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Wörthsee:Schätze im Untergrund

Steinebach gilt als drittgrößte Keltensiedlung in Bayern. Nun haben Archäologen dort wieder Armreifen, Keramik und Bernstein ausgegraben.

Wer etwas über die Kelten erfahren will, muss unter die Erde. Weil es keine schriftlichen Überlieferungen über das geheimnisvolle Volk gibt, sind die Historiker auf die Archäologen angewiesen. Schon seit Jahren weiß man anhand von Ausgrabungen, dass es in Steinebach in Wörthsee eine keltische Siedlung gab. Eine ziemlich große Siedlung, wie auch die aktuellen Funde auf einem Grundstück am Taubenweg zeigen.

Laut Landesamt für Denkmalpflege handelt es sich bei den Funden um eine Fortsetzung der keltischen Großsiedlung der Spätlatènezeit in Steinebach. "Sie hatte bereits städtischen Charakter und ist mit den keltischen Oppida vergleichbar, auch wenn sie wohl nicht befestigt war", teilt Professor C. Sebastian Sommer mit, Leiter der Abteilung "Bodendenkmalpflege".

Patricia Costache, Archäologin bei der Ickinger Firma Farch-Archäologie, hat die Ausgrabung in Steinebach geleitet. Fibelschmuck, Perlen, mehrfarbige Glasarmreifen, Keramik, Tierknochen, sogar Bernstein konnten die Mitarbeiter bergen. Vermutet wird, dass die Schmuckstücke direkt in der Siedlung über dem Wörthsee hergestellt wurden. Auf der vergleichsweise kleinen Fläche von etwa 650 Quadratmetern holten die Wissenschaftler "bergeweise Funde" aus dem Boden, etwa 110 an der Zahl, erzählt Costache. Alle aus den Jahren 150 bis 50 vor Christus. Rätsel geben allerdings noch zwei Fibeln aus Bronze auf, die Costache auf den ersten Blick eher auf die frühe Latènezeit datiert - also auf 450 bis 380 vor Christus.

17 Gruben, sechs Gräben, fünf Grubenhäuser und zwei Brunnen haben die Wissenschaftler außerdem am Taubenweg entdeckt. Bei den Grubenhäusern, die vermutlich überdacht waren, geht Patricia Costache davon aus, dass sie von geschickten Handwerkern als Werkstätten genutzt wurden. Schlackereste könnten auf Metallverarbeitung hindeuten. Letztere seien wahrscheinlich von Handwerkern als Werkstätten genutzt worden. Die Archäologin hat sich auf Vorgeschichte spezialisiert - und ist begeistert von den Funden. "Das, was man vorher nur in Büchern gesehen hat, hat man plötzlich in der Hand", sagt sie. So füge sich ein Puzzlestückchen zum anderen, und die Siedlungsgeschichte der Kelten nehme mehr und mehr Inhalt an.

Schon seit 1949 tauchen in Steinebach immer wieder keltische Funde auf. Beim Kartoffelklauben und bei Bauarbeiten kamen Tonscherben, Perlen und blaue Glasklumpen ans Licht. Richtig in Fahrt kam die Forschung aber erst Anfang der 2000er Jahre, als auf Äckern kobaltblaue Fragmente von Glasarmreifen, ein Teil eines Bronzearmrings und zahlreiche Scherben aus Graphitton gefunden wurden. Das Landesamt für Denkmalpflege gab Flüge in Auftrag, um das Gelände im Süden Steinebachs zu fotografieren. Aus der Luft lässt sich an der unterschiedlichen Höhe des Getreides erkennen, wo sich früher Häuser oder Glasöfen befunden haben.

Im März 2009 hat der Dießener Archäologiestudent Magnus Kaindl seine Magisterarbeit abgegeben. Thema: "Die latènezeitliche Siedlung von Steinebach am Wörthsee." Zuvor hatte auch er Erfolg bei der Suche nach Keltenfunden. Außer Fibeln und Schmuckstücken zog er ein Schwertfragment aus dem Boden - und eine "Tüpfelplatte", für ihn der Beweis, dass die Kelten in Steinebach auch Münzen produziert haben. Und Eisen, was Kaindl aus der großen Menge an entdeckter Eisenschlacke schloss.

Steinebach war eine Metropole der Kelten, da sind sich die Experten sicher. Mittlerweile gilt Steinebach als drittgrößte Keltensiedlung in Bayern. Die Gemeinde Wörthsee macht ihre vorchristliche Geschichte in einem kleinen Keltenmuseum vor dem Rathaus lebendig. In einem Pavillon sind Fundstücke zu sehen und ein Ehepaar, wie es vor 2200 Jahren hätte aussehen können.

Die Ausgrabungen an der Taubenstraße sind beendet. Die Funde kommen nun laut Professor Sommer in die Denkmalschutz-Werkstätten und werden dort zum Beispiel geröntgt. Danach könnten die Experten sie noch genauer einordnen. Wie groß die Kelten-Siedlung in Steinebach war, wie viele Häuser dort standen und wie viele Menschen - man geht von Familienverbänden aus - dort lebten, könne man nicht genau sagen, räumt Costache ein. Es könnten 300, aber auch 1500 Menschen gewesen sein. Die Geschichte der Kelten wird noch eine Weile geheimnisvoll bleiben.

© SZ vom 05.06.2020

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