bedeckt München
vgwortpixel

Stadiontour von "Rammstein":Und dann macht es sehr laut Bumm

Fotos für die Süddeutsche - bezogen über die Rammstein Agentur. (Veröffentlichung bitte erstmal nur zur aktuellen, einmaligen Berichterstattung)

Pyrotechnik hin oder her, Rammsteins Wunsch, nicht nur als Spektakeltruppe Wertschätzung zu erfahren, ist mehr als begründet.

(Foto: Jens Koch)

War "Rammsteins" Tourauftakt-Show in Gelsenkirchen nun größer als erwartet oder sparsamer? Die einzig adäquate Antwort auf diese Frage lautet ganz entschieden: beides.

Hach ja: Feuerwerke. Immer wieder herrlich, immer wieder auch ein bisschen erschreckend, wenn es heiß wird im Gesicht, und immer viel zu schnell vorbei. War das überhaupt jemals wirklich eine reine Feier des Hier und Jetzt, oder haben in diesen kurz aufflackernden Monumenten des Moments auch früher schon so viele Funken von Nostalgie gesteckt? Dass die Pyrotechnik ihre größten Tage hinter sich hat, liegt ja nicht nur an Feinstaubwächtern, die die Knallerei zu Silvester verbieten wollen, oder an Fußballverbänden, die das Anzünden von bengalischen Feuern im Stadion untersagen. Es liegt einfach daran, dass die größten Tage der Pyrotechnik, wie man weiß, bereits in die Regierungszeit von Ludwig XV. fielen. Nie wieder wurden danach derartig üppige, teure, allein der Schaulust dienende Bühnen für die Ballerei gebaut.

Außer vielleicht von einer gewissen Rockband aus Berlin.

Auch Kulturhistoriker mit dem Fachgebiet ephemere Festarchitekturen und barocke Feuerwerkskultur können ja nun einmal leider nicht ins Frankreich des 18. Jahrhunderts zurück, um nachzusehen, wie das damals gewesen sein mag. Aber sie konnten diesen Montag nach Gelsenkirchen zum Auftakt von Rammsteins großer Stadiontour in diesem Sommer, wobei dort der Zugang für Interessierte noch limitierter war als einst der zum königlichen Schlafzimmer von Versailles.

Es knallt, donnert und lodert sogar gewaltig, nur ein bisschen sparsamer als früher

Die Tour war von Anfang an komplett ausverkauft. Aber 60 000 haben es immerhin doch in die Arena auf Schalke geschafft, darunter neben vielen sehr aufgeregten jüngeren, für die es das erste Mal sein sollte, auch viele ältere Fans von der Sorte, die Rammstein schon lange begleiten, in all der Zeit aber nicht ganz so viel Sport getrieben haben wie die Band, was mitunter immerhin zu Körpern führt, die sich nicht so leicht umhauen lassen in ihrer ebenfalls irgendwie barocken Massivität. Der Typus des Rockers, dessen Rücken groß genug ist, um sämtliche Tourneedaten zur Not auch nebeneinander aufs T-Shirt zu drucken, er ist im Ruhrgebiet jedenfalls noch eindrucksvoll präsent.

Pop Fahrstuhlmusik für Pinguine auf dem letzten Eisberg Bilder
Alben der Woche

Fahrstuhlmusik für Pinguine auf dem letzten Eisberg

Morrissey frönt einer Art kalifornischem Biedermeier, Flying Lotus funkt Signale aus der Vergangenheit und Amyl and the Sniffers sind sehr, sehr wütend.

Die Frage war für die Band und ihren Tross nach all den Jahren gemeinsamen Alterns offensichtlich schlicht die, wie man dermaßen schwere, auch nur noch schwer zu beeindruckende Connaisseure der Überwältigung trotzdem noch einmal umhauen könnte. Die Frage ist, wie man Leuten noch kommen kann, die einen schon in Embryonalblasen von der Decke her einschweben sehen haben oder mit der Spitzhacke den Weg durch die Bühnenrückwand freihackend.

Diesmal machte es nur sehr laut Bumm. Flammen fuhren in Richtung Stadiondach und dann kamen die Musiker einzeln aus dem Keller auf die Bühne und spielten "Was ich liebe", ein nicht besonders schnelles, nicht besonders theatralisches, eigentlich fast schon balladeskes Lehrgedicht von ihrer neuen Platte, in dem es wesentlich darum geht, dass Liebe am Ende immer auf ein einziges Zerstörungswerk hinausläuft, daher lieber unterlassen werden sollte. Unterkühlter kann man vermutlich gar nicht Hallo sagen. Souveräner kann man aber vielleicht auch nicht auf eine Bühne kommen als so - komplett ohne Showeffekte, einfach in der Reihenfolge des musikalischen Einsatzes.

