bedeckt München

Typisch deutsch:Faltenlos durch die Stadt

Immer wie aus dem Ei gepellt: Die Münchner neigen auch bei der Klamotte zur Perfektion.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Bewohner dieses Landes - und die Münchner im Speziellen - neigen zu einer unerträglichen Verkörperung von Perfektion, findet unser Autor.

Kolumne von Olaleye Akintola

Der Herbstmantel fällt so, dass er keine Falte wirft. Schuhe aus braunem Leder glänzen in der Oktobersonne, und selbst bei Wind sitzen die Haare, als wären sie gemeißelt. Der Münchner Souverän in seiner flanierenden Reinform. Isar-auf und -abwärts flaniert er dieser Tage wieder durch die Auen, ehe die beigen Trenchcoats den schwarzen Wintermänteln weichen und der Münchner Perfektionist den stilistischen Übertritt vom Herbst in den Winter vollzieht. Und man fragt sich: Können die Bewohner dieser Stadt auch irgendwann einmal einen stilistischen Fauxpas begehen?

Der Kleidungsstil des Durchschnittsmünchners passt zu einer Mentalität dieser Stadt, die mir seit meinem ersten Tag in Deutschland zu schaffen macht. Die Bewohner dieses Landes - und die Münchner im Speziellen - neigen zu einer unerträglichen Verkörperung von Perfektion. Alles muss mit militärisch anmutender Präzision ausgeführt werden, ohne Raum für Fehler. Ordonnanz! In meiner Wohnung musste ich zunächst das Abfallsystem verinnerlichen. Die Farbtrennung war meine erste Lektion im süddeutschen Perfektionismus.

Perfektion entsteht durch Kontrolle, und so wandern Berichte vom Mitarbeiter zum Vorgesetzten, von da zum Generaldirektor und zurück. Im öffentlichen Dienst hat ein Angestellter das Recht, eine Entscheidung monatelang hinauszuzögern, bis er eine Genehmigung vom Chef bekommt. Wenn der Chef im Urlaub ist, muss der Antragsteller warten.

Dies ist der große Nachteil beim Streben nach Perfektion. Es geht Zeit verloren, und so manche Perfektion wird nie erreicht. In einer Herstellungs- oder Produktionsfirma kann eine winzige Delle oder ein Fleck auf einem Produkt die Vernichtung des Artikels rechtfertigen. Nur ein winziger Fehler, der ausgelöscht oder korrigiert werden könnte, doch das Produkt landet auf dem Müll.

In einem großen Münchner Restaurant werden täglich viele Kilo Lebensmittel nach Feierabend in den Mülleimer geworfen. Alles im Namen der täglichen Versorgung der Mitarbeiter des Unternehmens mit ausschließlich frischer - perfekter - Ware. Ein surreales Vorgehen, wo doch einige Lebensmittel nach dem dritten Aufwärmen besser schmecken als am Anfang. So zumindest sehen es viele dort, wo ich kochen lernte.

Die idealistische Geisteshaltung war für mich stets von großem Wert. Aber es ist schwer, diese Linie konsequent durchzuziehen, wenn man wie in München von Puristen umgeben ist, die einem ständige Souveränität demonstrieren. Die Frage ist, ob die Münchner tatsächlich so souverän sind, oder ob die demonstrative Souveränität als Schutzschild für innere Wankelmütigkeit herhalten muss. In einem Punkt ist der Perfektionismus dieses Landes ein Segen: Das Aufkommen des Coronavirus hat gezeigt, wie schwerwiegend die Folgen von Nachlässigkeit sein können. Allerdings nicht beim Tragen von Lederschuhen und Herbstmänteln.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

© SZ vom 30.10.2020/vewo
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