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Nach Verhaftung des Polizisten aus Tutzing:Ein Ort unter Schock

Bayerische Kriminalstatstik 2018

Noch ist unklar, wie viele Fälle sexuellen Missbrauchs dem Tatverdächtigen vorgeworfen werden.

(Foto: dpa)

Die Feuerwehr beruft eine Krisensitzung mit Jugendlichen und Eltern ein, um neues Vertrauen zu schaffen. Der Kreisjugendring überprüft die Reisen des Betreuers.

Von Christian Deussing und Manuela Warkocz

Der Schock sitzt tief: Mitte März ist ein Polizist aus Tutzing festgenommen worden, der Jugendliche sexuell missbraucht haben soll, und in seinem Heimatort herrscht Fassungslosigkeit. Die Feuerwehr hatte am Dienstagabend ins Gerätehaus zu einer internen Versammlung 25 Jugendliche und deren Eltern sowie separat die aktiven Mitglieder der Feuerwehr eingeladen, denn der mutmaßliche Täter war ihr Vereinsvorsitzender. Kommandant Markus Kuisl wollte so den Schock überwinden und Vertrauen schaffen. Mit dabei: Tutzings Rathauschefin Marlene Greinwald und Vertreter des "Weißen Rings", der Opfer von Straftaten hilft. Auch im Gemeinderat sprach die Vize-Bürgermeisterin den Fall an. Und der Kreisjugendring stellt jetzt Nachforschungen an. Der Polizist begleitete seit acht Jahren 14- bis 17-Jährige auf Ferienfreizeiten.

Claus Piesch, der Vorsitzende des Starnberger Kreisjugendrings, sagte auf Anfrage, dass seine Organisation nun in Abstimmung mit dem Landeskriminalamt die letzten Reisen des einstigen Betreuers überprüft. Die nächste Fahrt war für Pfingsten nach Hamburg geplant; der Polizist sollte ursprünglich daran teilnehmen. Der Kreisjugendring schreibe jetzt die Eltern an, deren Kinder unter der Obhut des Mannes standen. "Bisher war uns an ihm nie etwas Verdächtiges oder falsches Verhalten aufgefallen, es gab auch keine Beschwerden", sagte Piesch.

Er sei "fassungslos und bestürzt" über den Fall, zumal er den Mitorganisator der Jugendreisen seit zwölf Jahren als ruhigen und engagierten Menschen kenne. In den 80 bis 100 Briefen an die Eltern werde darum gebeten, sensibel mit den eigenen Kindern über die Reisen zu sprechen, so Piesch. Zudem würden Beratungsstellen angeboten, darunter Präventionsexperten vom Kinderschutzbund, Jugendamt und dem Bayerischen Kreisjugendring.

Im Gemeinderat am Dienstag griff auch Vize-Bürgermeisterin Elisabeth Dörrenberg den Fall auf. Sie leitete die Sitzung, weil Greinwald der Feuerwehr beistand. Dörrenberg sprach von "Schockwellen bei der Feuerwehr". Sie betonte aber auch, dass es sich um das Fehlverhalten eines einzigen Mitglieds handele, und bat im Gremium um weitere Unterstützung der Feuerwehr, bei der vorerst der zweite Vorstand Boris Wolff die Aufgaben des inhaftierten Vereinsvorsitzenden übernimmt. "Die Feuerwehr leistet großartige Arbeit." Oberste Priorität müssten jetzt Gespräche und Hilfsangebote haben, sagte Dörrenberg.

Bürgermeisterin Greinwald hat dabei alle Tutzinger Vereine im Blick. Sie will vor den Pfingstferien Übungsleiter, Betreuer und Abteilungsleiter sowie Fachleute ins Rathaus einladen, um über Prävention und den Umgang von Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen zu reden. Teenager müssten lernen, selbstbewusst auf bestimmte Situationen zu reagieren. Greinwald zufolge war die Betroffenheit der Feuerwehrleute und Eltern in der Krisensitzung zu spüren gewesen. "Doch die Stimmung war besonnen und konstruktiv." Die Bürgermeisterin denkt aber auch an die Angehörigen des Polizisten. Greinwald hält Kontakt zu dessen Familienmitgliedern, die sie auch als Opfer ansieht.

Noch ist unklar, wie viele Fälle sexuellen Missbrauchs dem Tatverdächtigen vorgeworfen werden. Er habe sich "offenbar Gelegenheiten verschafft", vermutet ein Ermittler. Dazu könnte auch eine Jugendcamp-Reise in eine Partnerstadt des Landkreises Starnberg in Taiwan gehört haben.

© SZ vom 04.04.2019

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