bedeckt München 24°

Vorgestellt:Schwer zu erwärmen

Der mögliche Bau von Gasheizwerken stößt in den Vierteln überwiegend auf Ablehnung

Von Ellen Draxel, Hubert Grundner, Stefan Mühleisen, Andrea Schlaier und Renate Winkler-Schlang 

Nein. Auf keinen Fall, das geht gar nicht." Im Westschwabinger Bezirksausschusses sind sich die Lokalpolitiker einig: Der Bau von Gasheizwerken in ihrem Viertel ist absolut indiskutabel. "Wir sind der mit Abstand am dichtesten bebaute Stadtbezirk Münchens", sagt Gremiums-Chef Walter Klein (SPD). "Da brauchen wir nicht auch noch solche Dinger."

Das Stadtteilgremium war das erste, dem die Stadtwerke (SWM) am Donnerstagabend zwei der stadtweit insgesamt elf derzeit ins Auge gefassten Standort-Optionen für gasbetriebene Anlagen zur Wärmeerzeugung im Detail vorstellten - im vorberatenden Unterausschuss Planen und Wohnen. Weil das Kohlekraftwerk im Münchner Norden nach einem Bürgerentscheid Ende 2022 stillgelegt werden soll, suchen die Stadtwerke jetzt nach Alternativen, um zumindest den Wärmebedarf zu decken. 3000 Quadratmeter inklusive Nebenfläche benötigt jedes dieser 70 Megawatt an Wärme produzierenden Heizwerke, das laut Bürgervotum abzuschaltende Kohlekraftwerk liefert 550 Megawatt.

Im westlichen Schwabing prüfen die Stadtwerke einerseits ein Areal im Luitpoldpark, hinter dem Haus am Schuttberg und östlich einer gerade sanierten Kleingartenanlage. Doch dieser Bereich liegt mitten im Grün und zudem oberhalb zweier U-Bahn-Linien. Undenkbar aus Sicht der Lokalpolitiker. Mindestens ebenso "unpassend" finden die Bürgervertreter auch Variante zwei. Ein Grundstück im Vorzeigeprojekt Kreativquartier, direkt neben zwei denkmalgeschützten Hallen und unmittelbar an ein neu entstehendes Wohngebiet mit einer Grundschule und einer Kindertagesstätte grenzend. Diese Fläche an der Grenze zu Neuhausen soll eigentlich ein Park werden - errichtet man dort eines der Heizwerke, würde die Grünanlage um 30 Prozent kleiner ausfallen.

Das Kohlekraftwerk im Norden der Stadt soll stillgelegt werden. Nun suchen die Stadtwerke Alternativstandorte zur Wärmegewinnung.

(Foto: Robert Haas)

Dass die gasbefeuerten Heizwerke zusätzlich "Emissionen von Schall und Abgasen produzieren", wie Werner Rühle und Thomas Prein von den Stadtwerken den Politikern am Donnerstag bestätigten, macht die Suche nicht einfacher. "Klar, keiner freut sich, wenn er so etwas in der Nachbarschaft hat." Die Stadtwerke seien sich auch "bewusst, dass der Flächenbedarf Schmerz verursacht". Aber man müsse das Bürgervotum akzeptieren und die Versorgung anderweitig sichern. In den nächsten Wochen sollen die möglichen Standorte im Kreativquartier Dachauer Straße, am Birketweg, an der Landshuter Allee, Thalkirchner Straße/Nussbaumpark, am Ostpark, in der Katharina-von-Bora-Straße, im Luitpoldpark, auf dem Cosimabad-Parkplatz oder an der Kreuzung Dülfer-/Raheinstraße den betroffenen Bezirksausschüssen vorgestellt werden, danach werden sie auf Realisierbarkeit geprüft. Die Genehmigungen für die Werke, die tatsächlich gebaut werden sollen, will man noch in diesem und im nächsten Jahr einholen, Bau und Inbetriebnahme sollen zwischen 2020 und 2022 folgen.

