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Vorschlag-Hammer:Home Of Films dahoam

Bratwurstdunst, ploppende Bierflaschen, kein Mindestabstand: So waren die Hofer Filmtage im letzten Jahr. Heute sitze ich vor meinem Laptop

Kolumne von Bernhard Blöchl

In Hof ist mal wieder die Hölle los. Vor dem Central-Kino liegen sich Filmkritiker und Regisseure in den Armen, zur nächtlichen Verbrüderung im Bratwurstdunst. Im Strom der auf Einlass Wartenden im Scala schütteln sich langhaarige Vorderfrauen das Popcorn der bestens gelaunten Hintermänner aus den Wasserwellen, während drinnen erste Bierflaschen ploppen. Und bei den Premieren in den kleinen Sälen nehmen die Menschen schon mal auf dem Boden Platz, Mindestabstand: nicht vorhanden.

Wenn ich heute an Hof denke, wie es vor einem Jahr war, erscheint mir das Erlebte wie eine barocke Endzeit-Utopie, Arbeitstitel: "The Day Before Tomorrow". Heute sitze ich auf meinem Sofa, 300 Kilometer entfernt, und schaue den Eröffnungsfilm der 54. Hofer Filmtage als Stream auf dem Laptop. Obwohl das Festival, das vor allem dem jungen, kernigen Kino eine Plattform bietet, auch in den Lichtspielhäusern der Stadt über die Bühne geht - mit Abstand und Maske -, fühlt sich die zusätzlich eingeführte Online-Schiene ("Hof On Demand") vor dem Hintergrund meiner Erinnerungen seltsam an. Von der Frage, wer mir heuer die Bratwurst brät, einmal ganz abgesehen. Hungrig schießen mir eigentümliche Gedanken ein, und gerade frage ich mich, was wohl Wim Wenders zu den Entwicklungen sagt, er, der Hof einst als Abkürzung las für "Home Of Films"? "Home Of Films dahoam"? Nein, Wenders kann kein Bairisch.

Aber zurück zum Eröffnungsfilm, den man, wie die anderen 70 Lang- und 54 Kurzfilme auch, noch einige Tage online abrufen kann (manche sogar bis 1. November). Und morgen die ganze Welt von Julia von Heinz ist toll, ein dringliches, persönliches Politdrama über Widerstand, Gewalt und den Schutz der Demokratie. Präzises Schauspiel (Mala Emde, Noah Saavedra), hohes Tempo, Schmerzbereitschaft . . . man weiß gar nicht, welche Regieentscheidung hier nicht richtig oder exzellent war. Ob im Kino oder im Wohnzimmer, es soll hier um gute Filme gehen. Also noch ein paar Tipps aus dem Programm: Spannend klingen Jackpot von Emily Atef, unter anderen mit Rosalie Thomass und Thomas Loibl, sowie das Biopic I Am Woman von Unjoo Moon über die australische Sängerin und Feministin Helen Reddy (sie starb Ende September). Bei den Dokumentarfilmen mag ich Tagebuch einer Biene von Dennis Wells empfehlen und Kinomann von Matthias Ditscherlein - falls einem das Rattern eines Kinoprojektors fehlt. Wobei es wiederum ein Frevel wäre, ausgerechnet diesen Film digital zuhause zu schauen.

In diesem Hin und Her, das Hybridformate mit sich bringen (auch das Schamrock-Festival der Dichterinnen startet an diesem Freitag als Mischform), freue ich mich in ruhigen Momenten über das Buch als Konstante. Zuletzt habe ich wenig gelesen, umzugsbedingt studierte ich mehr Montageanleitungen als Romane. Abenteuerliche Plots hier wie da. In den Wutpausen des Möchtegern-Möblers halfen mir mal wieder die Österreicher: Heinrich Steinfest ("Der Chauffeur") und Vicki Baum ("Menschen im Hotel", "Vor Rehen wird gewarnt"). Auf das neue Buch von Melanie Raabe bin ich auch gespannt. Die sympathische Thriller-Autorin schreibt über "Kreativität". Kreativ aus der Krise, das wünsche ich der gesamten Kulturbranche. Den Entscheidern in der Politik sowieso.

© SZ vom 23.10.2020

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