bedeckt München 32°

Theater:Rückzugsort der Erkenntnis

Oracle Kammerspiele

Tor ins Innerste: Je ein Zuschauer begibt sich bei "Oracle" auf den Weg durch die Kammer 2 zu einem Orakel, dem er dann drei Fragen stellen darf.

(Foto: Markus Selg)

Die Kammerspiele starten wieder. Die Premieren "Wunde R" von Felix Rothenhäusler und "Oracle" von Susanne Kennedy spielen an der Grenze des Ichs

Von Christiane Lutz

Wenn an diesem Montag viele Theater in Bayern wieder aufmachen dürfen, ist das für ein Münchner Haus besonders wichtig: für die Kammerspiele. Denn dort würde normalerweise gerade der große Endspurt der Intendanz von Matthias Lilienthal stattfinden. Lilienthal verlässt München im Sommer. Ein riesiges 24-Stunden-Projekt zum Roman "2666" von Roberto Bolaño, bei dem Zuschauer durch die ganze Stadt gefahren wären, hätte der Abschluss werden sollen, groß und unvergesslich.

Jetzt ist Lilienthal froh, dass er überhaupt noch zwei der geplanten Produktionen zur Premiere bringt: "Oracle" von Susanne Kennedy und dem Künstler Markus Selg, dann noch "Wunde R", ein Text von Enis Maci, den Felix Rothenhäusler inszeniert. Beide Teams hatten gerade mit den Proben begonnen, als die Theater schließen mussten. Unter all den jetzt zwingenden Hygieneregeln kehrten sie zurück und passten ihre Inszenierungen an die neue Normalität an. Für beide eine Herausforderung, die aber unerwartet gut zu den jeweiligen Arbeiten passte.

Kennedy und Selg hatten mit "Oracle" eine begehbare Installation für je vier Personen in der Kammer 2 geplant, nun darf eben immer nur einer rein - alle sechs Minuten. Anzunehmen, dass Susanne Kennedys Produktionen besonders Corona-freundlich seien, ist übrigens ein Irrtum. Klar spielen bei ihr alle mit Masken, werfen sich nicht aufeinander, sprechen meist nicht einmal selbst. Aber die Vorbereitungen dafür erfordern die große Nähe von Maskenbildnern - unmöglich zur Zeit.

Bei "Oracle" wird der Zuschauer auf eine Reise zu einem Orakel geschickt, dem er dann drei Fragen stellen darf: "Vom Orakel bekommt man meist eine Information, die man nicht erwartet. Etwas, das man selbst entschlüsseln muss, wenn man bereit dafür ist, sich selbst zu erkennen", sagt Kennedy. In der Antike war das Orakel ein Ort des totalen Rückzugs, man übernachtete sogar dort. "So etwas gibt es ja heute gar nicht mehr, daher holen wir das ins Theater." Durch die Corona-Krise, findet Kennedy, ist die Sehnsucht nach Erkenntnis noch stärker geworden. In der sozialen Isoliertheit würden Menschen auf sich selbst zurückgeworfen und erführen Dinge, die sie gar nicht wissen wollten. "Das Insichgehen ist wichtiger denn je", sagt Kennedy, "da rede ich auch von mir." So wird "Orcale" eine ihrer vorerst letzten Inszenierungen sein. Sie macht ein Sabbatical bis Ende 2021.

Am frühen Abend dann hat "Wunde R" in der Kammer 3 Premiere. Ob man das jetzt "Wunder" oder "Wunde R", also wie eine Verletzung, ausspricht, bleibt dem Betrachter überlassen. Der Text der Autorin Enis Maci jedenfalls thematisiert den menschlichen Körper in all seiner Verletzlichkeit. In assoziativ aneinandergereihten Szenen berichten vier Schauspielerinnen vor allem vom weiblichen Körper - von der Heiligen Elisabeth von Thüringen und Rabia von Basra bis zu Mutter Theresa - und vom Wunsch, die Grenzen des Ichs zu überwinden und zu einem Wir zu finden. Auch seltsam passend zur gegenwärtigen Situation. Felix Rothenhäusler, seit Jahren wiederkehrender Regisseur an den Kammerspielen, ist so etwas wie ein Experte fürs Assoziative und für rhythmische Wortgebäude auf der Bühne. "Nach eineinhalb Wochen Proben gingen wir wieder auseinander. Auch da war die Frage: Wie kommen wir nach der Vereinzelung wieder zusammen? Wie können wir Grenzen neu verschieben, auch ganz praktisch auf der Bühne?" Es habe dann ganz gut geklappt, auch wenn all das Geplänkel vor und nach den Proben weggefallen sei. Sicher denke er darüber nach, wie Theater jetzt gelingen könne, sagt Rothenhäusler. Ob Kunst entstehen kann, die auch funktioniert, wenn man die erschwerenden Umstände nicht entschuldigend abzieht. Je 20 Zuschauer können nun bei "Wunde R" dabei sein, das Ganze darf eine Stunde dauern. Es ist ein Experiment, klar, aber Rothenhäusler sagt: "Ich wünsche mir sehr, dass es eine Größe hat."

Oracle und Wunde R, Kammerspiele

© SZ vom 15.06.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB