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Porträt:Wenn der Kaminkehrer mit dem E-Bike kommt

Andreas Raschke und Tizian Fröschl radeln mit ihrer gesamten Ausrüstung durch Gilching. Mit ihren E-Bikes können sie locker 200 Kilo Ladung ziehen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Wenn Andreas Raschke samt Mops Franzi aufkreuzt, staunen die Gilchinger. Mit seiner Spezialkonstruktion an Fahrrad will er einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Von Otto Fritscher, Gilching

Wenn Andreas Raschke aufkreuzt, sind die Reaktionen ganz unterschiedlich. Meist erntet Raschke Zustimmung, wenn er in seiner schwarzen Kaminkehrer-Montur vom E-Bike steigt und von seinen Kunden schon an der Haustür freundlich begrüßt wird. Andere sprechen aber auch von "Wichtigtuerei" und einem "Faschingsmobil", wenn sie Raschkes "Dienstwagen" sehen. Zuständig ist er seit 2009 für rund 2800 Anwesen in Gilching. Er fährt aber nicht, wie die meisten seiner Berufskollegen, mit einem Lieferwagen oder zumindest einem Kombi von Haus zu Haus, um Heizung und Kamin zu checken, sondern mit einem E-Bike, an das ein dreirädriger Spezialanhänger gekoppelt ist.

In dem Anhänger hat Raschke seine komplette Ausrüstung verstaut: Haspel, Bohrmaschinen, Besen, Schaufel, Laptop und anderes gewichtiges Werkzeug, nur die dreieinhalb Meter lange Leiter hat er außen an dem Aufbau des Anhängers befestigt. Sein Geselle Tizian Fröschl, 25, ist ebenfalls mit einem E-Bike unterwegs. Und vorne auf dem Gepäckträger ist Mops Franzi immer dabei.

"Was brauch' ich denn ein Auto, wenn ich meist nur ein paar Meter von einem Einsatzort zum anderen fahre", erklärt der stämmige Mann, der sagt, dank der beiden starken Akkus im E-Bike könne er "locker 200 Kilogramm, vielleicht auch a bisserl mehr", mit Muskelkraft und Batterieunterstützung ziehen. Seit vier Jahren ist er als radelnder Kaminkehrer ortsbekannt, da ist er von vier auf zwei Räder umgestiegen. Seine drei Gesellen waren zunächst weiter im Auto unterwegs - bis zu dem Zeitpunkt, als Raschke beschloss, seinen gesamten Fuhrpark auf E-Bikes umzustellen. "Zwei von den drei wollten nicht radeln, da hab' ich sie rausgeschmissen", sagt Raschke resolut. Das war vor bald eineinhalb Jahren. Seine Kombi aus E-Bike der Marke Tern und Anhänger kostet zusammen rund 8000 Euro.

Wie ist das mit der Polizei? "Sie haben mich mal angehalten, wollten mein Fahrrad kontrollieren, aber es war alles in Ordnung." Wenn die insgesamt rund fünf Zentner schwere Fuhre mal richtig in Fahrt ist - und das können locker mehr als 30 km/h sein - , muss sie auch wieder gebremst werden. Das schaffen normale Fahrradbremsen nicht, deswegen hat der Anhänger eine Auflaufbremse. "Und die Polizisten haben mich ermahnt, einen Helm zu tragen, aber ich kann doch für 50 Meter keinen aufsetzen und wieder abnehmen, und das 20 Mal am Tag", sagt der Kaminkehrermeister. Raschke ist kein Öko-Freak, er ist eher ein Fahrrad-Freak, auch wenn er mal nach München oder Weilheim will, nimmt er sein E-Bike. Man würde vermuten, dass er gar kein Auto mehr hat - aber manchmal - wenn er etwa einen besonders schweren Herd transportieren muss - setzt sich der Kaminkehrer ans Steuer seines VW-Busses T4, mit dem er auch samt Wohnwagen hin und wieder in Urlaub fährt. "Ich kauf' mir auch kein Elektroauto", sagt der 52-Jährige. Warum? "Die haben doch alle viel zu viel PS." Auf manche Autofahrer ist er schlecht zu sprechen, etwa wenn sie sein Lang-Radl überholen und knapp vor ihm einscheren, was besonders häufig in den vielen Kreisverkehren in Gilching der Fall ist. "Dann steig' ich schon mal ab und stell' den Autofahrer zur Rede", sagt Raschke und lacht. Meistens werden diese recht schnell kleinlaut, wenn sich der massige Handwerker vor ihnen aufbaut.

Gelernt hat Raschke zunächst das Bäcker- und Konditorwerk, in Pöttmes hat er als Geselle in einer Bäckerei gearbeitet. "Mich hat aber das frühe Aufstehen genervt", sagt er, "und da habe ich zufällig Werbung für die Ausbildung zum Kaminkehrer gesehen - und absolviert. "Wir Kaminkehrer fangen erst um sechs an."

Er ist zuständig dafür, dass Heizungen und Kamine richtig arbeiten. "Ich kann doch nicht ständig von Umweltschutz reden und dann mit einem Auto, das viel zu viel verbraucht, daherkommen", sagt Raschke. Und wie ist das mit seinen Berufskollegen? "Wenn ich bei einer Fortbildung bin, wird mir dauernd erklärt, dass das, was ich mache, gar nicht geht." Und was sagt sein Geselle dazu, das er Radl fahren muss? Fröschl, ebenfalls von kräftiger Statur, grinst und sagt: "Ich find' des super." Dann treten die beiden kräftig in die Pedale und entschwinden ums Straßeneck.

© SZ vom 17.11.2018
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