Trauerfeier Weggefährten und Freunde nehmen Abschied von Abi Ofarim

Die Söhne Tal und Gil Ofarim (von links) am Dienstagmittag am Sarg ihres Vaters auf dem Weg zum Grab.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Musiker liebte nichts so sehr wie seine beiden Söhne Gil und Tal. Auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Freimann verleihen sie ihrer Trauer Ausdruck.

Von Philipp Crone

Gil Ofarim singt diesen Psalm nicht, er brüllt ihn. Der 35-jährige Sohn von Musiker und Produzent Abi Ofarim, der am vergangenen Freitag im Alter von 80 Jahren und nach einer langen Leidenszeit gestorben ist, steht am Dienstagmittag in der Aussegnungshalle des Neuen Israelitischen Friedhofs in Freimann hinter einem Pult. Neben ihm sein jüngerer Bruder Tal, 33.

Die beiden haben zuvor den Reden zugehört, sind zusammen mit Abi Ofarims letzter Lebensgefährtin Kirsten Schmidt gekommen, saßen sich gegenüber, die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen. Sie haben die ersten Beileidsbekundungen noch vor der Trauerfeier entgegengenommen, und immer wieder mussten sie ihren Kopf auf der Schulter eines Freundes abstützen.

Als Gil Ofarim lossingt und sein Bruder kurz darauf einstimmt, wirkt es wie eine kurze Befreiung: die beiden Musiker, die ihre Trauer über den Verlust wenigstens ein kleines bisschen durch schöne Melodien und das gemeinsame Singen kurz verringern können.

Abi Ofarim im Jahr 2013.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Psalm erfüllt den Raum. "Lass mich nicht alleine", bedeuten die Worte ins Deutsche übersetzt, und eigentlich singt das ein Vater zu seinen Kindern, damit die ihn im Alter nicht alleine lassen. Nun singen es die beiden Kinder gemeinsam für den Vater. Denn der, das wird in den Reden von Münchens früherem Oberbürgermeister Christian Ude und Charlotte Knobloch von der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern klar, liebte nichts so sehr wie seine beiden Kinder.

Knobloch spricht von "einem großen Künstler", mit "Löwenmähne und Löwenherz", dessen Shows sie geliebt habe, und spricht über einen "absoluten Mensch, das ist in der jüdischen Sprache das höchste Kompliment". Das sei ein Mensch, der für alle da ist, für seine Familie, für alle, die Hilfe brauchen. Er sei ein "Partner, Freund, Kumpel, Künstler, Rocker, Produzent und ein Idol für so viele" gewesen, bis zuletzt. Über ihn hätte man denken können, sagt Knobloch, dass er ewig lebe, "weil seine Musik nicht alterte". Und er sei noch bis vor seiner Krankheit, die 15 Monate dauerte, "tatkräftig und stimmgewaltig" gewesen.

Ofarim legte einen "kometenhaften Aufstieg hin", sagt Christian Ude, und er verschweigt auch nicht die schwierigen Zeiten. Ofarim wurde über Nacht bekannt, er war zunächst in seiner Heimat Israel Tänzer gewesen, dann kam er als Teenager zum Theater und zusammen mit seiner ersten Frau Esther begann er mit der Musik. Songs wie "Cinderella Rockefella" oder "Morning of My Life" wurden Welterfolge, Ofarim war weiter erfolgreich, auch als das Paar sich trennte, insgesamt hat er 59 Goldene Schallplatten erreicht und Millionen Platten verkauft.

Doch Ofarim stürzte ab, nach Alkohol- und Drogenexzessen war er pleite und musste 1979 sogar ins Gefängnis. Danach fing er ganz neu an, produzierte Musik, engagierte sich in ganz Deutschland und trat in Schulen vor die Kinder, um sie vor Drogen zu warnen, wurde Vater, stand 27 Jahre nicht mehr auf der Bühne und erst dann nahm er wieder eine Platte auf. Knobloch zitiert Ofarims Autobiografie: "Anfangen können wir alle, so lange wir leben, immer wieder neu, damit es morgen noch schöner wird."

Auch der ehemalige Münchner Bürgermeister Christian Ude ist auf dem jüdischen Friedhof dabei.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ofarim sei "ein Star in einer Reihe mit den Beatles oder Bee Gees", sagt Knobloch, selbst die Queen tanzte zu seinen Songs. Und Ude spricht von "grandiosen Zeiten und tragischen Situationen", vom unglaublichem Aufstieg und dramatischen Abstürzen. All das hören die Söhne und Lebensgefährtin Kirsten Schmidt, während sie auf den Sarg schauen. Das Grandioseste, sagt Ude, seien für Abi Ofarim seine beiden Söhne gewesen. Ude war ein Nachbar von Ofarim, er kannte den Musiker nicht lange, aber dafür intensiv in den vergangenen drei Jahren, vor allem auch durch das Engagement Ofarims in seinem Projekt "Kinder von gestern", das Senioren unterstützt.

Ofarim habe ein Lebensgefühl verkörpert mit seiner globalen Präsenz, sagt Ude, der Musiker sang in verschiedenen Sprachen, vermittelte Tatkraft und eine positive Verbundenheit zu den Menschen. "Sein Handdruck ist mir unvergesslich", sagt Ude, der in seinem Leben sicher einige Tausend Handdrücke gespürt haben dürfte.

Ein langer Trauerzug macht sich hinter dem Sarg am Ende auf den Weg zum Grab. Es sind Freunde aus Schwabing, wo er wohnte dabei, Wirt Hugo Bachmaier, Schauspieler Ernst Hannawald, Nachbarin Ingrid Steeger. Auch in der Münchner Gesellschaft hatte Ofarim immer einen besonderen Status. Da war er der sonnige Mensch, der optisch ein wenig altrockerhaft wirkte, aber einem mit einem Lächeln völlig vereinnahmen konnte.

Am Grab schüttet Gil Ofarim mit einer Schaufel Erde auf den einfachen Holzsarg. Mit der Wut der Trauer rammt er den Spaten in den Kies, vier Mal, dass es ganz schrecklich zischt und knirscht, dann hat er keine Kraft mehr. Tal Ofarim klagt immer wieder laut, Helfer übernehmen und schütten das Grab zu, es knirscht und quietscht weiter, bis es irgendwann still ist. Die Brüder liegen sich in den Armen, Freunde und Angehörige stehen eng um sie herum, dann hebt Tal Ofarim den Blick - und lächelt zum ersten Mal.

Besser informiert - mit SZ München