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Streit um Privatleben eines Imams:Ein Richter in Rage

Um die Macht in der Moschee geht es aber trotzdem, und natürlich um die Moral.

Die Moschee wird von einem Verein getragen, der sich "Islamisches Zentrum der Exil-Afghanen in Bayern" nennt. Das unscheinbare Gotteshaus in der Neumarkter Straße ist Anlaufstelle für Tausende Afghanen. 4500 leben allein in München, viele reisen aus ganz Bayern an, vor allem für traditionelle Trauerfeiern. Unter den Moscheebesuchern sind Afghanen, die vor Jahrzehnten geflohen sind, und solche, die hier geboren wurden; es kommen isoliert lebende und gut integrierte Muslime. Der Migrationsdienst des BRK hat über Jahre Computer und Deutschkurse angeboten, für Kinder und Frauen verschiedener Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten, finanziert durch das Integrationsprogramm der Bundesregierung. Doch die Unruhe im Verein gefährdet diese Arbeit, inzwischen hat sich das BRK zurückgezogen.

Der ehemalige Imam ist ein prominenter Vorbeter, nicht nur unter Münchner Afghanen. Als Fernsehprediger war er auf der ganzen Welt zu hören, sein Koran-Wissen ist anerkannt, selbst unter seinen heutigen Gegnern. Er gilt als charismatisch, viele Muslime verehren ihn. Seit Herbst aber spaltet er seine ehemalige Gemeinde, selbst bisherige Schüler wollen ihn loswerden.

Ein paar seiner Gegner sitzen jetzt auf den Zuschauerplätzen im Gerichtssaal, als der Richter den Zeugen zu befragen versucht wegen des angeblichen Faustschlags, den ein Imam-Gegner einem Imam-Sympathisanten versetzt haben soll. Der Dialog zwischen Richter und Muslim gerät schnell ins Stocken, nicht nur, weil der Zeuge, Bauingenieur von Beruf, schlecht Deutsch spricht. Er wirkt nicht gerade auskunftsfreudig. "Es war ein bisschen unruhig", beschreibt er die Stimmung damals in der Moschee. Stockend sagt er, dass er sich zu Privatem nicht äußern wolle, er meint wohl das Gegeneinander im Gotteshaus. In der Polizeivernehmung vor Monaten hatte er noch einen Faustschlag zu Protokoll gegeben, jetzt spricht er nur noch von einem Schlag mit der flachen Hand. Er windet sich.

Plötzlich reicht es dem Gericht. "Jetzt hören Sie mal auf!" Die Hand des Richters knallt auf den Tisch. "Jetzt hören Sie auf zu lügen!" Es ist die deutsche Justiz, die nun emotional wird. Der Staatsanwalt macht mit: "Was stellen Sie sich denn heute so an?" Der Zeuge beteuert, dass er nicht lüge, und murmelt was von "Missverständnis". Der Richter, immer noch laut: "Sie drucksen umeinander." Er vermutet, dass ihm der Zeuge Wichtiges verschweige und fragt ihn, warum er so aufgeregt sei. Zeuge: "Ich bin nicht aufgeregt." Richter: "Aber doch, holla!" Irgendwann darf der Zeuge gehen, und man rätselt, ob dem Richter einfach die Geduld fehlte angesichts einer strafrechtlichen Lappalie. Oder ob dies eine Demonstration der deutschen Justiz sein sollte, der es kaum gelingt, diese fremde Welt der afghanischen Muslime mitten in München zu durchdringen.