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Till Lindemann:Eine eklig-schöne, durchkomponierte Gesellschaftskritik

Till Lindemann und Peter Tägtgren

Till Lindemann und Peter Tägtgren (rechts). Beim Konzert in München spricht der Sänger nicht mit seinen Fans. Interaktion zwischen Künstlern und Publikum findet trotzdem statt.

(Foto: PR)

Der Rammstein-Frontmann wirft beim Konzert seines Solo-Projekts in München Zitronentorten und tote Fische ins Publikum. Und sonst: viel Sex, etwas Blut. Mit Schmuddelecke hat das alles dennoch wenig zu tun.

Der Geruch von Zitronen-Sahne-Torte und rohem Fisch, der bleibt zurück. Ebenso das Bild der dunkelhaarigen Frau aus der ersten Reihe, die sich obenherum ausgezogen hat, um die fünf Männer auf der Bühne vor ihr zu beeindrucken. Und so mancher Gedanke darüber, was man gerade eigentlich erlebt hat beim Konzert von Rammstein-Frontmann Till Lindemann, der sich mit dem Multiinstrumentaler und Musikproduzenten Peter Tägtgren für sein Solo-Projekt Lindemann zusammengeschlossen hat. Tatsächlich ist es keine leichte Kost, die Lindemann am Montagabend in der ausverkauften Zenith-Kulturhalle in München den knapp 6000 Zuhörern serviert.

Die Lieder, sie handeln von übergroßen Glücksgefühlen und tiefen Depressionen, von Krebserkrankungen und Nahtoderfahrungen, von Abtreibung und Drogenabhängigkeit. Kurz: vom menschlichen Leben in all seinen Abgründen. Natürlich geht es auch um Sex, weshalb Minderjährige erst gar nicht reindürfen bei der gesamten Tour.

Über die Musik muss man nicht viel sagen: Man mag Lindemann mit seinen harten Tönen und der noch härteren Stimme. Oder man mag ihn nicht. Tägtgren zeigt, dass er zurecht nicht nur für andere produziert, sondern auch selbst auf der Bühne steht. Trotz lädiertem Finger brilliert er an der Gitarre. Bei den beiden Studioalben "Skills in Pills" und "F&M - Frau und Mann" hat Tägtgren nach eigenen Angaben alle Instrumentalparts selbst eingespielt. Das geht live nicht, da sind zur Unterstützung drei weitere Musiker mit dabei.

Die Show gleicht einer durchkomponierten Gesellschaftskritik. Till Lindemann verdichtet, spitzt zu, schafft komische Parallelwelten, spielt mit Tabus. Und er schafft dabei etwas, was wenigen gelingt: Er kommt ohne den im öffentlichen Diskurs fast schon obligatorischen erhobenen Zeigefinger aus. Bei "Allesfresser" werfen die Musiker cremige Zitronentorten in die Zuschauermenge, um bei "Blut" mit rot beleuchteten Wasserfontänen dabei behilflich zu sein, den Klebekram wieder abzuwaschen. Das echte Blut, das kommt dann bei "Fish On", wenn Till Lindemann tote Fische ins Publikum katapultiert, von denen nicht wenige postwendend auf die Bühne zurückfliegen.

Der Sänger thematisiert sein Verhältnis zu Frauen auf seine Weise: Vor "Platz eins", das unzensierte Video dazu ist nur auf einer Pornoseite im Netz zu sehen, lässt er eine unbekleidete Frau aus einem Buch vorlesen und schlägt ihr - irgendwo zwischen liebevoll und misogyn - auf den Po, wenn sie einen Fehler macht. Bei "Golden Shower" hingegen läuft ein Video mit nackten Vaginen, das fast schon als respektvolle Hommage an das weibliche Geschlecht durchgeht.

Lindemann löst auch ganz ohne Rammstein Kontroversen aus. "Lindemann provoziert nach Kräften", stand in den vergangenen Wochen seit Tourstart so oder ähnlich überall zu lesen. Oder: "Neue Bösartigkeiten von Till Lindemann. Fans schockiert." Davon allerdings ist beim Münchner Konzert, zu dem die Anhänger auch aus Österreich und Italien angereist sind, nichts zu spüren. Die Fans nehmen es Till Lindemann auch nicht übel, dass er mit Ausnahme eines "Danke" am Ende nicht mit ihnen spricht, sie weite Teile seines Auftritts noch nicht einmal ansieht. Und doch interagiert er mit ihnen. Er und seine Musiker sind in weiß gekleidet und werden genau wie die Menschen vor ihnen im Verlauf des Konzerts immer nasser, immer dreckiger, immer euphorischer. Es ist eklig, keine Frage, aber es macht Spaß. Würde das Ganze irgendwo in der Innenstadt auf einer Theaterbühne stattfinden: Man würde es sofort als Kunstform anerkennen. So aber bleibt das Projekt bislang in der öffentlichen Wahrnehmung in der Schmuddelecke stecken. Zu Unrecht. Davon darf sich jeder selbst überzeugen, der sich traut, sich einen Abend lang darauf einzulassen.

© SZ.de/pvn
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