Diskussionsabend:Ein Gefühl von Unsicherheit in Deutschland

Diskussionsabend: Michael Wolffsohn bei seinem Vortrag im Feldafinger Bürgersaal.

Michael Wolffsohn bei seinem Vortrag im Feldafinger Bürgersaal.

(Foto: Georgine Treybal)

Michael Wolffsohn ist deutscher Jude, Historiker, Publizist und gilt als Galionsfigur der Konservativen. Beim Forum Feldafing spricht er darüber, warum sich seine Familie nicht mehr sicher fühlt und welche Rolle die Migration von Muslimen dabei spielt.

Von Tim Graser, Feldafing

Formal gesehen sei er ja Palästinenser, beginnt Michael Wolffsohn das Gespräch, woraufhin die Moderatorin Manuela Pietraß nicht schlecht staunt. Professor Doktor Michael Wolffsohn, Ehrenmitglied der jüdischen Gemeinde in Berlin, ehemaliger Wehrpflichtiger der israelischen Armee und als hochdekorierter Wissenschaftler einer der führenden Experten in Sachen deutsch-jüdischer Geschichte, ein Palästinenser? "Geboren in Tel Aviv, das lag damals im britischen Mandatsgebiet Palästina", ergänzt Wolffsohn lächelnd. Als Einjähriger sei er dann israelischer Staatsangehöriger geworden. Das war 1948, kurz nachdem der Anführer der zionistisch-sozialistischen Arbeiterpartei Israels, David Ben-Gurion, den jüdischen Staat ausrief.

Das Podiumsgespräch, zu dem das Forum Feldafing am Freitag geladen hat, ist ein besonderes: Zum ersten Mal in der Geschichte des Vereins ist ein Redner ein zweites Mal zu Gast. Wolffsohn hat bereits 1991 auf einer Bühne in Feldafing gesprochen, damals noch im Hotel Kaiserin Elisabeth, über Deutschlands Rolle im Golfkrieg. Diesmal allerdings solle vor allem "seine Geschichte im Vordergrund stehen", betont die Vorsitzende des Vereins "Forum Feldafing", Manuela Pietraß, die an diesem Abend neben Wolffsohn auf dem Podium Platz genommen hat. Die Bühne steht nicht mehr in besagtem Hotel, stattdessen hat der Verein in das neue Rathaus eingeladen, der Bürgersaal ist brechend voll.

"Eine andere jüdische Geschichte" lautet der Titel der Veranstaltung. Warum Wolffsohns Geschichte denn so anders sei als die anderer Juden, deren Familie aus Hitler-Deutschland flohen, erklärt der 76-Jähriger gleich zu Beginn: "Wir waren Glückskinder, so hat das meine Mutter immer beschrieben. Wir hatten das Glück, überlebt zu haben. Andere haben auch überlebt, aber ihre Liebsten nicht." Die Familien von Wolffsohns Eltern waren 1939 nach Tel Aviv geflüchtet, in das damalige britische Mandatsgebiet. So hatte Wolffsohn das große Glück, keine direkten Verwandten im Holocaust zu verlieren, in einer kompletten und intakten Familie aufzuwachsen - für europäische Juden keinesfalls selbstverständlich.

"Deutschland, das Paradies auf Erden"

Ebenfalls untypisch: Bereits 1949 siedelte Wolffsohns Großvater wieder zurück nach West-Berlin, Wolffsohn selbst folgte zusammen mit seinen Eltern 1954. Unter den Juden in Israel sei das damals streng verpönt gewesen, so Wolffsohn. Den Deutschen traute zu dieser Zeit noch keiner über den Weg. Wolffsohn aber beschreibt seine Kindheit im Nachkriegsdeutschland euphorisch: "1954 kam ich zurück nach Deutschland, in das Paradies auf Erden. Antisemitismus habe ich erst im Studium kennengelernt. Zuerst von links, die Rechten haben sich damals noch nicht aus ihren Mäuselöchern getraut", so der emeritierte Professor. Damit ist Wolffsohn beim Kernthema angekommen.

Der Antisemitismus sei vor allem in den vergangenen Jahren in Europa wieder erstarkt, sowohl von rechts wie von links außen. Aber maßgeblich verantwortlich für antisemitische Übergriffe macht Wolffsohn vor allem die veränderte Demografie, die Migration von Muslimen nach Deutschland und Europa. Der islamische Antisemitismus "beziehungsweise Antijudaismus", schließlich seien auch Araber Semiten, sei in den alten muslimischen Schriften fest verankert, sagt Wolffsohn. "Man kann verstehen, dass der Islam in seiner Abgrenzung zum Christentum und Judentum polemisch wurde." Diese These gehört zu den umstrittensten Standpunkten des konservativen Wissenschaftlers, die er in Zeitungsartikeln mehrfach ausführte.

Ob nicht doch vielleicht die liberalen Demokratien, vielleicht Deutschland oder die USA, die Möglichkeit für ein dauerhaft friedliches jüdisches Leben bieten könnten, fragt zum Schluss ein junger Mann aus dem Publikum mit Blick auf den Krieg in Israel. "Glauben Sie das wirklich?", entgegnet Wolffsohn. Er jedenfalls fühle sich - genauso wie einige Mitglieder seiner Familie - nicht mehr vollkommen sicher in Deutschland. Die Familie wohlgemerkt, die sich vor 70 Jahren als eine der ersten jüdischen Familien zurück in das neue Deutschland traute. Einige seiner Kinder überlegten sogar auszuwandern, sagt Wolffsohn. Es sei nicht lange her, da habe seine Enkeltochter jenen Satz von einem Mitschüler zu hören bekommen: "Alle Juden stinken." An einer katholischen Schule in Deutschland.

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