Süddeutsche Zeitung

Streit um Privatleben eines Imams:Machtkampf in der Moschee

Das Privatleben eines Imams führt in einer afghanischen Gemeinde zu heftigen Auseinandersetzungen. Im Internet tobt eine Schlammschlacht - und seit Monaten geht die Polizei in der Moschee ein und aus.

Der Dialog dauert nur wenige Minuten, und doch ist er symbolhaft. Es ist eine Zeugenvernehmung im Souterrain des Strafjustizzentrums. Hier trifft Islam auf Justiz, hier sollen deutsche Paragrafen afghanische Emotionen bändigen. Der Versuch misslingt, stattdessen verliert ein Richter die Contenance. Dabei hat er nur über einen winzigen Teil jener Geschehnisse zu urteilen, die eine Münchner Moschee-Gemeinde in Aufruhr versetzen.

Im Gerichtssaal sitzt dem Amtsrichter als Zeuge ein deutscher Staatsbürger gegenüber, geboren vor 52 Jahren in Kabul. Der Mann soll erzählen, was er nach einem der Freitagsgebete im November beobachtet hat in seiner Moschee in Berg am Laim. Hat der Angeklagte, ein afghanisch-deutscher Staatsbürger, einem Mitarbeiter des Bayerischen Roten Kreuzes, der ebenfalls einen deutschen und einen afghanischen Pass besitzt, mit der Faust ins Gesicht geschlagen? "Es war ein gezielter Angriff", sagt der BRK-Mann. Der angebliche Täter bestreitet das: "Ich habe nichts gemacht."

Sicher ist nur, dass an jenem Novemberfreitag mal wieder emotionaler Ausnahmezustand herrschte in der Moschee der Exil-Afghanen. Dort stehen sich seit Herbst zwei Gruppen von Muslimen gegenüber: Hier die Anhänger des ehemaligen Imam, dort seine Gegner, sie nennen sich selbst "Opposition". Im Zentrum des Konflikts steht der langjährige Vorbeter, der nach vielen Jahren im Amt seinen Posten räumen musste. Seine Gegner werfen ihm, dem Vorbild, moralische Verfehlungen im Privaten vor. Er habe Wasser gepredigt, sich selbst aber nicht mit Wasser begnügt. Eine seiner Grenzüberschreitungen: Der verheiratete Familienvater habe eine Beziehung zu einer anderen Frau gehabt, er heiratete sie nach islamischem Recht, nach islamischem Recht trennten sie sich später wieder. Die Imam-Anhänger dagegen sagen: Selbst wenn er Fehler gemacht hat - Privatleben ist Privatleben.

Es tobt hier ein sehr irdischer Konflikt, der durch seine religiöse Dimension eine Kraft entfaltet, die Menschen zu zerstören droht. Einige Akteure sind übers Ziel hinaus geschossen: Üble Gerüchte gehen um, im Internet kursierten unsägliche Videos, und mancher fürchtet mehr als nur die Gewalt der Fäuste. Sogar der Verdacht wird gestreut, dass radikale Muslime die Imam-Affäre benutzten, um die Moschee zu übernehmen. Polizei und Verfassungsschutz dementieren dies ausdrücklich: Es lägen keine Hinweise auf Extremisten in dieser Moschee vor.

Ein Richter in Rage

Um die Macht in der Moschee geht es aber trotzdem, und natürlich um die Moral.

Die Moschee wird von einem Verein getragen, der sich "Islamisches Zentrum der Exil-Afghanen in Bayern" nennt. Das unscheinbare Gotteshaus in der Neumarkter Straße ist Anlaufstelle für Tausende Afghanen. 4500 leben allein in München, viele reisen aus ganz Bayern an, vor allem für traditionelle Trauerfeiern. Unter den Moscheebesuchern sind Afghanen, die vor Jahrzehnten geflohen sind, und solche, die hier geboren wurden; es kommen isoliert lebende und gut integrierte Muslime. Der Migrationsdienst des BRK hat über Jahre Computer und Deutschkurse angeboten, für Kinder und Frauen verschiedener Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten, finanziert durch das Integrationsprogramm der Bundesregierung. Doch die Unruhe im Verein gefährdet diese Arbeit, inzwischen hat sich das BRK zurückgezogen.

Der ehemalige Imam ist ein prominenter Vorbeter, nicht nur unter Münchner Afghanen. Als Fernsehprediger war er auf der ganzen Welt zu hören, sein Koran-Wissen ist anerkannt, selbst unter seinen heutigen Gegnern. Er gilt als charismatisch, viele Muslime verehren ihn. Seit Herbst aber spaltet er seine ehemalige Gemeinde, selbst bisherige Schüler wollen ihn loswerden.

Ein paar seiner Gegner sitzen jetzt auf den Zuschauerplätzen im Gerichtssaal, als der Richter den Zeugen zu befragen versucht wegen des angeblichen Faustschlags, den ein Imam-Gegner einem Imam-Sympathisanten versetzt haben soll. Der Dialog zwischen Richter und Muslim gerät schnell ins Stocken, nicht nur, weil der Zeuge, Bauingenieur von Beruf, schlecht Deutsch spricht. Er wirkt nicht gerade auskunftsfreudig. "Es war ein bisschen unruhig", beschreibt er die Stimmung damals in der Moschee. Stockend sagt er, dass er sich zu Privatem nicht äußern wolle, er meint wohl das Gegeneinander im Gotteshaus. In der Polizeivernehmung vor Monaten hatte er noch einen Faustschlag zu Protokoll gegeben, jetzt spricht er nur noch von einem Schlag mit der flachen Hand. Er windet sich.

Plötzlich reicht es dem Gericht. "Jetzt hören Sie mal auf!" Die Hand des Richters knallt auf den Tisch. "Jetzt hören Sie auf zu lügen!" Es ist die deutsche Justiz, die nun emotional wird. Der Staatsanwalt macht mit: "Was stellen Sie sich denn heute so an?" Der Zeuge beteuert, dass er nicht lüge, und murmelt was von "Missverständnis". Der Richter, immer noch laut: "Sie drucksen umeinander." Er vermutet, dass ihm der Zeuge Wichtiges verschweige und fragt ihn, warum er so aufgeregt sei. Zeuge: "Ich bin nicht aufgeregt." Richter: "Aber doch, holla!" Irgendwann darf der Zeuge gehen, und man rätselt, ob dem Richter einfach die Geduld fehlte angesichts einer strafrechtlichen Lappalie. Oder ob dies eine Demonstration der deutschen Justiz sein sollte, der es kaum gelingt, diese fremde Welt der afghanischen Muslime mitten in München zu durchdringen.

Schlammschlacht im Internet

Außerhalb des Gerichtssaals haben diverse Gemeindemitglieder großes Redebedürfnis, doch einige nur unter der Bedingung, dass ihr Name nicht auftaucht. Misstrauen und Angst sind allgegenwärtig. Der Kampf um die Moral in der Moschee wird längst als Schlammschlacht im Internet ausgetragen. Mehrere Videos auf Youtube mussten schon entfernt werden, kürzlich wurde ein neues Machwerk hochgeladen, auf denen beispielsweise auf den Körper des Imam Tierköpfe montiert sind. Mancher Imam-Gegner hat jedes Maß verloren.

Das sieht auch Hildebrecht Braun so, obwohl er dieses Lager unterstützt: "Das geht zu weit", sagt der Rechtsanwalt zu den Videos. Der ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete vertritt mehrere Muslime aus der "Opposition" und ist unglücklich darüber, dass die Unruhe in der Moschee nach außen gedrungen ist. Weil solche Geschichten Wasser auf die Mühlen der extremen Islamgegner seien. Braun kennt sich aus mit deren Hasstiraden, seit er den Penzberger Imam Benjamin Idriz vertritt. Ob man, fragt der Anwalt, die Geschichten aus Berg am Laim wirklich berichten müsse. Würde er das auch fragen, wenn Vergleichbares in einer christlichen Pfarrei geschähe?

In Berg am Laim hat alles vor sechs Jahren mit einer privaten Beziehung begonnen, die unter normalen Umständen Außenstehende nichts anginge. Die Liaison verlief wie so viele, erst war von Liebe die Rede, dann von Enttäuschung, später von Täuschung. Beide hatten irgendwann das Gefühl, vom anderen diskreditiert zu werden. So kam es, dass im vergangenen September zuerst die Frau Anzeige erstattete gegen den Mann wegen Verleumdung, später er gegen sie wegen Erpressung.

