Ultra-Fans des FC Bayern Landauer posthum zum Ehrenpräsidenten ernannt

Sie singen lauter und länger, basteln Choreografien und haben einen strengen Werte-Kodex, der es ihnen unter anderem verbietet, einen Manuel Neuer willkommen zu heißen, weil er ein bekennender Schalke-Ultra war. Der Name Schickeria kommt aus dem Lied der Spider Murphy Gang und ist ironisch gemeint. "Der Großteil der Stadtjugend gibt sein Geld lieber für teure Klamotten und in Nobeldiskotheken aus, anstatt eine eigene Identität zu entwickeln", heißt es auf der Homepage.

"Es ist schon so, dass wir als eine linke Gruppe gesehen werden", sagt Simon Müller. Er ist Mitglied der Schickeria, trägt Bart, die Haare ein bisschen zu lang. "Eine Positionierung gegen Rassismus erfolgt schon rein aus einem gesunden Menschenverstand", sagt er in einem Dokumentationsfilm über Kurt Landauer, den der Bayerische Rundfunk im Oktober zeigt. Dass der BR diese Dokumentation gedreht hat, liegt zu einem großen Teil an der Schickeria. Die entdeckte den fast vergessenen Präsidenten als Symbolfigur.

"Queerpass FC Bayern"

Landauer war Präsident des FC Bayern, als dieser 1932 die erste Meisterschaft gewann. Nur ein Jahr später musste er sein Amt abgeben - Landauer war Jude und die Nazis hatten die Macht ergriffen. Er wurde 1938 nach Dachau gebracht und konnte später in die Schweiz flüchten. 1947 kam er wieder nach München und blieb Vereinspräsident bis 1951. Erst durch das Engagement der Schickeria beschäftigte sich der FC Bayern mit diesem Teil seiner Geschichte, 2013 wurde Landauer posthum zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Die Fan-Gruppe veranstaltet einmal im Jahr auf dem Sportgelände von Maccabi München das Turnier um den Kurt-Landauer-Pokal. "Die Geschichte von Kurt Landauer ist für uns zusätzlich Motivation, uns gegen Rassismus, Faschismus und Nazis zu engagieren", sagt Müller. Die Choreografie vor dem Spiel gegen Frankfurt war nur eine von vielen, in denen der Präsident auftauchte. Seit Langem weht in der Südkurve auch eine Regenbogen-Fahne, der schwul-lesbische Fanklub "Queerpass FC Bayern" berichtete schon 2006 von den guten Kontakten zur Schickeria. Die Gruppe hielt beim Kurt-Landauer-Turnier einen Vortrag über Homophobie.

Auseinandersetzungen mit der Polizei

Warum ist die Gruppe dann umstritten? Ultra-Gruppierungen sind in den seltensten Fällen homogen, innerhalb der Schickeria gibt es viele Sektionen. "Die Schickeria ist weitgehend nicht gewaltbereit", sagt Emmes. Doch es gibt auch andere Mitglieder. 2007 etwa überfielen sie einen Bus mit Nürnberg-Fans, dabei erblindete eine Frau auf einem Auge. 2009 prügelten sich Mitglieder mit Polizisten auf dem Würzburger Bahnhof. Im April 2013 kam es vor dem Spiel gegen Nürnberg zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Daraus resultierten viele Stadionverbote, die der FC Bayern, wie am Mittwoch bekannt wurde, nun wieder ausgesetzt hat.

Ob diese Mitglieder die gleichen sind, die in stundenlanger Arbeit ein überlebensgroßes Kurt-Landauer-Gemälde zeichnen? Unklar. Müller sagt jedenfalls: "Für uns ist Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft mit all seinen Erscheinungen."