Als es mehr als zwei Stunden später noch einmal sehr laut Bumm gemacht hat und ein letztes Mal die Flammen versucht haben, dieses lästige Dach von der Schalke-Arena zu brennen, standen jedenfalls alle noch eine ganze Weile wie betäubt vor den Bierständen und bohrten sich in den Ohren, sowohl diejenigen, die schon viele Rammstein-Konzerte gesehen haben als auch natürlich die, für die es das erste war, und fragten sich, ob das jetzt eine größere Show war, als sie erwartet hatten oder doch eher eine deutlich sparsamere. Und die einzig adäquate Antwort, die man guten Gewissens darauf geben könnte, lautet ganz entschieden: beides.

60 000 Menschen riefen recht laut "Deutschland". Die AfD würde das trotzdem nicht freuen

Die Neuigkeit über Rammstein im Jahr 2019 ist, dass man ihre Show nicht mehr unbedingt als Operette bezeichnen kann oder als Musical oder als Jahrmarkts-Sideshow mit Gruselmoritaten, obwohl sie von alldem immer noch etwas hat. Sondern: als Inszenierung eines klassischen, fast schon klassizistischen Rockkonzerts. Nun könnten einem gerade Kulturhistoriker mit dem Fachgebiet Barock bestätigen, dass nach Phasen des theatralischen Überbordens häufig so eine Phase der Läuterung und Entschlackung folgt. Aber wer hätte das ausgerechnet bei Rammstein für möglich gehalten?

Die sechs stehen zwar immer noch so symmetrisch und zurechtstilisiert auf der Bühne wie die Buchsbäume in einem Landschaftsgarten von Le Nôtre, jeder spielt dabei wie immer seine Rolle, als wären es Figuren aus der Commedia dell'Arte, und keiner muss von ihnen irgendein rockistisches Authentizitätsgetue fürchten oder gar kumpelige Ansprachen ans Publikum. Aber sie stellen jetzt eindeutig mehr ihr Musizieren in den Vordergrund als die Theater- und die Knalleffekte. Nicht, dass es die nicht mehr gäbe. Es knallt, donnert und lodert sogar gewaltig, nur ein bisschen sparsamer als früher, dafür aber vielleicht noch effektiver.

Fotos für die Süddeutsche - bezogen über die Rammstein Agentur. (Veröffentlichung bitte erstmal nur zur aktuellen, einmaligen Berichterstattung)

Jeder spielt seine Rolle: Rammstein in Gelsenkirchen.

(Foto: Jens Koch)

Es ist manchmal, als ob eine einzige Rakete, die durch den Raum geschossen wird, all die anderen noch einmal mit zur Aufführung bringt, die im Laufe von 25 Jahren schon verfeuert worden sind. Zwei klassische Klaviervirtuosinnen aus Frankreich spielen eine Rolle, der Schlagzeuger fährt auf dem Fahrrad durch die Halle, und die anderen bewegen sich in Schlauchbooten über das Menschenmeer, was seit den Flüchtlingsdramen im Mittelmeer auch ernster wirkt als noch vor Jahren. Auch wird Keyboarder Flake Lorenz wieder im Kochtopf mit dem Flammenwerfer beschossen, und für das sehr psychotische neue Stück "Puppe" fährt als gespenstischste Theaterattrappe aller Zeiten ein dermaßen ins Gigantische vergrößerter Kinderwagen auf die Bühne, dass die ja doch recht stattliche Erscheinung des Sängers Till Lindemann tatsächlich wie ein gestörter Dreijähriger am Lenker hängt. Aber alle diese Dinge haben jetzt immer etwas von Zitaten der früheren Theatralik. Das alles passiert auf einer Bühne, die von dem Münchner Florian Wieder aus so vielen Bauteilen, Boxen und Lampen aufgebaut wurde, dass es 120 Sattelschlepper dafür braucht. Und wenn diese Bühne nicht in Stadien aufgebaut wird, die wie die Arena auf Schalke ein Dach haben, weshalb Rammsteinfans aus Dortmund auch konsequent von einer Turnhalle sprachen, dann ist diese Bühne sogar noch deutlich höher.

Man denkt dabei nacheinander an "Metropolis" und Steampunk, an den Film "Blade Runner" und an "Hau den Lukas" auf dem Rummelplatz, und soll das auch. Die Lichtshow, die der ebenfalls aus München stammende Roland Greil aus dem Studio des Rock 'n' Roll-Großbeleuchters Patrick Woodroffe programmiert hat, lässt allerdings auch gelegentlich an die letzten Touren von Stadionrockbands wie den Rolling Stones oder Genesis denken, denn so etwas sind Rammstein ja nun inzwischen selber auch. Und der offensichtliche Wunsch, nicht nur als Spektakeltruppe, sondern auch als Musiker Wertschätzung zu erfahren, ist nicht nur nachvollziehbar, sondern auch mehr als begründet, wenn jemand die Nerven hat, sich so begeistert zu zwei einander angeblich ausschließenden Jugendlieben auf einmal zu bekennen, nämlich harten Rock und melodischen Synthiepop.

Allein für die Idee, einen elektronischen Gruß an Anne "Our Darkness" Clark in die zerpflückte Gitarrentechnik von AC/DC münden zu lassen, hat sich das Stück "Deutschland" auf der ersten Rammstein-Platte seit zehn Jahren im Prinzip schon gelohnt, nicht zuletzt aber auch dafür, dass seitdem das Genre des Musikvideos wieder eine Rolle spielt wie seit den Zeiten von MTV nicht mehr. Was alles andere betrifft, das dazu gesagt und orakelt und befürchtet wurde, und das war nun wirklich eine Menge, kurz nur dies: Ja, gut 60 000 Menschen in Gelsenkirchen riefen recht laut "Deutschland" zu dem Stück. Aber nein, man hatte deswegen trotzdem nicht den Eindruck, dass da ein AfD-Parteitag den Kyffhäuser anbrüllt. Es war eher so wie damals, als bei Konzerten mit Jello Biafra Säle voller Punks den Namen von Pol Pot skandierten, weil der in "Holiday in Cambodia" halt zum Refrain gehört. Hier wie da war die Wirkung eher kathartisch. Es ist jedenfalls schwer vorstellbar, dass Herr Höcke und die Seinen in Gelsenkirchen besonders glücklich geworden wären.

So türmen sich den ganzen Abend über Referenzen und Reverenzen

Dafür insistieren Rammstein bei aller Unlust, zu deutlich zu werden, vielleicht doch zu sehr auf dem Umstand, ein stramm sozialistisches Arbeitskollektiv aus Ostberlin zu sein, das sich sein Geld halt jetzt in dem kapitalistischen Ausland verdienen muss, das vor dreißig Jahren über sie gekommen ist. Immerhin hat sich diese BRD durch ihre Popmusik offenbar trotzdem ein paar Liebeserklärungen verdient: Schon auf der neuen Platte machte es dauernd den Eindruck, als hieße die geheime Sehnsucht von Rammstein im Grunde Düsseldorf. Jetzt haben sie ein paar Autobahnabfahrten zu früh in Gelsenkirchen eine einzige Hommage aufgeführt. Vor das donnernde Nein zu einem "Deutschland" in Fraktur, haben sie zur selben Melodie noch ein kleines, elektronisch piependes Ja in rheinischer Fröhlichkeit eingeschoben: Einer der Gitarristen fährt auf einer DJ-Kanzel in die Höhe, unten tanzen die übrigen in den Strichmännchenkostümen, die man einst von vier Düsseldorfern kannte, die unter dem Namen Kraftwerk auftraten. So türmen sich den ganzen Abend über Referenzen und Reverenzen, gibt es Verbeugungen in alle Richtungen, nicht zuletzt in Richtung eigenes Frühwerk, und am Ende gibt es einen Abgang, der es, auch in seiner Endgültigkeit, in sich hat.

Fotos für die Süddeutsche - bezogen über die Rammstein Agentur. (Veröffentlichung bitte erstmal nur zur aktuellen, einmaligen Berichterstattung)

Wenn die Band in Schlauchbooten über die Menge fährt, wirkt das heute ernster.

(Foto: Jens Koch)

Also: Empfehlenswerte Veranstaltung?

Was soll man sagen: Wer Rammstein prinzipiell nicht leiden kann, zu stumpf findet oder zu schlagerhaft oder grundsätzlich bedenklich - haben wir damit die gängigen Kritiken einigermaßen zusammengefasst? -, der wird auch bei dieser Stadiontour feststellen müssen, dass die Band sich immer noch nicht in so etwas wie, sagen wir, BAP oder Tocotronic verwandelt hat.

Da das für viele andere Menschen aber wiederum eine eher tröstliche Nachricht ist, kommt hier gleich noch eine: Diese Tour mag ausverkauft sein, aber es wird weitere Sommer geben, in denen die Stadien dieser Welt gefüllt sein wollen, und für diese Art von Feuerwerksmusik sind sie am Ende schon der angemessene Ort.

Pop Rammstein stiften radikale Verwirrung

Neues Album

Rammstein stiften radikale Verwirrung

Die Band provozierte immer schon mit rechter Ästhetik. Wie aber klingt ein Album, wenn rechtsradikales Denken wieder zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft wird?   Von Juliane Liebert