Trattoria und Pasticceria Bussone Eine Dosis Italien

Besitzer Felice Bussone und sein Sohn Carmine Bussone in ihrem Lokal.

(Foto: Stephan Rumpf)

Pizza und Pasta schmecken so wie dort, wo Familie Bussone herkommt. Während die Küche konstant gut ist, sind die Schwankungen im Service aber atemberaubend.

Von Karl-Heinz Peffekoven

Es gibt eine nicht geringe Anzahl von Filmen und Büchern, die von der italienischen Geliebten handeln. Mangels eigener Erfahrung müssen wir uns auf diese Quellen berufen. Demnach zeichnet sich die italienische Geliebte durch klangvolle Namen, große Schönheit, Anhänglichkeit und ein feuriges Temperament aus, freilich auch durch eine bei Gelegenheit ins Unbegreifliche ausschlagende Launenhaftigkeit. Und dennoch: Der Liebende bleibt ihr verfallen.

Man sollte dies wissen, um das wachsende Reich der Brüder Bussone in Sendling zu verstehen: die Trattoria und die Pasticceria, neuerdings gibt es noch einen kleinen Bar-Ableger an der Implerstraße. Eigentlich ist das, für Münchner Verhältnisse, noch ein raues Terrain, in das die Bussones eine wachsende Zahl von Fans ziehen. Die Großmarkthallen, einfache Altbauten, und mittendrin die Einkaufsinsel mit den einstöckigen Buden, mit Fischhändler, Imbiss, türkischem Gemüseladen - und eben den beiden Restaurants der Bussones, beide mit schönen Terrassen mitten im Getriebe.

Eines ist gewiss: Trotz der lässigen, ja raubeinigen Marktatmosphäre zählt Bussones Trattoria zu den besseren Italienern der Stadt. Die Pizzen sind sehr groß, sehr dünn, sehr pikant, so wie dort, wo die Bussone-Familie vor fast vier Jahrzehnten herkam, aus der Gegend um Neapel. Vergnüglich ist auch die "Spaghetteria", wie man sie dort kannte: Für drei bis sechs Personen gibt es einen großen Topf Spaghetti, entweder ganz einfach, aber herrlich scharf mit aglio olio, viel Knoblauch, Öl und Peperoni, oder mit Tomaten und Mozzarella oder Salsiccia. Als gute Wahl erwies sich auch der Risotto Pescatore: Der Reis war von der genau richtigen Konsistenz, das Meeresgetier - Edelfischstücke, Crevetten, Muscheln - großzügig darin verteilt und alles sorgfältig mit Zitrone abgeschmeckt.

Kunst auf Tellern

Das Geheimnis der Bussoneschen Kochkunst ist es, höchst schmackhafte Gerichte von einfacher Herkunft zuzubereiten. So war der Schwertfisch bis kurz vor den Punkt gebraten, sehr saftig - und zerging auf der Zunge. Ähnlich gelungen die Rinderstraccetti, sehr fein geschnittenes Rindfleisch, in Knoblauch ganz kurz gebraten; die Sauce, mit Chili und Rosmarin verfeinert, ließ das Ganze zum Kunstwerk werden.

Die Küche ist fast konstant gut. Die Schwankungen im Service aber sind atemberaubend: Meistens ist es hier sehr nett, ja wunderbar, persönlich, fröhlich, laut und zwanglos. Man sitzt eng, und wenn die Serviererin mit der Reibeisenstimme quer über die Tische ruft: "Va bene, Jungs?", fühlt man sich am richtigen Ort. Empfindsamere Gemüter können sich freilich daran stören, dass der eine schon die Hauptspeise erhält, während der andere noch auf die Antipasti wartet. Die Speisenfolge scheint mitunter einem Zufallsgenerator zu gehorchen.

Aber das sind Peanuts gegen jenen Abend, an dem dunkle Gewitterwolken über den Himmel zogen. Während draußen der Sturm erst aufzog, war er drinnen, in der Trattoria, schon ausgebrochen. Zischend haderten Küche und Serviererin, der Chefkellner knallte den Gästen wortlos die Teller auf den Tisch, und die freundlichen Bitten einer Gruppe junger Frauen, doch bitte die bestellten und nicht die unbestellten Speisen zu bringen, nahm er mit gemurmelten Verwünschungen und der höhnischen Haltung eines Mannes entgegen, für den die Welt voller unverdienter Zumutungen ist. Seine Kollegin schnauzte Kinder an, welche die Vorspeisenvitrine ansehen wollten: "Geht zurück auf euren Platz."

Vorstadt von Genua oder Thalkirchner Straße?

An diesem Abend empfahl es sich, Nachspeise und Grappa lieber eine Tür weiter zu nehmen. Dort, in strategisch günstiger Ecklage, wartet der kleine Bussone. Die Atmosphäre eines echten und verlässlich freundlichen italienischen Arbeiterlokals findet sich in München wohl kein zweites Mal. Von früh bis spät zeigt der riesige Bildschirm Sehnsuchtsbilder aus Italien, am Morgen nehmen die Arbeiter aus den Markthallen hier ihren Espresso oder ein zweites Frühstück.

Zu allen Tageszeiten findet man italienische Männer, denen das Lokal ein zweites Zuhause ist, die laut miteinander und in ihre Handys parlieren, Frauen nachpfeifen und ihre schönen Autos so parken, dass jeder Gast sie sehen muss. Man könnte fast den Verdacht haben, die Bussones hätten diese Leute angemietet, um Italien zu präsentieren, wie die Deutschen es sich vorstellen; aber es ist, wie es ist, und bei längerem Aufenthalt weiß man irgendwann kaum noch, ob das noch die Thalkirchner Straße ist oder eine Vorstadt von Genua. Es ist ein Ort, der aus sich selbst heraus stimmt - und der das Glück hat, dass seine Terrasse noch in der Sonne liegt, wenn über die Nachbarschaft längst die Schatten der Häuser gefallen sind.

Für ein Lokal dieser Art ist die Küche recht gut. Die Pizzen hielten den Vergleich mit dem großen Bruder nebenan aus; die Spaghetti mit Pfifferlingen waren zwar sehr ölreich, aber auch schön würzig. Interessant war die proletarische Saltimbocca-Variante, die Schnitzel mit Salbei und Parmaschinken waren hier schwer und dick, aber dennoch zart genug. Gemüse gab es selten, eher Kartoffeln und Salat. Beim Lachs war die Sauce leider nicht cremig, auch das Vitello Tonnato hätte zarter sein können. Insgesamt also kein Ort der Verfeinerung - außer bei den Nachspeisen, die es auch zum Mitnehmen gibt.

Die Kinder lieben die Windbeutel mit Vanillecreme, Erwachsene schätzen Pistaziencremewindbeutel. Was man wie schnell bekommt, ist ebenso Glückssache wie nebenan, was beim Mittagstisch für Termingeplagte zum Problem werden kann. So schön das Fernwehreich der Bussones ist: Sie müssen aufpassen, dass sie nicht zu lässig werden, denn dann beginnt die Nachlässigkeit, die genau das gefährden könnte, was diese beiden Lokale verkörpern: ein Stück echtes Italien mitten in München.

Die Preise reichen vom Mittagstisch für sechs Euro bis hart an die 20 Euro für Hauptgerichte heran, bleiben aber dort meist bei 12 bis 15 Euro. Die Weine, allesamt kräftig und gut, sind großzügig kalkuliert: Das Glas Lugana Weißwein für 7,95 Euro ist anscheinend ein Experiment des Wirts, was treue Kunden zu zahlen bereit sind, wenn er es nur verlangt.