Walking Man Filigraner Koloss

15 Tonnen schwer und 17 Meter groß ist der Walking Man. Für den Transport hatte der Künstler Jason Borofski sein Werk in neun Teile zerlegt.

(Foto: Archiv Munich Re)

Er hat 200 Schrauben im Fuß und musste für seinen Transport von Los Angeles nach München in neun Teile zerlegt werden: der Walking Man in der Leopoldstraße wird 20 Jahre alt. Ein Rückblick.

Von Thomas Kronewiter

Man stelle sich, nur für einen wahnwitzigen Moment, einmal vor, er kippte um. Eines Nachts, von Starkwindböen gebeutelt. Er kippte um wie einst beim Elchtest der A-Klasse-Mercedes, die ganzen 17 Meter, riss die Pappeln auf der Leopoldstraße mit sich. Was wäre das für ein Symbol bei einem der weltweit führenden Rückversicherungsunternehmen, einem Global Player, der Seriosität ausstrahlt und auch noch weltweit mit der Skulptur als Wahrzeichen wirbt? Deshalb wird es auch nicht passieren, obwohl er, der Walking Man, nun schon seit 20 Jahren eiligen Schritts am Schwabinger Stammsitz des Unternehmens den Fort-Schritt symbolisiert.

Allein schon der Aufbau war spektakulär

So lange steht er nun schon an der Leopoldstraße, hat ein "tief im Boden verankertes" Fundament und 200 Schrauben im Fuß. Am 21. September 1995, also vor exakt 20 Jahren, wurde der Walking Man als Kunst im (halb-)öffentlichen Raum vorgestellt, vom damaligen Rück-Chef Hans-Jürgen Schinzler und Münchens damaligem Oberbürgermeister Christian Ude (SPD).

Zuvor hatte man die schneeweiße Stahlrohrskulptur in einer spektakulären Aktion aufgestellt. Wobei aufgestellt nicht ganz zutreffend umschreibt, was damals geschah auf der Baustelle vor dem neuen Geschäftsgebäude der Munich Re, die damals noch Münchener Rückversicherung hieß.

Schon von der Herstellung bis zum Transport und dem mehrwöchigen Aufbau der Skulptur, die von hoher Ingenieurskunst zeugt, ver- ging mehr als ein Jahr. Zunächst in Los Angeles angefertigt, wurde sie für ihren Transport nach München in neun Teile zerlegt und Anfang August 1995 per Luftfracht verschickt. Hebemaschinen richteten den 15 Tonnen schweren und doch filigranen Koloss Fuß für Fuß und Arm für Arm am Rande der Leopoldstraße auf - eine nur mit schwerem Gerät mögliche Aktion.

Große Geste an die Leopoldstraße

Jonathan Borofsky hat den Walking Man geschaffen, auf der Documenta 9 in Kassel hatte er schon 1992 mit dem 25 Meter hohen "Man walking to the sky" auf sich aufmerksam gemacht und anschließend unter den sechs eingeladenen Künstlern beim Wettbewerb der Münchener Rück zur künstlerischen Gestaltung des neuen Geschäftsgebäudes klar das Rennen gemacht.

Die große Geste an der Leopoldstraße, die anfangs - wie Jahre später die Mae West am Effnerplatz - durchaus gewöhnungsbedürftig war, schlug in der Fachwelt ein wie eine Bombe. Die Stadtgestaltungskommission war begeistert, die Presse elektrisiert. Kaum jemand mochte sich der positiven Ausstrahlung des emotionalen Blickfangs im Stadtbild entziehen. "Mit weit ausholendem Schritt strebt der Walking Man nach vorne. Nichts scheint ihn aufhalten zu können." So sieht es zumindest das Unternehmen. "Die Bestimmtheit in Gestus und Körperhaltung suggeriert Aufbruchswillen und Entdeckergeist." Nun ja.

Dass der Versicherer, der schon seit den Zeiten des Unternehmensgründers Carl von Thieme Kunst sammelt und inzwischen 3000 Kunstwerke sein eigen nennt, vor allem eine sympathische, menschliche Identifikationsfigur gefunden hat, zeigen nicht nur zahlreiche offizielle Fotos, sondern auch die täglichen Selfies an der Leopoldstraße. Vandalismus sei nie ein Thema gewesen, bestätigt Susanne Ehrenfried, Kunstkuratorin bei der Munich Re. Viel Arbeit macht er also nicht, der Walking Man. Ab und zu wird er gereinigt, eigens geputzt für seinen 20. Geburtstag, versichert Susanne Ehrenfried, habe man ihn aber nicht.