtschaft veranstaltet werden.

Schmid sieht dringenden Bedarf, das Thema sei in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt worden. Das aktuellste Gewerbeflächenentwicklungsprogramm stammt noch aus dem Jahr 2000. Seit damals sind im Flächennutzungsplan 65 Hektar Gewerbegebiet verloren gegangen, 5,3 Prozent. Bei klassischen Industrieflächen beträgt das Minus gar 185 Hektar, das entspricht 40 Prozent. Alles, was stinkt, qualmt und lärmt, hat es also schwer in einer immer dichter besiedelten Stadt.

Das Wirtschaftsreferat sieht in dieser Entwicklung ein Abbild des Strukturwandels. Von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Denn rechnet man die Flächen dazu, die für Dienstleistungen - Büros vor allem - und spezielle Nutzungen wie das BMW-Forschungszentrum oder Brauereien in Frage kommen, ist die Fläche für die Münchner Wirtschaft seit 2000 sogar um 155 Hektar gewachsen.

Schmid will nun verstärkt darauf achten, dass keine Gewerbegebiete mehr wegfallen. Beim Kirschgelände in Allach etwa, auf dem ein privater Investor Wohnungen plant, will der CSU-Politiker der Umwidmung nur zustimmen, wenn dafür woanders neue Gewerbeflächen ausgewiesen werden.

Um bestehende Gewerbeflächen besser auszunutzen und eine vernünftige Entwicklung zu garantieren, setzt Schmid auf eine Art Quartiersmanager, der das große Ganze im Blick behält. Diese Institution solle sich um die Zukunft der Gebiete kümmern, um gemeinsame Mobilitätskonzepte und ein verbessertes Image.

Auf absehbare Zeit, das ist auch Schmid klar, wird München jedoch bei den Gewerbeflächen an seine natürlichen Grenzen stoßen. Die Stadt müsse daher auch in der Wirtschaftsförderung enger mit dem Umland zusammenarbeiten. Dem Wirtschaftsreferat schwebt ein gemeinsamer Flächenpool mehrerer Kommunen vor, den man in Kooperation vermarkten könne. Denkbar sei es, einen Gewerbeflächenatlas für die Region zu erstellen, in dem sich Investoren das passende Stückchen Land heraussuchen können.

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