bedeckt München 17°

50 Jahre Lebenshilfe in Starnberg:Ans Herz gewachsen

Alexander Graser lebt seit mehr als 35 Jahren im Wohnheim an der Hanfelder Straße, das von Sibylle Häge geführt wird. Werner Blank leitet den Verein.

Alexander Graser ist im Juli 1985 ins damals neue Wohnheim der Lebenshilfe an der Hanfelder Straße in Starnberg eingezogen. Graser ist 56 Jahre alt und freundlich und offen am Telefon. Er arbeitet seit vielen Jahren in den Werkstätten in Machtlfing. Dort baut er Zahnarztspritzen zusammen. Die Hygienemaßnahmen und die Maskenpflicht in Zeiten von Corona machen ihm nichts aus. Es falle ihm leicht, sich an die Regeln zu halten, sagt er.

Starnberg Lebenshilfe Wohnheim

Alexander Graser hat im Wohnheim Freunde gefunden.

(Foto: Georgine Treybal)

Auf die Frage, was er am Leben im Wohnheim am meisten schätzt, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Dass Frau Häge so gut kocht." Wohnheimleiterin Sibylle Häge wiederum beschreibt Graser als einen interessierten und freundlichen Mann, der gerne Unterhaltungen pflegt. Er ist kognitiv eingeschränkt, aber recht aktiv. Er geht gern spazieren, zu seinen Alltagsfreuden zählt es, nach Starnberg ins Café oder zum Einkaufen in der Metzgerei Scholler zu gehen. In der Corona-Pandemie ist dies allerdings nur in Begleitung eines Betreuers möglich. Aber in normalen Zeiten meistert Graser den Weg in die Stadt auch locker alleine.

Ach ja, und in den Urlaub fährt er natürlich auch sehr gerne - mit der Wohnheim-Gruppe war er schon mal in Italien, Kroatien oder an der Ostsee. Mit der Organisation "Kunterbunt", die Freizeiten und Reisen für Menschen mit Behinderung organisiert, war Graser auch schon in Tunesien. Dass Alexander Graser mit den anderen Bewohnern seiner Wohngruppe gut klarkommt, zeigt schon, dass er kürzlich seinen Geburtstag mit ihnen gefeiert hat. Viele von ihnen sind über die Jahre zu seinen Freunden geworden. Es gab "Pizza für alle", erzählt er und fügt noch an: "Pizza und Schweinebraten mag ich am liebsten." Und weil ihm die Interviewerin jetzt so viele Fragen gestellt hat, kontert er mit einer Gegenfrage: "Haben Sie auch Freunde?"

Starnberg Lebenshilfe Wohnheim

Wohnheimleiterin Sibylle Häge ist seit 30 Jahren dabei.

(Foto: Georgine Treybal)

"Traumberuf" ist ein hochgestochenes Wort für eine Tätigkeit, die einem viel Freude macht. Aber bei Sibylle Häge trifft es zu. Die 61-Jährige stammt aus Konstanz und hat sich, wie sie erzählt, schon in der Schulzeit ehrenamtlich und sozial engagiert. "Das hat mir immer Spaß gemacht." Nach dem Abitur hat sie ein Jahr lang in einer Werkstätte für Behinderte gearbeitet. Der dortige Leiter hat ihr damals geraten, Pädagogik zu studieren. Was sie dann in München auch tat. Sie studierte im Nebenfach unter anderem Sonderpädagogik. "Eine tolle Kombination", findet sie heute.

Seit nunmehr 30 Jahren arbeitet sie in der Lebenshilfe Starnberg. Begonnen hat sie dort im Januar 1991 als Gruppenleiterin. Seit 25 Jahren leitet sie das Wohnheim der Lebenshilfe an der Hanfelder Straße. "Das ist für mich genau die passende Stelle", findet sie. Gerade die Mischung aus Führungsaufgaben und praktischer Arbeit mit den Bewohnern findet Häge so reizvoll. "Wenn ich mit den Bewohnern arbeite, weiß ich immer, warum ich das gelernt habe", sagt sie.

30-Jahrfeier des Wohnheims der Lebenshilfe am Prinzenweg

Werner Blank ist Vater einer Tochter mit Down-Syndrom.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

18 geistig und mehrfach behinderte Frauen und Männer im Alter zwischen 20 und 63 leben hier gemeinsam in zwei Wohngruppen - einige von ihnen, wie Alexander Graser, seit der Eröffnung vor mehr als 35 Jahren. Das Wohnheim ist ihnen zur Heimat geworden. Die meisten Bewohner sind heute Mitte 50, stehen im Erwerbsleben und arbeiten in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Machtlfing (IWL). Im Jahr 2020 seien auch zwei junge Bewohner hinzugekommen, erzählt Häge. Jeder Bewohner hat innerhalb der Wohngruppe sein eigenes Zimmer, das er nach eigenen Vorstellungen einrichten kann. Ess- und Wohnzimmer sowie Küche und Bad nutzen die Bewohner ebenso gemeinsam wie die Gemeinschaftsräume.

"Wir gestalten den Alltag rund um die Arbeit mit den Bewohnern zusammen", beschreibt Häge ihre Arbeit. Dazu gehören unter anderem das gemeinsame Kochen, Waschen und Reinemachen sowie die Freizeitgestaltung und die Förderplanung für jeden einzelnen Bewohner. Letzteres ist Häge besonders wichtig. Mit den Betreuern werden in der Planung die Ziele, die sich jeder Bewohner selbst steckt, ausgelotet. "Wir schauen dabei sehr auf die Ressourcen jedes Einzelnen", sagt sie. Aber "bei aller Professionalität sind mir die Bewohner sehr ans Herz gewachsen".

"Als unsere jüngste Tochter Daniela 1979 zur Welt kam und die Klinik mich anrief, waren wir null auf ein Kind mit Down-Syndrom vorbereitet", erinnert sich Werner Blank. Ultraschall, Fruchtwasseruntersuchung, das habe es zur Früherkennung noch nicht gegeben. Ein behindertes Kind, "da brach eine Welt zusammen, unsere ganze Lebensplanung". Man habe nicht gewusst, was auf einen zukomme, "wer uns hilft", erzählt der 77-jährige Jurist, der seit 30 Jahren Vorsitzender des Vereins Lebenshilfe Starnberg ist und sein Amt im Mai dieses Jahres abgeben will. Die Frühförderung sei ihnen noch nicht bekannt gewesen, der Lebenshilfe-Verein bestand nur aus einer Handvoll Eltern. "Ich habe mich da gern eingebracht, teils sind wir bis halb drei nachts gesessen und haben Kloschüsseln für das Wohnheim Hanfelder Straße ausgewählt", beschreibt er die Anfangszeit.

1996, als der Verein mit seinen Projekten immer weiter wuchs, wurde die gemeinnützige GmbH gegründet. "Bis dahin haben wir mit unserem Privatvermögen gehaftet, ganz schön verrückt", sagt Blank. "Heute haben wir knapp 300 Mitglieder und verstehen uns immer noch als Elternvereinigung", auch wenn viele die Lebenshilfe als reinen Dienstleister ansähen. "Unserer Dani geht es gut", freut sich der Vater. Dank viel Logopädie spreche sie passabel. Daniela besuchte die Franziskus-Schule, als die noch in Garatshausen war. "Sie lebt im Wohnheim am Prinzenweg in Starnberg, sie wollte mit 21 ausziehen, wie ihre älteren Schwestern. Und sie arbeitet gern, ist jetzt in Machtlfing im Reinigungstrupp, der primär das Max-Planck-Institut in Seewiesen reinigt. Soweit ist sie selbständig." Trotzdem fühle man sich als Eltern lebenslang verpflichtet und verantwortlich, vor allem Danis Mutter Eva. "Am Wochenende oder wenn Dani krank ist, holen wir sie heim", so der Vater. Momentan mit Corona sei der Zugang aber beschränkt. Für den Fall, dass den Eltern etwas passiert, haben sie mit einem Behindertentestament vorgesorgt. "Dann übernehmen Danis Schwestern für sie die Verantwortung."

© SZ vom 28.01.2021 / bad, manu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema