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50 Jahre Ramsar-Konvention:Geschützte Feuchtgebiete

Wasservögel am Starnberger See

Wertvolles Refugium für Zugvögel: Bis zu 7000 Reiherenten überwintern jährlich auf dem Starnberger See - und reagieren empfindlich auf Störungen.

(Foto: LBV)

1971 ist das Abkommen unterzeichnet worden. Ammersee und Starnberger See sind Teil der globalen Vereinbarung. Ihre Gebietsbetreuer verstehen sich aber nicht als Öko-Sheriffs, sondern als Berater.

Von Armin Greune

Im Februar 1971 unterzeichneten Delegierte aus 18 Staaten am Kaspischen Meer in der iranischen Stadt Ramsar die nach ihr benannte Konvention. 50 Jahre später sind dem Abkommen zum Schutz überregional bedeutender Feuchtgebiete 171 Nationen beigetreten. Die Bundesrepublik Deutschland ratifizierte das Übereinkommen als elfter Staat im Februar 1976: Zunächst wurden 17 Ramsar-Gebiete ausgewiesen, darunter auch die drei größten Voralpenseen.

Bei der Umsetzung der Schutzziele kommt dem Ammersee eine besondere Bedeutung zu: Dort wurde Christian Niederbichler im Oktober 1997 zum ersten bayerischen Ramsar-Gebietsbetreuer berufen - eine Aufgabe, die er noch heute inne hat. Auch für den Starnberger See schuf die Kreisgruppe des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) im Jahr 2003 eine Stelle, die seit 2014 mit Andrea Gehrold besetzt ist.

Die Vorreiterfunktion des Fünfseenlands für inzwischen 56 bayerische Gebiete mit 68 Betreuern beruht auf seinem Naturreichtum und örtlichem Engagement. Als Überwinterungsrefugien oder Rastplätze für bis zu 20 000 Zugvögel aus dem hohen Norden sind Starnberger See und Ammersee wahrlich Feuchtgebiete von internationaler Relevanz, wie es in der Ramsar-Konvention festgelegt ist. Weltweit sind inzwischen in diesen völkerrechtlichen Vertrag 2400 Gebiete aufgenommen worden, die zusammen halb so viel Fläche umfassen wie die EU. Die Erfassung als Ramsar-Gebiet wirkt jedoch nicht als eigene Schutzkategorie mit konkreten rechtlichen Folgen, sondern fungiert als Auszeichnung. Sie ist mithin eine Art Gütesiegel. Den einzelnen Vertragsunterzeichnern ist allerdings freigestellt, wie sie dem Natur- und Artenschutz im eigenen Land Rechnung tragen. Für Ammersee und Starnberger See gelten hingegen mit Natura 2000 auch völkerrechtlich verpflichtende EU-Richtlinien: Die Gewässer unterliegen als Vogelschutzgebiete und Flora-Fauna-Habitate Verschlechterungsverboten. Ein Ramsar-Betreuer fungiert auch nicht als eine Art Öko-Sheriff, der auf der Pirsch im Reservat Verbote überwacht. Christian Niederbichler sieht sich am Ammersee vor allem als Berater und Vermittler in Interessenskonflikten. Er unterstützt zum Beispiel Landwirte beim Artenschutz - etwa indem er bei der Ernte mit auf dem Traktor sitzt.

Grafrath/Kottgeisering

Christian Niederbichler (hier mit Bachvogel-Präparat) sieht sich vor allem als Berater und Vermittler in Interessenskonflikten.

(Foto: Batzer)

Zum Berufsbild gehören zudem umweltpädagogische Aufgaben: Er führt Kindern und Erwachsenen die Schönheit und Bedeutung der Natur in ihrer Umgebung vor Augen. Niederbichler setzt so auf langfristige und nachhaltige Erfolge im Sinne der Natur. Einen entscheidenden ökologischen Fortschritt für das 65 Quadratkilometer große Ramsargebiet Ammersee - das auch den Unterlauf der Ammer und den Oberlauf der Amper einschließt - sieht der Diplom-Geograf im Bau der Sohlschwelle in Grafrath. So wurde 2013 die Wiederanhebung der Amper in die Wege geleitet und das Ampermoos vor dem weiteren Austrocknen bewahrt.

Hier am Ammersee wurde Christian Niederbichler im Oktober 1997 zum ersten bayerischen Ramsar-Gebietsbetreuer berufen.

(Foto: imago)

Auch im 57 Quadratkilometer großen Ramsargebiet Starnberger See sei das Abkommen erfolgreich umgesetzt worden, erklärt Gebietsbetreuerin Andrea Gehrold: "Die Ruhezonen auf freiwilliger Basis funktionieren sehr gut, was nicht zuletzt durch das Engagement des LBV Starnberg zustande gekommen ist und aufrechterhalten wird.". Die vom LBV mit den Nutzern getroffene Vereinbarung, vom 1. November bis zum 30. März freiwillig auf Ruder- und Segelsport, Berufsfischerei und Wehrübungen zu verzichten, habe sich bewährt und werde weithin akzeptiert. Auch für den Ammersee besteht seit 1997 eine entsprechende einvernehmliche Regelung.

Der Schwerpunkt der Ramsar-Konvention hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vom Schutz der Wasser- und Watvögel zum ganzheitlichen Bewahren und der nachhaltigen Nutzung der Lebensräume weiterentwickelt. In den Ramsar-Gebieten des Fünfseenlands wird auch für den Erhalt seltener Pflanzenarten Sorge getragen - ebenso wie für die Bestände bedrohter Libellen, Schmetterlinge, Reptilien und Amphibien. Und unter Wasser gilt es, endemische Arten wie die Mairenke im Starnberger See, Ammersee-Kaulbarsch, Tiefseesaibling oder Ammersee-Kilch im Blick zu behalten. Deutschland hat inzwischen 35 Ramsar-Gebiete mit einer Gesamtfläche von 8700 Quadratkilometer gemeldet. Gerade eben sind die "Rosenheimer Stammbeckenmoore" des Alpenvorlandes als jüngstes Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung in die Liste aufgenommen worden.

© SZ vom 09.02.2021
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