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Theater in Memmingen:Welt im Konjunktiv

Blaue Stille

Scherenschnitthaft erstarrt: Sie (Agnes Decker) und Er (Jens Schnarre) leben artifiziell verworren.

(Foto: Karl Forster)

Maya Arad Yasurs Stück "Blaue Stille" in Memmingen

Von Sabine Leucht, Memmingen

Es ist gut eineinhalb Jahre her, da hat Sapir Heller Maya Arad Yasurs "Amsterdam" am Münchner Volkstheater inszeniert: ein Stück wie ein Kaleidoskop, aus dessen Splittern sich eine Krimi-Handlung und eine Fährte in die dunkelsten Kapitel der Geschichte zusammensetzen lassen. Aktuell gibt es am Landestheater Schwaben das jüngste Stück der israelischen Autorin zu sehen. Auch hier geht es um den Widerhall des Vergangenen, doch die Spuren, die zu einer konkreten Story führen könnten, sind noch stärker verwischt, und das Setting ist abstrakter.

Als "Theaterstück in fünf Räumen" schreitet "Blaue Stille" nicht von Szene zu Szene, sondern tatsächlich von Raum zu Raum voran, wobei zwei Personen ohne Gedächtnis den Schlüssel zum jeweils nächsten suchen. Der erste Raum ist in den Regieanweisungen voller Dinge mit eigener Geschichte. In Memmingen, wo Valentina Pino Reyes die Bühne eingerichtet hat, geht es in einer blütenweißen Umgebung los, die sich allmählich mit Farbtupfern füllt wie eine Landkarte, auf der man die bereisten Orte markiert. Es geht um Verdrängung, Selbstverlust und -vergewisserung, vielleicht auch um etwas Herbeispintisiertes, das real keinen Platz gefunden hat im Leben, weil die Möglichkeitsräume zu lange offengehalten worden sind. Man könnte in dieser Welt im Konjunktiv Ehegattin, Kunstkritikerin oder Serienmörder gewesen sein, ein Kind erst gar nicht bekommen oder auf grausame Weise verloren habe. Zwei Paar Mädchenschuhe in einem Koffer, ein leerer Bilderrahmen an der Wand geben Hinweise. Aber fassbar wird nichts. Yasur hält den Assoziationsraum fürs Publikum so offen wie den Möglichkeitsraum für ihre Figuren. Auch die klaustrophobischen Erfahrungen der letzten Corona-Monate dürfen mit hineingelesen werden in die albtraumhafte Escape-Room-Geschichte, die vage an Sartres "Geschlossene Gesellschaft" und Becketts "Warten auf Godot" erinnert. Und selbst Verschwörungstheorien klingen an, wenn immer wieder "die Behörden" oder ein gewisser Sasportas für einfach alles verantwortlich gemacht werden.

Sapir Heller war das dann wohl doch zu vage. Während Agnes Decker als "Sie" und Jens Schnarre als "Er" mit artifiziellen, immer wieder in scherenschnitthaften Posen erstarrenden Bewegungen über die in drei überbreite Tortenstücke unterteilte Drehbühne ruckeln und schnellen, werden sie von einer dritten Person beobachtet, die im Stück nicht vorgesehen ist: Franziska Roth macht Musik, die Schnarre einmal zu erschnuppern scheint wie etwas, das aus der Vergangenheit herüberweht. Die Schleife im Haar weist sie als das verlorene Kind aus, womit die Verdrängungsthese mehr Gewicht erhält. Ob es das braucht, ist schwer zu sagen (nächste Vorstellung am 11. Oktober).

© SZ vom 10.10.2020

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