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Kraillinger Kult-Art-Festival:Die Chiemsee-Cowboys

Wild, ungezügelt und immer den Fuß auf dem Gas, das ist Django 3000. Die Band begeistert die rund 400 Besucher im Zelt, die ausgelassen tanzen, mit ihrem unverwechselbaren Sound.

Annette Jäger

Django 3000 auf der Bühne

Django 3000 auf der Bühne Krailling Django 3000 beim 12. Kraillinger Kult-Art-Festival

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Alle Wilden kommen vom Chiemsee. So scheint es. Es verwundert jedenfalls nicht, dass Florian Starflinger, Geiger von Django 3000, mit Stefan Dettl von der Blasmusik-Truppe "LaBrassBanda" befreundet ist und gemeinsam die Schulbank drückte. Die Bayerische Postkartenlandschaft scheint ein idealer Nährboden zu sein für wilde, ungebändigte Musik. Und auch im Zündeln sind sie gut, die Burschen aus dem Voralpenland - ein Feuer im Publikum zu entfachen, das haben sie drauf. Dabei ist das von Django 3000 ganz speziell: es knistert nicht nur, es ist eine einzige lodernde Stichflamme, die die vierköpfige junge Band am Samstagabend auf dem Kult-Art-Festival verursacht.

Genres waren gestern, auf Stilrichtungen wird gepfiffen. Die vier schwarzgekleideten, bunt tätowierten, auf dem Kopf rasierten und teils mit üppigen Bärten bewachsenen Chiemsee-Cowboys schwingen sich lieber auf ihre ungezähmten Wildpferde, krallen sich in die Mähnen und jagen im heißen Galopp quer durch Europa. In Frankreich ziehen sie traditionelle Rhythmen aufs Pferd, in Spanien den Flamenco-Takt, auf dem Balkan und in Ungarn den Gypsy-Swing und vermengen das zu einem unverwechselbarem Django 3000-Sound: Schlagzeug und Bass grooven unaufhaltsam vorweg, Gitarre und Geige gesellen sich virtuos dazu, gesungen wird auf Bayerisch. Echter Europa-Sound.

"Spaß soll es machen, tanzbar soll es sein und nicht zu kompliziert, das Publikum soll es verstehen" - das ist Musik, die sie machen wollen, sagt Starflinger. Das Kraillinger Publikum, rund 400 Besucher an der Zahl, hat es verstanden: Getanzt haben sie, im Dirndl wenn nötig, die Eltern, die ihre Kinder beim Babysitter gelassen haben und die anfangs skeptischen Senioren, die zunächst ganz hinten im Zelt auf den wenigen Bänken sitzen blieben. Das Zelt war erstmals unbestuhlt. Noch am Nachmittag war Bürgermeisterin Christine Borst gespannt, wie das Kraillinger Publikum, "das gerne sitzt", die unbestuhlte Arena aufnehmen würde. Tatsache ist: Sie hätten die Bänke vermutlich aus dem Zelt geworfen. Dem Groove der Band kann man sich nicht entziehen, keine Chance, der geht direkt vom Ohr ins Bein. Tanzen ist zu wenig. Einmal Ausflippen und zurück bitte. "I say disco, you say party", brüllte Kontrabass ist Michael Fenzl ins Publikum. Und sie machten Party.

Mit ihrem Song "Heidi", der sich im September 2011 ins Radio durchgefressen hat, wie Starflinger es ausdrückt, haben sie die bayerische Musikszene gestürmt. Seit eineinhalb Jahren touren die vier Musiker durch die Lande, in Krailling wurden sie präsentiert von der Süddeutschen Zeitung. Drei der Bandmitglieder haben Musik studiert, daher kennen sie sich. Dazu kam Gitarrist Kamil Müller, langjähriger Freund Starflingers, mit seinen slowakischen Wurzeln und musikalisch in der traditionellen Gypys-Musik zuhause. Auf vielen Ausflügen in die Slowakei und weiter bis nach Weißrussland haben sie in die Folksmusik-Traditionen der jeweiligen Länder geschnuppert, haben die Klänge mit dem Handy aufgenommen und zuhause in ihre ganz eigene musikalische Handschrift einfließen lassen. Herauskommt Django-Stil: frei, ungebändigt, oft konzeptionslos, einfach drauf los, den Fuß immer auf dem Gas. Das Gypsy-Flair zieht sich durch alle Songs, geht mitten ins Herz. Dem bayerischen Zigeunerflair wollen die vier Musiker treu bleiben - denn wo hat die teuflisch virtuose Geige im Pop sonst einen Platz?

Der Abend begann rasant und er endete noch viel rasanter. Immer noch eins drauf setzen, das können die Djangos. Auf schnaubenden, schwitzenden Gäulen am Ende des Programms angeritten, kam endlich die vom Publikum ersehnte "Heidi". Dazu holten sich die Cowboys ein paar tanzende Kraillinger Heidis auf die Bühne, "hey Heidi"! Einer johlenden Menge gab die Band einen Appell mit auf den Heimweg: "Bleibt wuid und frei". Und mit einem riesigen Eimer Wasser erlosch das Lagerfeuer. Der aufsteigende Rauch zog noch lange durch Kraillings Sommernacht.

© SZ vom 08.07.2013
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