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Neue Heimat:Werben, bis der Wähler wütet

Hierzulande werden Wahlplakate beschmiert, aber nicht in Brand gesetzt.

(Foto: Robert Haas)

In Nigeria, der Heimat unseres Autors, werden Wahlplakate schon mal verbrannt. In München ist ihm so etwas noch nicht untergekommen. Doch auch hier löst die Werbung der Politiker Emotionen aus.

Das klingt jetzt vielleicht etwas fies, aber bei manchem Politiker muss die Frage erlaubt sein, ob das Wahlplakat nicht ohne Foto wirksamer wäre. Derzeit hängen in der Münchner Innenstadt jedenfalls wieder zahlreiche Belege für diese These. Die Straßen sind drei Wochen vor der Europawahl damit tapeziert. Eines ist klar: Einen Schönheitspreis werden die deutschen Plakatdesigner mit ihren Werken auch diesmal nichtgewinnen. Aber es geht ja auch nicht um Ästhetik, sondern um Aussagen. Und hier sind viele Plakate durchaus bemerkenswert - und notfalls von Hand gestaltbar.

Das Spannende daran: Auf vielen Plakaten geht es um konkrete Themen. Oft liest man in diesen Tagen Sätze wie "Rettet die Umwelt" oder das Wort "Klimaschutz". Auffällig oft finden sich auch die Begriffe "Freiheit" und "Frieden". Auf einem Plakat wird gar eine Frage gestellt: "Wie soll Europa vorankommen, wenn Deutschland stehen bleibt?" Zwar ist in dieser Frage nichts konkretes formuliert, und doch hat sie mich überrascht. Ist man von Politikern doch eher kesse Sprüche gewohnt, die mit einem Ausrufezeichen enden.

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Knochen und Schädel dienen in der Heimat unseres Autors dazu, Menschen von Gefahren fernzuhalten. Anders als in Nigeria tragen Schüler solche Bilder in München auf dem Schulranzen.   Kolumne von Olaleye Akintola

Wahlplakate habe ich aus meiner früheren Heimat in Südwestnigeria eher als Aufforderungen empfunden. Knallige Farben, ein Gesicht, ein Name in großen Lettern und drüber "Vote for" - also "Wähle". Im Nachhinein betrachtet fühlt sich diese Art der Werbung ziemlich bevormundend an. Und vielleicht geht es vielen Nigerianern ja genauso. Das würde erklären, warum nigerianische Wahlplakate nicht selten regelrecht geschändet werden. Den Leuten reicht es nicht, sie zu zerkratzen oder zu bemalen. Wer seine Abneigung gegen einen Politiker demonstrieren will, zerfetzt ein Plakat nicht nur, sondern verbrennt es danach auch noch, bis davon nichts mehr übrig ist.

Derartige Zeremonien sind mir in München und Umgebung bisher nicht untergekommen. Allerdings sind die Plakate auch hierzulande nicht gefeit gegen die Emotionen, die sie beim Betrachter auslösen. In Bayern drücken die Menschen ihre Gefühle lediglich etwas dezenter aus, etwa indem sie sich am Plakat künstlerisch betätigen. Besonders beliebt sind hierbei die hellblauen Plakate einer recht jungen Partei. Was erstaunlich ist, da deren Werbematerial verglichen mit den anderen Parteien besonders weit oben hängt. Die Umgestaltung muss logistisch herausfordernd sein, und dennoch wird sie vielerorts mit Hingabe vollzogen.

Bleibt natürlich die Frage, warum es ausgerechnet diese Partei so häufig trifft. Zumal ihre Mitglieder bisweilen auch gesichtslose Plakate aufhängt. Deren ästhetische Überzeugungskraft reicht aber ganz offenbar nicht aus, um die Plakate vor künstlerischer Betätigung zu schützen. In meinen Augen gibt es da ein entscheidendes Problem: Auf den hellblauen Werbebannern stehen meist Sätze wie "Grenzen sichern!" oder "Diesel retten!" - also Aufforderungen mit Ausrufezeichen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Bevormundung dem Südbayer genauso stinkt wie dem Südwest-Nigerianer.

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Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger