Interview:"Ältere sollten nicht in die Armut rutschen"

Lesezeit: 3 min

Interview: Reinhard Dirr kümmert sich als Vorsitzender des Seniorenbeirats um die Belange der älteren Generation in Starnberg.

Reinhard Dirr kümmert sich als Vorsitzender des Seniorenbeirats um die Belange der älteren Generation in Starnberg.

(Foto: Nila Thiel)

Der Starnberger Seniorenbeiratsvorsitzende Reinhard Dirr fordert mehr Aufmerksamkeit von der Stadtpolitik. Er kündigt an, noch einmal anzutreten.

Von Paul Wiese

Ehrenämter begleiten Reinhard Dirr seit Langem. Der ehemalige Deutschlehrer, SPD-Stadtrat und Kulturreferent ist heute unter anderem Kreisvorsitzender des Sozialverbands VdK, Hospizhelfer und Vorsitzender des Seniorenbeirats in Starnberg. In dieser Funktion vertritt er alle über 60-Jährigen in der Stadt, das ist gut ein Viertel der Bevölkerung. Altersarmut, Wohnungsnot, Einsamkeit: In der aktuellen Zeit spitzen sich viele Probleme zu.

SZ: Herr Dirr, in drei Sätzen: Was brauchen Seniorinnen und Senioren in Starnberg?

Reinhard Dirr: Sie brauchen die Aufmerksamkeit der politischen Vertretung: Bürgermeister, Stadtrat und Stadtverwaltung. Außerdem ist eine starke Seniorenvertretung, sprich der Seniorenbeirat, wichtig. Mein dritter Wunsch: dass die Bürger auf uns als Seniorenbeirat zukommen. Sie brauchen vielleicht mehr Mut, Ihre Interessen und Probleme zu formulieren.

Sie als Seniorenbeirat beraten den Stadtrat und die Stadtverwaltung in allen die Senioren betreffenden Angelegenheiten. Was sind diesbezüglich Ihre konkreten Forderungen an die Stadtpolitik?

Wir fordern, dass sie die Seniorenpolitik ernster nimmt und mitdenkt. Das geht an die politische Seite und an die Verwaltung. Das hat sich in letzter Zeit auf unsere Initiative aber schon erheblich gebessert.

Inwiefern?

Wir sind mal sehr energisch geworden und haben gesagt, wir brauchen Innovationen. Die Verwaltung müsste uns alle Unterlagen geben, was seniorenpolitischen Bezug hat. Das Problem ist: Im Verwaltungsvollzug denkt der Einzelne oft nicht in erster Linie an uns Senioren.

Um welche Themen geht es Ihnen konkret?

Das eine ist Mobilität. Individualverkehr, Fußgänger, Radfahrer. Unsere Haltung ist eindeutig: Wir unterstützen alle Pläne der Stadt, Fahrradfahrer im Straßenverkehr zu priorisieren, zum Beispiel durch den Bau von Radwegen. Bis Anfang 2022 sollten zudem alle Bushaltestellen barrierefrei sein. Geht man durch Starnberg, ist das bei wenigen der Fall, ein Großteil wartet noch auf den Umbau.

Was noch?

Das zweite Thema ist Wohnen im Alter. Die Bevölkerung wird älter, die Probleme werden drängender. Ich hoffe, die Menschen werden fordernder im politischen Bereich und verlassen sich nicht darauf, dass sich jemand anders kümmert. Speziell geht es um das Mehrgenerationenwohnen: Vom jungen Single über Familien bis hin zu Senioren - alle leben gemeinsam in Geschosswohnungen. Für den Wiesengrund haben wir das jetzt gefordert.

Die Rummelsberger Diakonie in Starnberg will ihr Pflegeangebot verbessern, und mit dem Pflegestützpunkt gibt es seit Jahresbeginn eine erste zentrale Anlaufstelle für pflegende Angehörige im Landkreis. Es ist ja nicht so, als würde nichts getan.

Diese Menschen leisten alle eine anerkennenswerte Arbeit. Die Nachfrage ist aber deutlich höher als das Angebot. Die Ausweitung scheitert vor allem an fehlenden Pflegekräften. Dieses Problem dürfte sich in Zukunft noch verschärfen. Ein Riesenproblem ist auch die Beratung. Nur etwa 13 Prozent der Betroffenen nehmen eine solche in Anspruch. Die Folge: Im Moment werden 12 Milliarden Euro, die für Leistungen zur Verfügung stehen, nicht abgerufen.

Wenn Sie an die aktuellen Krisen denken: Was sind die drängendsten Probleme der Starnberger Senioren in den nächsten fünf Jahren?

Im Augenblick die finanzielle Situation. Vielen in Starnberg geht es gut, die Mehrheit gerät wegen der Energie- und Mietkosten aber unter Druck. Das Wohnen ist in Starnberg erheblich teurer als anderswo. Die Lebensmittelpreise steigen sowieso. Diesen Menschen zu helfen, wird in den nächsten Jahren das größte Problem sein. Dass Ältere nicht gezwungen werden, wegzuziehen, oder gar in die Armut rutschen. Auch die Situation in der Pflege wird sich verschärfen, gerade jetzt vor dem finanziellen Hintergrund. Das gilt auch für die häusliche Pflege.

Wie kann jeder Einzelne im Alltag helfen, das Leben von Senioren zu erleichtern?

Eine Reihe von Einrichtungen kümmert sich ehrenamtlich um Menschen, die Hilfe brauchen. Dafür müssen wir dankbar sein. Das reicht zwar noch nicht. Dafür können die, die diese Arbeit hervorragend leisten, aber nichts. Auch jeder Einzelne kann sich engagieren: in den Nachbarschaftshilfen oder bei der Caritas. In der eigenen Nachbarschaft kann man fragen: "Wie geht's Ihnen?" oder "Brauchen Sie Hilfe?". In Zukunft geht es darum, die Menschen vom Ehrenamt zu begeistern und den menschlichen Gewinn hervorzuheben.

Bekommen Sie das schwindende Interesse am langfristigen Ehrenamt auch im Starnberger Seniorenbeirat zu spüren?

Bei der letzten Wahl ließen sich nur sechs Senioren aufstellen, obwohl es sieben Plätze gibt. Da ist eine Lücke. Das hängt von zweierlei ab, zuerst Corona: Wir waren zweieinhalb Jahre lahmgelegt. Es gab keine öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen. Langfristig hängt das Interesse davon ab, wie der Seniorenbeirat arbeitet: Alles, zu dem wir eine Meinung haben, muss in die Öffentlichkeit transportiert werden. Dann werden sich auch die älteren Menschen in Starnberg wieder für den Seniorenbeirat interessieren.

Und Sie selbst? Wie lange wollen Sie den Seniorenbeirat noch betreuen?

Ich bin seit 2017 Vorsitzender. Schon damals dachte ich an eine Rolle als normaler Seniorenbeirat. Aus heiterem Himmel wurde ich Vorsitzender. Wenn diese Amtszeit vorbei ist, bin ich 77. Ich werde wohl nochmal kandidieren, aber die Familie hat Vorrang. Der Vorsitz muss dann in andere Hände gehen. Sonst würde ich als 81-Jähriger ausscheiden (lacht).

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema