Literatur:Von Koffern verfolgt

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Leben im "Gefühl der Zeitlosigkeit": Ein Abend mit den ukrainischen Schriftstellerinnen Natalka Sniadanko und Kateryna Mishchenko und der Münchner Kollegin Birgit Müller-Wieland im Münchner HP8.

Von Antje Weber, München

Übersetzt man das Wort Fluchtgepäck wörtlich ins Ukrainische, heißt es "Angstkoffer". Was müsste in diesen Koffer hinein? Das fragte sich Kateryna Mishchenko angesichts des seit acht Jahren dauernden Krieges immer wieder. Sie beschrieb in einem hellsichtigen Essay für die SZ bereits im Januar den Krieg als "unfassbar", benannte ihre Ratlosigkeit und den Entschluss, im Ernstfall nicht zu fliehen.

Jetzt, im Oktober, sitzt Mishchenko im HP8 und liest ihren Text von damals vor. Inzwischen ist die Kiewer Verlegerin und Essayistin eben doch geflohen und mit ihrem Sohn in Berlin untergekommen. Ihr Begriff des "Angstkoffers" gibt dieser Veranstaltung den Titel; die seit langem in der Vernetzung deutsch-ukrainischer Schriftsteller engagierte Kulturveranstalterin Verena Nolte hatte in Kooperation mit unter anderem der MVHS drei Schriftstellerinnen eingeladen, als Münchner Auftakt des diesjährigen Treffens ihres Langzeitprojekts "Eine Brücke aus Papier".

Mit den quietschenden Rädchen eines Koffers beginnt auch ein Text, den die Schriftstellerin und Übersetzerin Natalka Sniadanko eigens für den Abend geschrieben hat. Er mündet in die Beschreibung einer Flucht, die mit einem Familien-Kurzurlaub in Krakau begann. Nun lebt Sniadanko mit ihren beiden Kindern als Stipendiatin in Marbach. "Für lange?" fragten die Kinder bei der Ankunft, "und erwarten keine Antwort". Ihr Mann hat sich in der Ukraine zum Militär gemeldet, in ihrer Wohnung in Lwiw leben Geflüchtete.

"Hier leben wir auf der Taste Stopp"

Da ist soviel Dringlichkeit in und zwischen den Zeilen zu spüren, dass die Gedichte der aus Österreich stammenden Lyrikerin Birgit Müller-Wieland, die seit jungen Jahren immer wieder fasziniert in die Ukraine und damit "in die Geschichte Österreichs" gereist ist, notwendigerweise einen anderen und doch mitschwingenden Ton setzen. Zeilen wie "Dem Himmel geht das Grün nicht aus" möchte man gerne als hoffnungsvoll deuten an einem Abend, der als Momentaufnahme nur ein Versuch der Annäherung an so viele schwelende Fragen sein kann: Wie lässt sich umgehen mit der Angst, mit der immer schwierigeren Kommunikation zwischen Geflüchteten und Gebliebenen? Wie lässt sich überhaupt der Krieg mittels Sprache fassen?

An diesem Abend gelingt das am besten in den Texten. Wobei im Gespräch auch deutlich wird, wie stark ein "Gefühl der Zeitlosigkeit" auf den Exil-Autorinnen lastet: "Hier leben wir auf der Taste Stopp", sagt Sniadanko. Die Angst sei einer "Art Trauer" gewichen, ergänzt Mishchenko. Und erzählt, dass das Thema Koffer sie nicht loslasse. Durch ihre Fantasie spuken Atomkoffer ebenso wie der Koffer, in dem Putin angeblich heimlich seinen Stuhlgang transportieren lässt. Diese Koffer, sie "verfolgen mich".

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