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Friedwald in Tutzing:Für immer unter Bäumen

Tutzing Ilkahöhe Friedwald

Gutsbesitzer Hermann Wendelstadt (re.) - hier mit Förster Frank Nölting - plant langfristig. 99 Jahre lang sollen im Wald auf der Ilkahöhe Urnenbestattungen möglich sein.

(Foto: Georgine Treybal)

Auf der Ilkahöhe über dem Starnberger See soll auf einer riesigen Fläche von bis zu 83 Hektar ein Friedwald entstehen, in dem biologisch abbaubare Urnen beigesetzt werden. Das schätzen viele Angehörige, die kein Grab mehr pflegen können oder wollen.

Von Manuela Warkocz

Als Waldbesitzer denkt Hermann Wendelstadt, Gutsherr der Ilkahöhe in Tutzing hoch über dem Starnberger See, in Generationen. Weil der Wald "ein schwieriges Geschäft ist", wie er sagt, und der Klimawandel es voraussichtlich noch dramatischer macht, sieht er sich nach neuen Einnahmequellen um. Auch die Enkel und Urenkel sollen von den weitläufigen Liegenschaften noch was haben. In einem Friedwald für naturnahe Bestattungen sieht er gemeinsam mit einem professionellen Betreiber Ökonomie, Ökologie und Soziales aufs Beste vereint.

Die Dimensionen des Projekts südlich der Ilkahöhe sind freilich gewaltig: Die Rede ist von 83 Hektar Wald, was etwa 112 Fußballfeldern entspricht und größer ist als das umstrittene Gautinger Gewerbegebiet im Unterbrunner Holz; 99 Jahre lang sollen dort Urnenbestattungen an Bäumen möglich sein - jede Woche etwa fünf; als Einzugsgebiet wird der Raum südlich von München mit einer Viertelmillion Menschen angenommen.

Die Urnen sind biologisch abbaubar.

(Foto: FriedWald)

Als Partner tritt die Friedwald GmbH aus Hessen auf. Deren Standortentwickler Stephan Martini und Gutseigentümer Wendelstadt stellten das Friedwald-Konzept am Dienstag erstmals dem Tutzinger Gemeinderat vor. Demnach sollen als Alternative zum konventionellen Friedhof nach und nach auf Parzellen von drei bis fünf Hektar Bäume ausgewiesen werden, unter denen die Asche Verstorbener in biologisch abbaubaren Urnen beigesetzt werden kann.

Auf Wunsch erinnert eine Namenstafel am Baum an den Verstorbenen. Sonst ist kein Schmuck gestattet. "Die Natur übernimmt die Grabpflege", betont der Firmenvertreter - Farne, Wildblumen und Moos im Sommer, Schnee im Winter. Diese Bestattungsform kommt vielen entgegen, die heute kein Grab mehr pflegen können oder wollen. Christliche Trauerfeiern sind möglich, ebenso individuelle Rituale, mit oder ohne Musik. Weltanschaulich ist man neutral. Ein Andachtsplatz, so das Angebot, wird gern nach Wünschen der Gemeinde eingerichtet.

Als Träger des öffentlich-rechtlich eingetragenen Friedhofs ist die Gemeinde Tutzing vorgesehen. Sie soll den Wald für 99 Jahre widmen und eine Abgaben- und Gebührensatzung erlassen. Die gesamte Verwaltung und Abwicklung delegiert sie an das Friedwald-Unternehmen. Das wiederum überweist einen Teil der eingehenden Gebühren nach Tutzing. Der Wald bleibt Privatbesitz der Familie Wendelstadt. Er soll weiter öffentlich nutzbar sein, ob zum Joggen oder Spazierengehen mit Hunden. Der heute noch prägende Fichtenbestand soll von langfristig beständigeren Bäumen abgelöst werden. Ansonsten wird eine möglichst naturnahe Pflege angestrebt. Außer den vorhandenen Waldwegen sind keine neuen vorgesehen.

Betreut werden die derzeit 71 Standorte des Friedwald-Unternehmens von 200 Förstern. Auch in Tutzing will man mit Förstern zusammenarbeiten, die Bestattungsbäume auswählen und 14-tägig Führungen für Interessierte anbieten sollen. Bestattungen sind von Donnerstag bis Samstag geplant. Ein Parkplatz für 20 Autos ist nach Martinis Worten ausreichend. Er vergaß auch nicht, auf den positiven Effekt durch den Friedwald für Tourismus und Gastronomie hinzuweisen. Wer zur Information anreist oder zu einer Bestattung, kehrt vielleicht auch gern ein.

Platz für zwei Urnen oder einen ganzen Freundeskreis

Der Partner, den sich Gutsbesitzer Hermann Wendelstadt für sein Friedwald-Projekt an der Ilkahöhe ausgesucht hat, gilt als Pionier der Naturbestattung in Deutschland und Österreich. Vor 20 Jahren wurde das Unternehmen Friedwald GmbH gegründet und ist als Marke geschützt. Der Sitz der Firma mit 145 Mitarbeitern liegt in Griesheim bei Darmstadt, Geschäftsführerin ist die Rechtsanwältin Petra Bach. 71 Friedwälder stehen heute nach Firmenauskunft deutschlandweit unter ihrer Verwaltung, insgesamt fast 3500 Hektar Bestattungswald. Dort fanden schon mehr als 132 500 Bestattungen statt, über 313 500 Männer und Frauen haben sich bisher für einen Baum oder Platz entschieden. 40 Prozent erwerben ihr Baumanrecht zu Lebzeiten. Pro Hektar Wald werden durchschnittlich 80 Bestattungsbäume ausgewiesen. In Bayern existieren vier Standorte, darunter in Pappenheim im Altmühltal. Überwiegend sind Kommunen die Träger, zwei befinden sich in kirchlicher Trägerschaft.

Als Grabart kann man sich für einen Baum mit bis zu 20 Plätzen - für Familien, Freundeskreise - oder einen Platz für zwei Urnen an einem Baum entscheiden. Die Preise variieren nach Stärke, Art und Lage des Baums zwischen 770 bis 6990 Euro. Der "Basisplatz", zugewiesen von einem Förster, kostet 490 Euro, dazu kommen Beisetzungskosten von 350 Euro, samt biologisch abbaubarer Urne. Die Ruhestätte erwirbt man für maximal 99 Jahre, ab Eröffnung des Waldes. Namenstafeln sind möglich, alle Grabstätten sind gekennzeichnet und in Registern vermerkt. Ein besonderer Platz ist der Sternschnuppenbaum. Dort können Eltern ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr bestatten, kostenfrei.manu

Vom Konzept zeigte sich der Gemeinderat einhellig angetan. Sozialreferentin Caroline Krug (ÖDP) machte deutlich, dass viele Menschen schon lang auf so eine moderne Bestattungsform warteten. Georg Schuster (FDP) bedauerte, der Friedwald komme ein paar Jahre zu spät. Sonst wäre sicher sein Vater dort bestattet. Bürgermeisterin Marlene Greinwald (FW) erinnerte daran, dass die Gemeinde bis Jahresende auf dem Tutzinger Waldfriedhof einen Ruhewald für Urnenbestattungen einrichten werde. Mit dem Friedwald-Projekt soll sich ein Tutzinger Ausschuss im Detail befassen. Genehmigen muss letztlich das Landratsamt die "Einrichtung eines Bestattungsplatzes". Friedwald-Entwickler Martini geht von zwei Jahren bis zu einer "Inbetriebnahme" aus.

© SZ vom 10.09.2020

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