Strafjustizzentrum Hier entsteht der größte Gerichtssaal Bayerns

An der Ecke Dachauer Straße und Schwere-Reiter-Straße entsteht das neue, in Teilen siebenstöckige Strafjustizzentrum.

(Foto: Simulation: archlab, Dr. Ing. Kalusche, Dresden)
  • Am Leonrodplatz wird am 16. Juli der Grundstein für das neue Strafjustizzentrum gelegt.
  • Sieben Behörden und 54 Sitzungssäle sollen künftig in dem Gebäude untergebracht werden.
  • Im größten Gerichtssaal Bayerns wird es Platz für 200 Zuschauer geben.
Von Susi Wimmer

München debattiert über Konzertsäle, studiert Pläne zur Gasteig-Sanierung - derweilen kommt ein anderes Jahrhundert-Projekt quasi im Windschatten allmählich seiner Realisierung näher: Am Leonrodplatz wird in eineinhalb Monaten der Grundstein für das neue Strafjustizzentrum gelegt, das größte Bauvorhaben der Justiz seit dem Zweiten Weltkrieg mit einem Investitionsvolumen von mehr als 305 Millionen Euro. Sieben Behörden sollen hier unter einem Dach vereint und in 54 Sitzungssälen soll Recht gesprochen werden. "Mit 1300 Mitarbeitern ist das fast eine kleine Stadt", sagt Baudirektor Bernhard Kohl vom Staatlichen Bauamt. In fünf Jahren sollen die neuen Einwohner dort einziehen.

Es dürften gemischte Gefühle sein, die diese dem kommenden Umzug entgegenbringen. Zum einen ist das Gebäude am Leonrodplatz nicht ganz so zentral gelegen wie momentan der Bau an der Nymphenburger Straße mit der U-Bahnhaltestelle Stiglmaierplatz direkt vor der Haustüre. Andererseits muss man schon einen Hang zur Nostalgie besitzen, um abgewetzte orangefarbene Sitzbezüge, sich auflösende Strukturtapeten und Toiletten, die von Ausstattung und Geruch an jahrzehntealte Schul-Klos erinnern, toll zu finden. Abgesehen davon hat das Gebäude an der Nymphenburger Straße aber noch ein anderes Problem: es wird langsam baufällig.

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Die Tragsicherheit der Tiefgarage beispielsweise wäre auf längere Sicht nur mit größeren Instandsetzungsmaßnahmen gewährleistet, die Justiz-Cafeteria musste ihre Außenplätze räumen und zusperren, weil Gefahr bestand, dass Betonbrocken von oben auf die Tische fallen. Jedes Jahr seilen sich Experten von dem Betonbau ab, um an der Fassade zu klopfen und lockeres Gestein abzunehmen. Warum etwa der prächtige Justizpalast am Stachus, immerhin 1897 eingeweiht, nicht zerbröselt, erklärt Baudirektor Kohl mit Beton und Struktur: Der Massivbau sei einfach strukturiert und deshalb dauerhafter. "Und je mehr Technik man in ein Gebäude baut, desto eher ist es sanierungsbedürftig."

Also stand man im Jahr 2010 vor der Frage: abreißen, sanieren oder ausziehen. Ein den Anforderungen entsprechendes Ausweichgebäude zu finden, sei unmöglich gewesen, sagt Sibylle Gräfin zu Dohna, Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht (OLG). Das OLG ist quasi die Hausherrin des in die Jahre gekommenen Baus. Sanierungsarbeiten während des laufenden Betriebs seien ebenso unmöglich: "Mit einem Schlagbohrer im Haus legst du alles lahm." Außerdem, so sagt Ministerialrat Stefan Heilmann vom Justizministerium, wäre eine Generalsanierung so teuer wie ein Neubau gewesen, "und man hätte damit immer noch nicht alle Mängel behoben".

Bayerns größter Gerichtssaal

Jetzt wird also alles neu. Nach den Plänen der Architekten Frick Krüger Nusser Plan2 entsteht an der Ecke Dachauer Straße und Schwere-Reiter-Straße ein siebenstöckiger Bau, der nach hinten zu den Wohnhäusern zur Anita-Augspurg-Allee auf fünf Geschosse abnimmt. Highlight der 40 000-Quadratmeter-Nutzfläche ist sicher der verglaste Fassadenrücksprung an der Front zum Leonrodplatz. Vermutlich nur bei Nacht wird man von außen die riesige Bibliothek sehen können, "das Wissen der Justiz", wie Heilmann sagt.