Das setzte den deutschen Ermittlungsapparat in Gang, sodass über Monate die Polizei in der Moschee ein und aus ging. Die Staatsschützer ermittelten, alarmiert von einer brisanten Behauptung: Die Gegner des Imam seien Radikale. Die Polizei aber sagt, nach monatelangen Ermittlungen: Nein, es gebe dort keine gefährlichen Extremisten. Dass zwei führende Imam-Gegner lange Bärte tragen, mache sie und ihre Gefolgsleute nicht automatisch zu Islamisten. Aber sehr emotional sei die Gemengelage schon.

Viele Vorwürfe gehen auf Videos und Tonaufnahmen zurück, die die Frau von ihrem damaligen Geliebten angefertigt hat, teils offen, teils heimlich. Als sie ihren Namen in den Schmutz gezogen sah, versuchte sie sich reinzuwaschen. Sie vertraute sich im Herbst Gemeindemitgliedern an, und recht schnell verlor sie wohl die Kontrolle über ihre Aufnahmen. Sie landeten auf Youtube. Der Gottesmann sieht seinen Ruf ramponiert - und das nicht nur in Deutschland. Es dauerte nicht lange, dann waren auch Auszüge aus den Ermittlungsakten im Umlauf, was die Gemüter weiter erhitzte. In der Moschee selbst muss es mehrmals zu lautstarken Auseinandersetzungen gekommen sein, einmal rückte sogar eine Einsatzhundertschaft an, vorsichtshalber.

Eine Moschee ist kein Ort für Schlägereien

Der Imam ist noch im vergangenen Jahr zurückgetreten, zu groß war der Druck. Auch vom Posten des Vereinsvorsitzenden wollten ihn seine Gegner vertreiben, scheiterten aber zunächst an formalen Fehlern, ehe man sich kürzlich zur Mitgliederversammlung traf. Ob die Vorstandswahl juristisch Bestand hat, wird sich zeigen, denn wer wahlberechtigt ist im Moscheeverein, ist strittig. So strittig, dass auch während dieser Versammlung die Polizei gerufen wurde, sie rückte mit mehreren Streifen an, doch der befürchtete Tumult blieb aus. Wenige Tage später wurde sie wieder alarmiert, diesmal versiegelten die Beamten einen Büroraum im Moschee-Gebäude. Beide gegnerischen Lager sollen damit einverstanden gewesen sein, heißt es bei der Polizei. Jetzt solle ein Gericht die Rechtmäßigkeit der Wahl klären.

An die Spitze des Vereins kamen bei dieser umstrittenen Abstimmung zwei erklärte Gegner des früheren Imams. Einer von ihnen ist jetzt wegen der Attacke in der Moschee angeklagt. Nach einer guten Stunde Verhandlung macht ihm das Gericht ein Angebot. Zwar warten noch weitere Zeugen vor der Tür, doch der Richter mag nicht mehr und bietet die Einstellung an, gegen ein paar hundert Euro Geldauflage und Schmerzensgeld sowie gemeinnützige Arbeit. Irgendwas sei schon passiert, da sei er sich sicher, sagt der Richter, das wiege aber nicht allzu schwer, da der Angeklagte ohne Vorstrafe und der Geschädigte kaum verletzt worden sei.

Ein Urteil könnte teurer werden, betont der Richter und ist froh, als der Angeklagte nickt. Dass noch immer reichlich unklar ist, warum und wie der deutsch-afghanische BRK-Mann zu Boden ging, spielt keine Rolle, der Richter wünscht sich Rechtsfrieden: "Schauen S', dass da Ruhe einkehrt in die Moschee. Das ist nicht der Ort, um sich zu schlagen."

Das Ende des Prozesses passt zu den Fragezeichen, die über der Moschee stehen. "Gerüchte sind üblich unter Afghanen", hat ein Gemeindemitglied gesagt. Und in einem gleichen sich der ehemalige Imam und seine ehemalige Geliebte noch immer: Beide halten die andere Seite für unberechenbar, beide gaben bei der Polizei zu Protokoll, dass sie Angst haben. Mann und Frau sind die Folgen ihrer gemeinsamen Zeit längst entglitten. Ihre Beziehung ist Sache der Gemeinde und der Justiz geworden.

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Quelle:
SZ vom 07.06.2012/wib
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