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Theater:Die Last des freien Mannes

Schwiegermutter und andere Bosheiten
Komödie am Bayerischen Hof

Hauptsache nicht langweilig: In "Schwiegermutter und andere Bosheiten" kämpft Darsteller Michael von Au als Ehemann mit Abstandsregeln sowie den Anforderungen und Koffern seiner Frau.

(Foto: Alvise Predieri)

Die Komödie im Bayerischen Hof eröffnet wieder und zeigt das Boulevardstück "Schwiegermutter und andere Bosheiten" mit Michael von Au

Von Barbara Hordych

Gerade wird eine Szene des Stücks "Schwiegermutter und andere Bosheiten" geprobt, mit Michael von Au in einer ungewohnten Position. Er steht nicht auf, sondern vor der Bühne, leitet seinen Kollegen Pascal Breuer an, der bei der Posse aus der Feder des "Rosenheim-Cops"-Produzenten Alexander Ollig die Doppelfunktion von Regisseur und Schauspieler übernommen hat. Bei einem Antrittsbesuch mit seiner Zukünftigen trifft Breuer unerwarteterweise auf seine Verflossene, die nach den Verwirr-Regeln der Boulevard-Kunst die Freundin seiner Braut ist. "Du musst das wirklich ernst spielen", ruft Au Breuer zu. "Er ist in dem Moment echt verzweifelt, wenn er erkennt, dass er vor vielen Jahren einen Riesenfehler gemacht hat." Sofort verschwindet das charmante Lächeln auf Breuers Gesicht, er wiederholt seine Worte, ist jetzt vollkommen ernst. "Genau, du hast es!", lobt Michael von Au. Auch Breuer ist zufrieden, springt von der Probenbühne der Komödie in Pasing und übernimmt wieder die Regie.

Der partielle Rollentausch war von Anfang an geplant bei dem Stück, mit dem die Komödie im Bayerischen Hof am Mittwoch wieder eröffnet, erzählt Au nach der Probe draußen, wo ein riesiger Sonnenschirm den Sommerregen abhält. "Wenn Pascal auf der Bühne steht, braucht er einfach einen Blick von außen, es ist eine Lösung, die sehr gut funktioniert", sagt Au. Viel schwieriger ist indes der Kampf mit den Abstandsregeln, gerade bei einer Beziehungskomödie "eine kreative Herausforderung", wie er sagt. Viel Probenzeit gehe dabei drauf, zu überlegen, "wie wir in sprechfreien Gängen aneinander vorbei kommen". Und dann ist da noch die Sache mit den Küssen. Dummerweise sind sie derzeit auf der Bühne untersagt. "Wir arbeiten da mit Filmzitaten als Ersatz, aber zu viel will ich nicht verraten", sagt Michael von Au. Lieber spricht er über den Mut der Komödie, den Betrieb wieder aufzunehmen, auch wenn coronabedingt nur vor 154 Zuschauerngespielt werden darf. Und schon ist Au bei der Situation der freiberuflichen Schauspieler, deren Existenz um einiges prekärer ist als die der fest angestellten Kollegen an den Stadt- und Staatstheatern. Au kennt beide Seiten. 23 Jahre war er unter Dieter Dorn festes Ensemblemitglied, erst an den Kammerspielen und dann am Bayerischen Staatsschauspiel, seit 2011 arbeitet er freiberuflich. Während der pandemiebedingten künstlerischen Zwangspause hatte er nun einige Monate Zeit, über die Konsequenzen der Selbstständigkeit nachzudenken.

Dabei ist der 1,86 Meter große, blonde Frauenliebling seit Jahren gut im TV-Geschäft. In zahlreichen, oft seichteren Liebes- und Familienfilmen wird er mit seiner samtigen Stimme häufig als charmanter Freund und Nebenbuhler besetzt. Zu häufig, denn sein großes komödiantisches Talent gerät dabei ins Hintertreffen. Schon sein erstes Engagement hatte der Berliner nach dem Studium an der Schauspielschule Maria Körber in Berlin an der Komödie am Kurfürstendamm. Dort sah ihn Dieter Dorn, holte ihn 1988 nach München an die Kammerspiele. "Auch wenn ich da ernste Rollen wie den 'Prinz von Homburg' und in 'König Lear' gespielt habe, besetzte mich Dorn doch auch in komödiantischen Rollen, denken Sie nur an Yasmina Rezas 'Der Gott des Gemetzels'". Immer wieder habe Dieter Dorn erklärt: "Nur wenn die Figur in einer echten Not ist, entsteht Komik. Wenn ich die Figur dagegen nur vorführe, ist es nicht lustig", zitiert er den früheren Intendanten. Als aber Martin Kušej 2011 neuer Chef des Staatsschauspiels wurde, übernahm er verständlicherweise weder die Erfolgsinszenierung der späten Dorn-Ära noch das Ensemble seines Vorgängers.

Doch auch wenn die Komödien, in denen Au danach spielte, nicht mehr das Staatstheater-Prädikat trugen, zeigte er fortan im Theater am Kurfürstendamm oder im Theater in der Josefstadt immer wieder seine Begabung fürs Komische. Im vergangenen Jahr sprang er in der Tourneeproduktion "Das Abschiedsdinner" ein, "Au brilliert", jubelte danach die Kritik. Die Abwechslung hat er immer geliebt, Boulevardkomödien nie gescheut, "nur langweilig soll es nicht sein", sagt er. Symptomatisch dafür ist sein Ausstieg aus der ZDF-Serie "Samt und Seide" (1999 bis 2002), in der er in der Rolle des Wirtschaftsprüfers Florian Unger zum Publikumsliebling wurde. "Die Serie war eine richtig tolle Sache, ein super Pfund", schwärmt Au noch heute. Trotzdem bat er nach der 51. Folge um einen Unfalltod für seine Figur. Warum? "Es ging ja um die Krise einer Augsburger Textilfirma und die Frage, ob sie gerettet werden kann. Als diese Frage schließlich beantwortet war, blieb für meine Figur nur noch Love-Interest übrig, verliebt mal in die eine, mal in die andere." Schwiegermutters Liebling also für ewige Zeiten. Wie langweilig.

Fast hätte er im vergangenen Jahr noch einmal die Seiten gewechselt, weg von der Freiberuflichkeit. Doch eine Festanstellung am Staatstheater Stuttgart zerschlug sich, wohl auch wegen eines ganz blöden Ausrutschers auf der Straße, bei dem er sich den Fuß brach. "Vielleicht war ich zu ehrlich, als ich das dem Intendanten sofort am Telefon erzählte". Jedenfalls bekam er danach keinen Vertrag mehr. Und Michael von Au, der seit 1988 im Lehel sesshaft ist, blieb in München, "dabei hatte ich mir schon eine Wohnung in Stuttgart angemietet".

Doch nun passen die spitzen schwarzen Lederboots wieder und er freut sich, mit der Arbeit weitermachen zu können. "Ich brauche das Theater", sagt Au. Das Experiment einer Online-"Coronedy" um eine Schauspieltruppe, deren Film abgesetzt wurde, hatte sich nach sechs Folgen "versendet", wie er sagt. "Es sollte mal was anderes sein, tatsächlich haben dann aber sehr viele etwas Ähnliches gemacht", räumt er selbstkritisch ein. Auf die Premiere am Mittwoch ist er sehr gespannt, auch wenn es im Haus recht leer sein wird. Schließlich haben sie auch in den Kammerspielen schon vor lückig besetzten Reihen gespielt, bei Achternbuschs Stück 'Der letzte Gast'", erinnert sich Michael von Au. "Aber da sagst du dir als Schauspieler, egal, für die wenigen Zuschauer gibst du genauso alles, als wenn der Saal komplett voll wäre."

Schwiegermutter und andere Bosheiten, Premiere Mittwoch, 29. Juli, 19.30 Uhr, Komödie im Bayerischen Hof (bis 6. September)

© SZ vom 28.07.2020

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