Sieben Behörden wird der Neubau vereinen: Das Amtsgericht, die Landgerichte München I und II, das Oberlandesgericht, die Staatsanwaltschaften München I und II sowie die Generalstaatsanwaltschaft. Wie an der Nymphenburger Straße, wird der Sicherheitslevel beim Zugang ähnlich hoch sein wie etwa am Flughafen: Gepäckkontrolle am Fließband, Durchgangs-Metalldetektor und Körperkontrolle. Wer einmal drinnen - und kein Angeklagter - ist, der kann den Justizgarten-Innenhof genießen, die zwei Cafeterias und sich öffentliche Sitzungen der Gerichte anhören.

Mit 300 Quadratmetern wird auch der größte Gerichtssaal Bayerns mit Platz für 200 Zuschauern dort untergebracht sein. Nachdem es heftige Kritik vor allem seitens der Medien gegeben hatte, dass für das NSU-Verfahren kein Gerichtssaal mit ausreichend Kapazitäten vorhanden sei, habe man reagiert, sagt Bernhard Kohl. Für "eine hohe sechsstellige Summe", so OLG-Richterin Dohna, habe man an der Nymphenburger Straße einen Saal entsprechend umgebaut.

Dass sich der Bezug des Neubaus immer weiter nach hinten verschiebt, dürfte mehrere Gründe haben. 2015 erfolgte der Spatenstich, man rechnete mit einer Fertigstellung bis 2020. Doch dann fand sich auf der Baustelle kontaminiertes Erdreich sowie ein 80 auf 15 Meter großer Keller, randvoll mit Waffen und Bomben aus beiden Weltkriegen. Das Areal war früher militärisch genutzt worden. Dann gab es noch ein Vergabeverfahren, das von einer Baufirma angefochten wurde und sich durch zwei Instanzen zog. Weniger für Zeitverzögerung dürften die Gegner des Projekts gesorgt haben. Anarchistische Gruppen warfen die Fenster im Bauamt ein mit Gläsern, die mit Müll gefüllt waren. Sie verschmierten die Wände des Architektur-Büros und machten sich am Bauzaun in der Dachauer Straße zu schaffen. "Wir haben jetzt dort einen Wachdienst, Kameraüberwachung und in der Nähe ist eine Polizeiinspektion, die abends das Areal verstärkt im Auge hat", sagt Anna-Maria Stubenrauch vom Staatlichen Bauamt. Seitdem sei Ruhe.

Nun soll also am 16. Juli der Grundstein für das neue Justizzentrum gelegt werden. Bis 2022 soll der Bau stehen. Ein Jahr lang, so sagen Stubenrauch und Kohl, werde man anschließend "die Maschine nach Fertigstellung des Gebäudes langsam hochfahren und die Technik testen". Der Bau mit "passivhaus-ähnlichem Standard" verfüge etwa über eine 1500 Quadratmeter Photovoltaik-Anlage auf dem Flachdach, es wird mit sogenannter Bauteilaktivierung in den Decken gearbeitet, die das Grundwasser zum Heizen und Kühlen nutzt. Außerdem gibt es neben der Stellplatzverordnung für Autos auch eine für Fahrräder: 256 Radl können am neuen Justizzentrum mühelos parken. Und laut Ministerialrat Heilmann stehe man mit der MVG in Kontakt, die "sehr eng getaktete Trambahnverbindungen" zum Leonrodplatz anbieten will mit Großraumwagen.

Noch allerdings müssen die Bewohner der "kleinen Stadt" fünf Jahre an der Nymphenburger Straße ausharren. In das dortige Gebäude werde man nur noch investieren, "was unbedingt nötig ist", sagt Sibylle Gräfin zu Dohna. Zumindest will man neue Waschtische in den Toiletten einbauen. Denn von den alten lacht der Siebzigerjahre-Schimmel.

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