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Kelten in Bayern:Das bekannteste unbekannte Volk Europas

Kostbares Erbe: Das Keltenhaus (Geschichtsdorf Landersdorf).

(Foto: Stadt Roth)

Um die Kelten ranken sich viele Geheimnisse, darunter reichlich esoterischer Unfug. Ein wissenschaftliches Werk räumt nun damit auf.

Die Behauptung, die Kelten seien das bekannteste unbekannte Volk in Europa, dürfte nicht ganz falsch sein. Fast jeder hat schon mal von den Kelten gehört, und wenn das nicht im Geschichtsunterricht geschah, dann spätestens in irgendeiner Fernseh- oder Radiodokumentation. Nicht wegzudenken sind die Kelten auch aus populären Comic-Heften wie "Asterix", in denen keltische Barden und Druiden durchaus prägende Rollen spielen. Alles in allem pflegen die Medien die Erinnerung an die Kelten mit großem Eifer, obwohl diese schon vor gut zwei Jahrtausenden weitgehend im Nebel der Geschichte verschwunden sind. In Südbayern könnte immerhin noch so mancher Orts- und Flussname auf die Kelten zurückgehen, sei es Regensburg (Radasbona), Passau (Boiodurum) und Epfach (Abodiacum) oder auch Isar (Isara), Inn (Aenus) und Regen (Radas).

Trotzdem können wohl nur die wenigsten auf Anhieb erklären, wann und wo die Kelten eigentlich gelebt haben. Es ranken sich viele Geheimnisse um sie, die einst als Zeitgenossen der alten Griechen und Römer weite Teile Mitteleuropas besiedelten. Ältere Menschen wissen noch, dass die Bauern früher bisweilen schüsselförmige keltische Goldmünzen aus dem Boden pflügten, denen man den schönen Namen Regenbogenschüsselchen verpasste. Ein bedeutender Schwerpunkt ihres Siedlungsgebietes lag im heutigen Bayern, wo zuletzt bei Ausgrabungen zahlreiche Relikte gefunden wurden, die diese Epoche in einem ganz neuen Licht zeigen.

Glasarmringe Vortrag im Museum Erding

Auch der Glasschmuck (Landkreis Erding) ist ein Zeichen der keltischen Kultur.

(Foto: Museum Erding)

An Darstellungen, welche die Ergebnisse der neuesten Keltenforschung einbeziehen, hat es zuletzt gemangelt. In diese Lücke stößt nun ein neues Werk des Prähistorikers Markus Schußmann (Freie Universität Berlin), dessen erklärtes Ziel es war, Geschichte und Kultur der Kelten in Bayern auf dem aktuellen Forschungsstand darzustellen. Schußmann kommt dabei zugute, dass er reichlich praktische Erfahrungen gesammelt hat. Unter anderem leitete er wichtige Ausgrabungen in keltischen Höhensiedlungen und Befestigungsanlagen. In seinem opulent ausgestatteten Werk bietet Schußmann nicht nur eine gut lesbare und anschauliche Darstellung der keltischen Geschichte, sondern eine neu strukturierte Zusammenstellung und Bewertung des Phänomens, wobei er mit so manchem Ammenmärchen aufräumt. Denn nicht alles, was bisher über die Kelten geschrieben wurde, ist als seriös zu bezeichnen, gerade diesem Stamm wird allerlei esoterischer Unfug untergeschoben. Schußmann rückt mit Klarheit in der Sprache und in der wissenschaftlichen Analyse manchen Unsinn gerade.

Ein Keltentor im Archäologiepark Altmühltal.

(Foto: Mauritius)

Viele große Forscher haben sich in der Vergangenheit an den Kelten abgearbeitet. Schußmann verweist etwa auf den Prähistoriker Paul Reinecke (1872-1958), der von 1908 bis 1937 Hauptkonservator in der Vorgängerbehörde des Landesamts für Denkmalpflege war und eine bedeutende Grundlagenarbeit leistete. Leider haben die Kelten kaum Schriftquellen hinterlassen. Die älteste schriftliche Nachricht über sie stammt aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Unser Wissen stammt primär aus den Texten antiker Schriftsteller und aus archäologischen Funden. Neben der Frage nach der Aussagekraft dieser Quellen behandelt Schußmann in einem guten Dutzend Hauptkapiteln die großen Aspekte des keltischen Lebens, etwa das Siedlungswesen, das vom Gehöft hin zu den Oppida wie Manching, Kelheim und auf dem Staffelberg erschöpfend dargestellt wird.

Regenbogenschüsselchen

Ein Regenbogenschüsselchen (Landkreis Fürstenfeldbruck).

(Foto: Volker Rein/oh)

Die Kapitel Totenwelten, Kunst, Religion und Wirtschaftsleben lassen den Leser tief in den keltischen Alltag eintauchen, der von hohen künstlerischen und handwerklichen Fähigkeiten geprägt war. Erwähnt sei hier nur eine kleine Schrägrandschale, die 1889 in einem Grabhügel nahe dem mittelfränkischen Thalmässing geborgen wurde und unter anderem verrät, dass sie in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts vor Christus von einem erwerbsmäßigen Töpfermeister geschaffen wurde, der sein Handwerk auf hohem Niveau beherrschte. Viele Handwerker waren damals imstande, kunstvoll verzierte Keramik, perfekt geschmiedete Waffen und Geräte bis hin zu Gold- und Silbermünzen herzustellen. Wobei der rege und weitflächige Austausch an Kultur und Waren ohne ausgebautes Straßennetz bis weit in den Mittelmeerraum hinein nachhaltig beeindruckt. Leser, die sich intensiv in die Materie vertiefen möchten, können ihr Interesse nicht nur mit den Texten, sondern mit reichlich grafischem und bildlichem Material stillen. Der Anhang umfasst mehr als 500 Abbildungen, Fotografien, Rekonstruktionszeichnungen, Grabungs- und Befundpläne, Verbreitungskarten und topografische Skizzen. Interessant ist nicht zuletzt die Einschätzung des Autors zur Entstehung des Stamms der Bayern, denn er sieht diese keineswegs als Nachfahren der Kelten. Nur der archäologische Schatz an Funden und Denkmälern verbinde die Bayern "wirklich und in gerader Linie mit den Kelten". Ihn gelte es als Erbe zu schützen.

Markus Schußmann, Die Kelten in Bayern, Archäologie und Geschichte, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2019, 415 Seiten, 39,95 Euro.

© SZ vom 30.03.2020/haem

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