Gastronomie am Starnberger See:Carpaccio und Kellerbier

Gastronomie am Starnberger See: Der neue Betreiber des Lokals an der Hauptstraße 29 in Tutzing, Michael Esch, hat ein Rote-Bete-Carpaccio mit gebratenem Ziegenkäse zubereitet.

Der neue Betreiber des Lokals an der Hauptstraße 29 in Tutzing, Michael Esch, hat ein Rote-Bete-Carpaccio mit gebratenem Ziegenkäse zubereitet.

(Foto: Arlet Ulfers)

Seit diesem Monat herrscht wieder Leben im Lokal an der Tutzinger Hauptstraße 29. Wie ein Rheinländer französische Retroküche und niederbayrisches Bier im Fünfseenland groß machen will.

Von Viktoria Spinrad, Tutzing

Ein Ruck am Tisch, da scheppert das winterliche Blumenbesteck zu Boden. Klong. Michael Esch blickt auf, schaut fragend zu Franzi, seiner Bedienung, die soeben zwei Tische auseinandergerückt hat. Nur, dass der kleine Dekotopf aus Tannenzweigen und Kerzen genau dazwischenstand. "Noch heil?", fragt Michael Esch. Franzi inspiziert das Malheur und nickt. Esch sagt: "Ist gastrotauglich." Dann lacht er.

Tutzinger Zentrum, Hauptstraße 29, das neue Restaurant "Eschi's". Zwischen den hellen Holztischchen und schimmernden Hängelampen der Vorpächter wuselt Franzi, die Bedienung. Derweil hat Michael Esch in der Küche das Rennen gegen die Zeit aufgenommen. Der neue Chef hier muss noch Fleisch beim Metzger um die Ecke holen, Knochen auskochen, Mürbeteig machen, und, und, und. Aber in der Ruhe liegt wohl auch die Kraft. Nach und nach schüttet er Grießklöße ab, schnippelt Gemüse, knetet Teig.

Es ist ein neues Kapitel, für den gebürtigen Rheinländer und auch für das sogenannte Hofmair-Haus im Herzen Tutzings. Inflation, Arbeitszeiten, Familiendruck - nach nicht mal einem Jahr gingen Anfang August die Lichter aus im "Hin & Weg". Nun steht draußen "Eschi's" geschrieben. Drinnen schiebt eben jener sein neuestes Projekt an, mit geübten Händen und rheinischer Entspanntheit. "Jut", sagt der gebürtige Bonner, um Zustimmung zu artikulieren. Einer Frau, der das Bargeld zum Zahlen fehlt, sagt der 57-Jährige: "Bringses einfach vorbei, wenn's irgendwann passt."

Mitten im Schneechaos hat der langjährige Hotelchef Anfang Dezember wieder die Tür aufgesperrt zu seinem neuesten Experiment. Die Speisekarte ist ein wilder Mix: Statt Tapas und Pizza-Waffeln gibt es nun Feines wie Geflügelleberterrine, getrocknete Feigen und Zanderfilet mit Hummerschaum, aber auch Bodenständiges wie Rinderkraftbrühe mit Pfannkuchenstreifen - und Weißwürste am Samstag. Zudem werden Menüs mit bis zu vier Gängen angeboten. "Ich koche, worauf ich Bock hab'", sagt Esch. Bereits als Kind hat er seinem Vater beim Kochen zugeschaut. Gemüse, Lachs im Blätterteig, gefüllte Kalbsbrust. Er sagt: "Da hab' ich die Kocherei wohl schon gerochen."

Gastronomie am Starnberger See: Früher war hier die Heimat des Café Hofmair. Es folgten die Cafés Clement, Erin und das Hin & Weg.

Früher war hier die Heimat des Café Hofmair. Es folgten die Cafés Clement, Erin und das Hin & Weg.

(Foto: Arlet Ulfers)
Gastronomie am Starnberger See: Das Interieur wurde übernommen - und weihnachtlich nachgeschmückt.

Das Interieur wurde übernommen - und weihnachtlich nachgeschmückt.

(Foto: Arlet Ulfers)

Er hat sich keinen einfachen Markt ausgesucht. Die Tutzinger gelten zwar als zahlungskräftig, aber auch als anspruchsvoll. Damit wiederum kennt sich Esch aus. Er hat viele Jahre in gehobenen Häusern gearbeitet. Das Kölner "Excelior", das Hamburger "Vierjahreszeiten", dann Kenia, Wien, Rügen, Sylt. Seine letzte Station war das Hotel zur Post in Altötting. Eigentlich, sagt er, wollte er dann zurück ins Rheinland, "back to the roots", zurück zu den Wurzeln, und vielleicht ja auch zum Karneval.

Doch es kam anders. In Altötting lernte er Olaf Starnberg kennen, einen Mann, der nach dem Tod seines Sohnes beschlossen hatte, sein eigens kreiertes Liebhaber-Helles auf den bayerischen Markt zu bringen. Der Wallfahrtsort wurde zum Marketing-Labor für das süffige "Starnberg Bräu". Nicht zu verwechseln mit dem Starnberger Brauhaus in Feldafing - die Bräu-Familie ist in Bernried ansässig. Heute stehen im Keller von Eschi's Fässer und Kisten mit dem Nischenbier, im Lokal rangiert es ganz oben auf der Speisekarte. In allen Variationen, die der Hopfensaft so hergibt: Helles, Weißbier, Goaß, Radler, Russ, Märzn, und so weiter.

Das Eschi's ist nun also zugleich Showroom für das im niederbayerischen Aldersbach gebraute Bier. 1000 Hektoliter im Jahr werden davon bisher in einer Brauerei bei Passau hergestellt. Zum Vergleich: Beim Erdinger Weißbier sind es 1,5 Millionen. In solche Sphären mag Olaf Starnberg gar nicht erst vorstoßen, er liebäugelt mittelfristig mit 5000 bis 6000 Hektolitern. "Lieber klein und fein", sagt er. So soll der Markt am Starnberger See von der Tutzinger Hauptstraße aus erobert werden. Ob die Rechnung aufgeht?

Gastronomie am Starnberger See: Es gibt Hühnereintopf...

Es gibt Hühnereintopf...

(Foto: Arlet Ulfers)
Gastronomie am Starnberger See: ...Geflügelleber-Parfait mit Walnüssen und getrockneten Feigen...

...Geflügelleber-Parfait mit Walnüssen und getrockneten Feigen...

(Foto: Arlet Ulfers)
Gastronomie am Starnberger See: ...handgemachten Lebkuchen...

...handgemachten Lebkuchen...

(Foto: Arlet Ulfers)
Gastronomie am Starnberger See: ...und ein Bier, das Liebhaber von kühlem Gebräu hier bisher vor allem im Getränkefachhandel finden.

...und ein Bier, das Liebhaber von kühlem Gebräu hier bisher vor allem im Getränkefachhandel finden.

(Foto: Arlet Ulfers)

An diesem Nachmittag zumindest nippt hier noch keiner an dem Bier, aber es ist ja auch noch früh. Eine Gruppe Schülerinnen hat sich ein paar Gerichte geteilt und die Köpfe zusammengesteckt. Ein Mann verköstigt eine Suppe. Eine Gruppe älterer Herren sitzt im Eck, rührt im Cappuccino und palavert über Fußball. Derweil schauen immer wieder Neugierige durch das Schaufenster nach innen. An Konkurrenz mangelt es nicht da draußen: Gleich gegenüber ist der Tutzinger Hof mit seinen deftigen Gerichten, dann gibt es noch einen Italiener, einen Vietnamesen und eine Pizzeria. Esch zeigt sich entspannt. "Jeder hat seine Daseinsberechtigung", sagt er.

Es mutet schon kurios an: Da wollen zwei in Zeiten von Inflation und Fachkräftemangel ein Lokal mit 35 Plätzen, dessen Interieur noch eher an ein Café erinnert, mit einem Nischenbier und französisch anmutender Retroküche in die schwarzen Zahlen bringen. Ist das nicht Wahnsinn? Olaf Starnberg, zugleich Hauptpächter, klingt trotzig am Telefon. Gerade in den schlechten Zeiten müsse man etwas aufmachen, sagt er. "Wenn's da funktioniert, funktioniert's immer." Und Sie, Herr Esch? Er schaut von seinem dampfenden Kochtopf auf. Ja, er sei schon nervös, sagt er. "Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt." Zurück ins Rheinland könne er ja noch, wenn er 70 ist.

Das Eschi's ist geöffnet mittwochs bis montags von 11 Uhr bis 22 Uhr. Warme Küche gibt's von 11.30 Uhr bis 14 Uhr und von 17.30 Uhr bis 22 Uhr. Am Dienstag ist Ruhetag.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusArchitektur
:"Eine Stadt besteht nicht nur aus Häusern, sie lebt von den Räumen dazwischen"

Die Architekten Marco Goetz und Walter Waldrauch möchten den Bahnhof See in Starnberg aufwerten. Grund für ein Gespräch über bürgerschaftliches Engagement, die Bedeutung des Denkmalschutzes und die Frage: Was macht eine Stadt eigentlich lebenswert?

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: