Gastronomie:Wenn das Feuer im Holzofen erlischt

Gastronomie: 4,5 Sterne hat die Filmtaverne in den Google-Rezensionen, besser geht's kaum. Doch seit Mitte Januar ist sie geschlossen.

4,5 Sterne hat die Filmtaverne in den Google-Rezensionen, besser geht's kaum. Doch seit Mitte Januar ist sie geschlossen.

(Foto: Nila Thiel)

Das Tutzinger Restaurant "Filmtaverne" gilt als Pilgerstätte für Pizzaliebhaber. Doch seit Kurzem sind die Lichter aus. Über das plötzliche Ende einer Institution im Ort.

Von Viktoria Spinrad, Tutzing

Die Tutzinger Filmtaverne ist eine Institution im Ort. Ein Restaurant, in dem die Pizze im Holzofen aufgehen, hinten im Eck Stammgäste lautstark diskutieren, sich Familien durch mächtige kroatische Fleischspeisen probieren. Doch dieser Tage ist es still in der Kirchenstraße 3. Die Lichter sind aus, die Tür ist verschlossen. Die Holzbänke vor dem Haus sind an den Tisch gelehnt. Darüber flattern die Vorhänge im Wind. Seit Mitte Januar ist die Filmtaverne geschlossen, ein Kultrestaurant im Dornröschenschlaf.

Schon länger hatte der Pächter Stipo Renić geklagt. Corona, Preissteigerungen, die Baustelle vor seiner Haustür. Dass er wegwollte, zurück nach Bosnien, daraus hat er kein Geheimnis gemacht. Doch hieß es auch stets, dass sein Bruder das Restaurant übernehmen sollte. Doch warum rührt sich nichts im Holzofen?

Stipo Renić dieser Tage zu erwischen, ist nicht leicht. Mal geht er ans Telefon, mal nicht. In einem Moment ist er in Bosnien, dann in Tutzing, dann wieder unterwegs. Ein Mann im Stress. Doch am Dienstagnachmittag öffnet er die Tür zum Seiteneingang und damit zu einem Gastronomiedrama, wie es viele Wirte erleben. Und gleichzeitig zur persönlichen Geschichte eines Mannes, der gehofft hatte, mit viel Arbeit gutes Geld zu verdienen und nun schauen muss, wie er die Scherben aufkehrt.

In der Filmtaverne sieht es aus wie immer. Die Tische sind aufgedeckt, vor der Theke steht noch eine Tafel: Wiener Schnitzel für 22,50 Euro. Es ist still. Renić ist unsicher, ob er überhaupt reden will. Er sei nach Bosnien abgehauen, hatte Verpächter Robert Harthauser ihm vorgeworfen. Stimmt nicht, sagt Renić: "Ich will das hier sauber hinterlassen." Was die Tutzinger von ihm denken sollen? Also erzählt er doch.

Gastronomie: Stipo Renić, 47, möchte zurück nach Bosnien. "Dort braucht man weniger zum Leben", sagt er.

Stipo Renić, 47, möchte zurück nach Bosnien. "Dort braucht man weniger zum Leben", sagt er.

(Foto: Viktoria Spinrad)

Vier Jahre ist es her, dass er die Filmtaverne von einem Bekannten übernommen hat. Vorher hatte Renić viele Jahre lang in Frankfurt gearbeitet, erst als Maschinenschlosser, dann in der Gastronomie. Er sah es als Chance, lieh sich Geld, kaufte neue Maschinen. Im März 2020 fing er zusammen mit seiner Frau Jasna an. Wenige Tage später kam Corona und er konnte schon wieder dichtmachen. "Schwierig" sei das gewesen, sagt er, "aber wir haben es geschafft."

Es wurde besser, bis die Kirchenstraße ungeplant zur Großbaustelle wurde. Die Brücke, an der das Restaurant liegt, musste im Zuge der Hauptstraßensanierung aufwendig ertüchtigt werden. Über ein Jahr zog sich am Ende die lautstarke Buddelei vor der Pizzeria. Renić hat die Hände gefaltet, schaut nach unten. "Das war das Schlimmste", sagt er. "Wer setzt sich denn mitten in eine Baustelle?"

Wie es auch geht, hatten Händler an der Hauptstraße vorgemacht. Sie erklärten die Bauarbeiten zum Happening. Die Eisdiele Corallo hatte ihre Tische gleich hinter die Bauzäune gestellt, das Sportgeschäft Thallmair sein Jubiläum mit einer Tischtennisplatte vor dem Getümmel gefeiert. Die Gemeinde hatte Renić die Wiese gegenüber dem angeschlossenen Kino als Terrasse angeboten. Doch der schüttelt den Kopf. Er hätte ein Plateau gebraucht, "sonst kommen die Ameisen", dazu mehr Personal. "Schwierig, schwierig", sagt er. Und: "Gastronomie ist ein Risikogeschäft."

Gastronomie: Der Holzofen ist aus.

Der Holzofen ist aus.

(Foto: Viktoria Spinrad)

Nicht nur für ihn. 6500 bayerische Gaststätten haben im Lauf der Coronazeit aufgegeben, also jede sechste. Die verbliebenen kämpfen weiter, gegen gestiegene Kosten bei Personal, Energie und Lebensmitteln, dazu kommen Bürokratie und Mitarbeitermangel. Laut einer Umfrage des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands ist der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 13,7 Prozent zurückgegangen. Seit diesem Jahr kommt noch die Rückkehr zu 19 statt sieben Prozent Mehrwertsteuer dazu. "Ohne Preisanpassungen rutscht man da in die Verlustzone", sagt Thomas Geppert, Landesgeschäftsführer des Verbands.

Früher habe ein Kilogramm Kalbsleber sieben, acht Euro gekostet, sagt Renić , "dann waren es 15 Euro". Dasselbe bei argentinischen Steaks: erst 13, 14 Euro das Kilo, dann fast 30 Euro. In dem Maße habe er die Preise gar nicht anpassen können. Selbst als er sie nur ein wenig anhob, hätten sich die Gäste beschwert. "Am Ende war es null, null", sagt er, sprich: Das Geschäft war schlicht nicht mehr rentabel. Und das bei Arbeitstagen von 16, 17 Stunden. In den letzten drei Monaten habe er solche Rückenschmerzen gehabt, dass er starke Tabletten nehmen musste, sagt er. Er habe wieder ein normales Leben gewollt.

Gastronomie: Die Filmtaverne, die angeschossene Bar "Flimmis" sowie das Kurtheater-Kino: Hausbesitzer Robert Harthauser hat derzeit drei Baustellen gleichzeitig. "Ich bin fix und fertig", sagt er. Hier mit Lucie Vorlickova, mit der er die Gründung eines Bürgerkinos vorantreibt.

Die Filmtaverne, die angeschossene Bar "Flimmis" sowie das Kurtheater-Kino: Hausbesitzer Robert Harthauser hat derzeit drei Baustellen gleichzeitig. "Ich bin fix und fertig", sagt er. Hier mit Lucie Vorlickova, mit der er die Gründung eines Bürgerkinos vorantreibt.

(Foto: Nila Thiel)
Gastronomie: Auf Immoscout bewirbt Verpächter Robert Harthauser das Lokal.

Auf Immoscout bewirbt Verpächter Robert Harthauser das Lokal.

(Foto: Screenshot: Immoscout24)

Renić machte dabei offensichtlich einen Fehler. Statt neun Monate vorher zu kündigen, verließ er sich auf seinen Bruder. Der wollte den Betrieb übernehmen, entschied sich dann aber doch dagegen. Und so liegt der Ball bei Stipo Renić, einen Nachfolger zu finden. Verpächter Robert Harthauser unterstützt ihn dabei. Er hat einen Zettel in die Tür geklebt, "Nachfolger gesucht", den Anrufbeantworter besprochen und eine Anzeige auf Immoscout gepostet. 2600 Euro Grundpreis für 95 Quadratmeter Gastraumfläche, "ein normaler Preis", sagt selbst Renić. Er schaut aus dem Fenster, zur nun glatt gewalzten Kirchenstraße. Eigentlich, sagt er, wäre es ja jetzt perfekt. Nur: Das Gewerbe ist abgemeldet, das Personal weg. "Scheiße", sagt er.

Mehrere Interessenten waren in den vergangenen Tagen zur Besichtigung da. Er hofft, dass darunter ein passender Nachfolger ist. Sobald jemand gefunden ist, sei er weg, "dann goodbye Germany." Selbständig sein? Nie wieder, sagt er. Den Holzofen befeuern solle dann ein anderer.

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