Interview zur Corona-Lage in Starnberg:"Wir müssen die Diktatur der Ungeimpften brechen"

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Interview zur Corona-Lage in Starnberg: Optimistisch: der Starnberger HNO-Arzt Bernhard Junge-Hülsing.

Optimistisch: der Starnberger HNO-Arzt Bernhard Junge-Hülsing.

(Foto: Arlet Ulfers)

Bernhard Junge-Hülsing, Pandemiekoordinator des Landkreises, glaubt, dass Weihnachten relativ normal werden könnte.

Von Carolin Fries

Bernhard Junge-Hülsing hat sich viel aufregen müssen zuletzt: über Patienten, die ihm erklären wollen, warum sie sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen, oder einen Gesundheitsminister, der den Impfstoff Biontech rationieren will. Dennoch ist der 57-jährige HNO-Arzt und Pandemiekoordinator des Landkreises zuversichtlich, dass sich die Lage entspannt.

SZ: Vergangene Woche sagten Sie, dass "der Spuk bis Weihnachten wieder auf dem Sommerniveau ist". Ehrlich?

Bernhard Junge-Hülsing: Wenn alle mitmachen, werden wir Weihnachten relativ normal feiern können. Nicht so normal wie gewohnt, aber normaler als im vergangenen Jahr.

Was heißt mitmachen?

Die vierte Welle ist vor allem eine Welle der Ungeimpften. Das zeigt unter anderem das Beispiel Hamburg. Dort sind 80 Prozent der Menschen geimpft, die Inzidenz liegt bei 120 - bei 22 unter den Geimpften und über 600 unter den Ungeimpften. Wir müssen die Diktatur der Ungeimpften brechen. Das funktioniert nur über Einschränkungen. Vor allem wegen der Einschränkungen haben sich am Wochenende knapp 200 bislang Ungeimpfte eine Spritze im Landratsamt Starnberg geholt.

Aber zeitlich wird es doch sehr knapp werden, die Infektionszahlen bis Weihnachten wieder runterzukriegen, oder?

Es ist immer vom exponentiellen Wachstum die Rede. Dieses beinhaltet aber auch das Erreichen eines Plateaus. Das erreichen wir mit Impfen und Herdenimmunität.

Österreich setzt auf das bewährte Mittel des Lockdowns.

Das ist auch richtig. Und sollten die Zahlen in der kommenden Woche auch in Deutschland nicht sinken, wird die Politik den Lockdown für die Ungeimpften auch auf die Geimpften ausweiten müssen.

Unpassender könnte eine Verknappung des Impfstoffes Biontech nicht kommen.

Es gibt genug Impfstoff für alle. 16 Millionen Dosen Moderna sind da, acht Millionen weitere werden erwartet, das reicht für 50 Millionen Booster-Impfungen.

Und wer Biontech will?

Der bekommt Biontech. Dass die Ärzte beziehungsweise Praxen nur 30 Dosen in der Woche bekommen sollen, wird nicht lange Bestand haben. Diese Menge reicht bei mir in der Praxis für einen Vormittag. Wir impfen momentan 100 bis 120 Dosen täglich parallel zur Sprechstunde. Es ist wichtig, dass sich die Leute in den kommenden fünf Wochen ihre erste Spritze oder den Booster holen.

Für alle, die zögern: warum?

Dieses Virus ist einfach sehr gefährlich. Nach einer durchgemachten Infektion verdoppelt sich das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, und die Wahrscheinlichkeit, an der Dialyse zu landen, verdreifacht sich. Durch eine Infektion gehen bis zu zwölf Hirnjahre verloren. Es ist Quatsch zu behaupten, ein gutes Immunsystem packe das schon.

Ist es ratsam, vor der Auffrischungs-Impfung einen Antikörpertest zu machen?

Nein. Die Titer geben gute Hinweise, es gibt aber keine wissenschaftlichen Grenzwerte, ab wann man keinen Impfschutz mehr hat.

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