Ein Zeitplan, der bei der SWM allerdings selbst als "sehr anspruchsvoll" angesehen wird, wie ein Sprecher sagt. Denn für jedes einzelne Kraftwerk müssen eine Baugenehmigung von der städtischen Lokalbaukommission und eine Betriebserlaubnis von der Regierung von Oberbayern eingeholt werden. Dazu geht das städtische Tochterunternehmen davon aus, dass der Stadtrat jedem einzelnen Standort zustimmen muss.

Dabei gilt es mitunter, zwischen konkurrierenden Nutzungen abzuwägen. Auf der Liste der möglichen Standorte steht das Areal des stillgelegten Heizkraftwerks an der Katharina-von-Bora-Straße. Für dieses Stadtwerke-Areal liegt eine fertige und vom Stadtrat goutierte Projekt-Planung vor: Dort sollen Werkswohnungen entstehen. Der Maxvorstädter BA-Chef Christian Krimpmann (CSU) ist gespannt, wie die Stadtwerke das in der März-Sitzung erklären werden. "Wir stehen dem nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber", sagt er, man wolle den Vortrag abwarten. Auch Alexander Miklosy (Rosa Liste), Vorsitzender des Bezirksausschusses Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, will sich noch nicht abschließend zu den Standorten an den Kliniken Thalkirchner Straße beziehungsweise Nussbaumpark äußern. Er persönlich sei für den Ausstieg aus der Kohlekraft, daher dürfe man jetzt auch "nicht Alternativen pauschal ablehnen, bloß weil man hier wohnt".

Heizwerk

So könnte eines der gasbetriebenen Heizwerke aussehen. Hier liegt es in einem industriellen Umfeld, dem BMW-Werk in Dingolfing.

(Foto: Robert Haas)

Neue, dezentrale Heizwerke kann sich Josef Mögele (SPD), Vorsitzender in Laim, nicht vorstellen, "unsere Stadt ist ohnehin unendlich voll". Die Zukunft liegt seiner Ansicht nach in einer neueren Technik. "Außerdem ist es nicht damit getan, einfach ein Heizwerk hinzustellen, da braucht es auch Leitungen, man muss Netzpläne machen und fragen, wo in der Stadt der höchste Versorgungsgrad ist. Da muss man hingehen und nicht dahin, wo zufällig ein freies städtisches Grundstück ist." Was den Standort Birketweg angehe, sei dort gerade eine neue Siedlung hingestellt worden. "Und da soll jetzt auch noch ein Heizwerk hin, eine riesige Anlage mit einem 60 Meter hohen Kamin? Wo soll denn die Abluft hin?" Was die Grundstücke angehe: "Wir finden in Laim nicht mal einen Standort für ein Bürgerhaus."

Anna Hanusch (Grüne), Vorsitzende in Neuhausen-Nymphenburg, äußert sich ebenfalls nur vorläufig. "Am Birketweg ist mir zum Beispiel nicht klar, wo sie das noch verbauen wollen." Ähnlich sei das beim Kreativquartier. Wenn da Platz wäre, "hätten wir vom BA dafür sicher andere Ideen". Ausschließlich betreffend der Landshuter Allee kann sich Hanusch vorstellen, wo die Stadtwerke hinwollen - dort, wo das Elektro-Umspannwerk steht, das erneuert werden soll.

Thomas Kauer (CSU), Chef in Ramersdorf-Perlach, will sich am 8. März erklären lassen, warum die Heinrich-Wieland-Straße in der näheren Auswahl ist. Kauer blickt dem Bau eines Heizkraftwerks am Ostrand des Ostparks sehr skeptisch entgegen. Vor allem wundert er sich über die Schnelligkeit, mit der die Stadtwerke nun potenzielle Standorte benannt haben. Zwar sei klar gewesen, dass die Stadt bei einem Kohle-Ausstieg Zusatzkapazitäten schaffen müsse. Doch wären die konkreten Standorte schon vor dem Bürgerentscheid bekannt gewesen, wäre eventuell das Votum der Münchner anders ausgefallen, vermutet der Bezirksausschuss-Chef.

© SZ vom 24.02.2018
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB