SZenario:Und zuletzt bezwingt er den Giesinger Berg

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SZenario: Zweite Station, 8 Uhr morgens: Achim Bogdahn liest an der Mariensäule aus "Unter den Wolken".

Zweite Station, 8 Uhr morgens: Achim Bogdahn liest an der Mariensäule aus "Unter den Wolken".

(Foto: Robert Haas)

An 16 Stationen, über 16 Stunden liest Achim Bogdahn aus seinem Buch über Gipfelbesteigungen in 16 Bundesländern. Über eine längere Strecke taucht treu ein Mann in Wanderhose auf.

Von Clara Löffler, München

Es ist kurz vor sieben Uhr am Viktualienmarkt. Die Sonne färbt den Himmel blassgelb. Die Stände sind noch geschlossen, auf den Pflastersteinen mehr Tauben als Menschen versammelt. Aber eine Person ist hellwach. Achim Bogdahn, Jeans, Turnschuhe und graues Sweatshirt, sitzt draußen auf dem grün gestrichenen Fenstersims einer Kaffeerösterei und spricht in ein Mikrofon: "Ich dachte, ich würde hier um diese Zeit alleine stehen."

Falsch gedacht. Rund 20 Menschen haben sich für den Radiomoderator aus dem Bett geschleppt. Sie wollen den Startschuss für Bogdahns 16-stündigen Lesemarathon an 16 verschiedenen Orten nicht verpassen. Genauso viele Berge, die höchsten in jedem Bundesland, hat er für sein erstes Buch "Unter den Wolken" bestiegen. Gemeinsam mit prominenten Menschen, die ihn bei Laune hielten. Margot Käßmann. Mehmet Scholl. Felix Neureuther. Heute muss er Selbstgespräche führen. Pünktlich mit dem Glockenschlag des Alten Peter beginnt die Leselangstrecke.

Der Zwerg in Bogdahns Gipfelsammlung ist eine 32,5 Meter niedrige Erhöhung im Friedehorstpark in Bremen. Erklommen hat er auch den Hasselbrack in Hamburg (116 Meter), die Wasserkuppe in der Rhön (950 Meter) und den Brocken im Harz (1141 Meter), in Gesellschaft des "Brocken-Benno", der schon gut 8000 Mal dort oben war. "Wer war schon mal auf dem Brocken?", fragt Bogdahn. Zwei Hände heben sich. "Die anderen wollen es nur nicht zugeben", kommentiert er. Gelächter.

SZenario: Zwölfte Station, 19 Uhr, in einem Giesinger Feinkostladen. Die Stimme des BR-Radiomoderators ist schon etwas brüchiger geworden.

Zwölfte Station, 19 Uhr, in einem Giesinger Feinkostladen. Die Stimme des BR-Radiomoderators ist schon etwas brüchiger geworden.

(Foto: Robert Haas)

Bogdahn hat Glück, heute scheint die Sonne. Auf dem Brocken hatte er Nebel und eisigen Wind. Mehr in als unter den Wolken. Doch schon nach etwa zehn Minuten macht ihm etwas anderes zu schaffen. Er springt auf, absolviert ein paar gymnastische Übungen. "Mein Rücken...", entschuldigt er sich. Die Menge applaudiert. Das kann heiter werden. Aber Bogdahn hat schon Durchhaltevermögen bewiesen, zweieinhalb Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, eine Woche im Studio verbracht, um es als Hörbuch aufzunehmen. Was sind da schon 16 Stunden? Nach etwa 45 Minuten ist die erste Etappe geschafft. Spätestens jetzt wird klar, warum sich der Autor dafür eine Rösterei ausgesucht hat. "Ich glaube, ich trinke erst mal einen Kaffee." Dann nimmt er seinen Rucksack mit der großen Trinkflasche, dem kleinen Verstärker und dem knallorangen Klappstuhl, schwingt sich auf sein rotes Fahrrad und fährt Richtung Mariensäule.

Gegen 15 Uhr trifft man ihn wieder, im Café des Fahrradladens Bici Bavarese in der Türkenstraße. Und mit ihm einen Mann, der ihn bisher auf jeder Station durch die Stadt treu begleitet hat, stil- und anlassgerecht in dunkelgrauer Wanderhose und beigen Wanderschuhen. Die Wand mit dem gemalten Gipfel bietet eine ideale Kulisse. Bogdahns Stimme klingt noch so frisch wie am Morgen.

Für jemanden wie Bogdahn, der offiziell den Künstlernamen "Achim Sechzig" in seinem Pass trägt, gibt es in München natürlich nur einen Ort, um den Marathon zu beenden. Eine halbe Stunde später als geplant, um 23.30 Uhr, kommt er unter Achim-Rufen und im Laufschritt vor dem Grünwalder Stadion an. "Es ist Wahnsinn, dass wir uns um diese Zeit noch hier treffen", schmeichelt er den Wartenden. Das letzte Kapitel wird ein Heimspiel sein: Es geht um die Zugspitze. Doch vorher will ein Besucher noch die wohl brennendste Frage beantwortet wissen: Ist der Mann mit der Wanderkleidung noch da? Ist er nicht, nein.

Die Stimme des Autors hat in der Zwischenzeit etwas an Schwung verloren. Er liest jetzt ein wenig schneller, im Licht seiner Taschenlampe, betont nicht mehr jede Silbe. Trotzdem lachen die Leute noch genauso laut wie am Morgen. Für sein Schlusswort mobilisiert er noch einmal all seine Kräfte. Dann verneigt er sich. Der letzte Berg, der Giesinger Berg, ist bezwungen.

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