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Wissenschaft:Oberpfaffenhofen, bitte kommen!

Eines der vier größten ISS-Kontrollzentren weltweit befindet sich im Landkreis Starnberg. Von hier aus überwacht Maksims Baklanenko die Experimente und Astronauten auf der Raumstation.

Von Carina Seeburg, Oberpfaffenhofen

Wenige Türen sind so schwer zu öffnen wie diese. Ohne Voranmeldung und Ausweiskontrolle gelangt niemand bis hierher. Und wer den Raum hinter der gesicherten Tür betritt, hat Monate des Trainings hinter sich. Das Licht ist gedimmt, kein Fenster gibt den Blick nach draußen frei. Dennoch, die Aussicht im Columbus-Kontrollzentrum ist eindrucksvoll: "Wir sehen die Sonne hier mehrmals am Tag auf- und wieder untergehen", sagt Maksims Baklanenko, leitender Flightdirector am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Hinter ihm gibt eine bodentiefe Scheibe den Blick von der Besucherbrücke ins Innere des Kontrollraums frei.

Arbeitsplätze mit dutzenden Bildschirmen springen ins Auge. Auf großformatigen Displays werden Tabellen, Zahlenabfolgen und faszinierende Videoübertragungen aus der Internationalen Raumstation ISS an die Wand projiziert: Ein Mann in Socken gleitet in völliger Schwerelosigkeit über den Bildschirm, der Livestream daneben zeigt den Blick von der Raumstation auf den blauen Planeten. In 400 Kilometern Höhe umrundet die ISS mit 28 000 Stundenkilometern in etwa 91 Minuten die Erde: 16 Sonnenauf- und -untergänge pro Tag - ein Privileg, das nicht nur die Raumfahrer an Bord der ISS, sondern auch die Mitarbeiter der Bodenstationen genießen.

Der Raum mit Blick ins All ist nicht einmalig, aber selten. "Weltweit gibt es nur vier Kontrollzentren dieser Art, und eins davon befindet sich ausgerechnet im Fünfseenland", sagt Baklanenko schmunzelnd. An der ISS sind die Raumfahrtagenturen Russlands, Europas, Kanadas, Japans und der USA beteiligt. Sie stellen jeweils eigene Segmente der ISS. Der internationalen Kooperation entsprechend werden diese Module von mehreren ISS-Kontrollzentren betrieben. Die vier größten befinden sich in Houston, Moskau, Tsukuba bei Tokio und Oberpfaffenhofen. "Bei Funkverbindungen mit der ISS oder internationalen Partnern werden wir normalerweise einfach als Munich, also als München, angesprochen. Oberpfaffenhofen - das hören wir nur, wenn einer mit seiner Ortskenntnis angeben will", gibt Baklanenko lachend zu.

Die Internationale Raumstation ISS umkreist in rund 400 Kilometern die Erde.

16 Sonnenauf- und untergänge täglich erleben die Astronauten der Internationalen Raumstation ISS und die Mitarbeiter im Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen.

(Foto: Nasa)

Von der Bodenstation bekommen die Astronauten im Columbus-Modul Unterstützung bei ihrem komplizierten Job an Bord der ISS. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ist der Kontrollraum besetzt, um den Kontakt zur ISS zu halten und das europäische Forschungslabor Columbus auf der Raumstation zu betreuen. "Das DLR ist eine Forschungseinrichtung in öffentlicher Hand, und das Columbus-Modul nichts anderes als ein Mehrzwecklabor, das Forschung unter Schwerelosigkeit ermöglicht. "Wir kontrollieren und steuern das Labor von der Erde aus. Man könnte uns hier im Kontrollzentrum auch als Busfahrer und Hausmeister bezeichnen", scherzt Baklanenko, der in München Luft- und Raumfahrttechnik studiert hat.

Er und seine Kollegen überwachen rund um die Uhr Thermalsysteme, Stromversorgung und alle Lebenserhaltungssysteme im europäischen Modul. Außerdem stelle das Kontrollzentrum sicher, dass das Leben und Forschen im überirdischen Labor reibungslos funktioniert. Jeder Raumfahrer auf der ISS ist mit eigenen Abläufen und Experimenten beschäftigt. Für den Erfolg einer Mission seien aber nicht nur die Astronauten, sondern ein weltumspannendes Expertenteam verantwortlich.

Da die Zeit an Bord der Raumstation kostbar ist, sind die Stundenpläne der Raumfahrer eng getaktet. Von sechs Uhr früh bis halb zehn am Abend sind die Menschen auf der ISS im Einsatz. Sie arbeiten an Experimenten zur Gravitations-, Strahlen- und Astrobiologie, an Projekten zur Grundlagenforschung, zur Fluid- und Festköperphysik und auf vielen weiteren Gebieten. Bis auf die Minute genau würden die Tagesabläufe jedes Astronauten von den Bodenstationen aus geplant. "Die Zeitpläne der Raumfahrer behalten wir im Kontrollraum immer im Blick", sagt Baklanenko und deutet mit dem Finger auf digitale Tabellen ganz rechts an der Wand.

Eine Art Hausmeister, nur mit wesentlich komplizierteren Aufgaben: Maksims Baklanenko im Columbus-Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen.

(Foto: German A. Zöschinger)

Auf der linken Seite des Kontrollraums schwebt wieder ein Mann ins Bild. Es ist diesmal nicht der strumpfsockige europäische Astronaut Paolo Nespoli, sondern der Amerikaner Joe Acaba. "Wir sehen ihn hier gerade beim Müllrausbringen", sagt Baklanenko. Der amerikanische Raumfrachter Cygnus OA-8 habe im November wichtige Nutzlasten und Experimente zur ISS gebracht. Vor dem Abdocken im Dezember werde er mit Müll und nicht mehr benötigten Gegenständen beladen, die dann mit dem Raumfrachter beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglühen.

Seit neun Jahren arbeitet Baklanenko in der bemannten Raumfahrt am DLR in Oberpfaffenhofen. Ein Job, bei dem er täglich in die unendlichen Weiten des Alls blickt. Ob er denn selbst manchmal Sehnsucht verspüre, als Astronaut ins Weltall zu fliegen? "Nein", sagt Baklanenko, "den Traum, Astronaut zu werden, den habe ich nie gehabt. Ich versuche bodenständig zu bleiben und meiner umfangreichen Verantwortung hier unten gerecht zu werden." Als Flightdirector muss Baklanenko die Sicherheit der Crew in der Raumstation und die Missionsziele im Auge behalten. Er leitet das Flight Control Team und ist für alle Kommandos und Funksprüche, die vom Kontrollzentrum ausgehen, ebenso verantwortlich wie für schnell zu treffende Entscheidungen in kritischen Situationen. Dabei steht er im direkten und ständigen internationalen Kontakt mit anderen Kontrollzentren, mit denen er sich berät und abstimmt. "Bemannte Raumfahrt lässt sich eben nicht alleine durchführen", sagt Baklanenko, "das ist das Ergebnis der Zusammenarbeit vieler Menschen und Nationen."

© SZ vom 23.12.2017
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