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Kindesmissbrauch:"Ich will mich nicht länger schämen"

Prozess gegen Großvater wegen sexuellen Missbrauchs

Eine Frau leidet seit mehr als 60 Jahren darunter, als Kind missbraucht worden zu sein.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Sie war vier Jahre alt, als das Grauen begann. Ihr Vater und später auch der Bruder sollen das Mädchen sexuell missbraucht haben. Noch heute kämpft die Rentnerin mit Hilfe des Herrschinger Frauennotrufs gegen das Trauma an.

Von Jessica Schober, Herrsching

Einmal im Monat macht Hildegard K. (Name von der Redaktion geändert) sich auf den Weg nach Herrsching. Die Frau mit dem grauen, welligen Haar und dem bunten Seidenschal steigt dann in den Zug, irgendwo in einer bayerischen Kleinstadt, und fährt Richtung Ammersee. Die Mittsechzigerin liebt den See, dessen Ufer noch so zugänglich ist und der sein Wasser nicht nur mit den Wohlhabenden teilt. Am Ammersee kann Hildegard K. durchschnaufen. Manchmal konzentriert sie sich dann auf ihren Atem und wandert gedanklich ihre Lendenwirbelsäule entlang. Das beruhigt sie. Manchmal legt sie in Gedanken auch den bläulich schimmernden Schutzumhang an, der durchlässig bleibt für die Außenwelt und sie zugleich davor bewahrt, dass alte Erinnerungen ihr zu nahe kommen.

Als kleines Mädchen von etwa vier Jahren habe ihr Vater begonnen, sie sexuell zu missbrauchen. Später hätten ihr Bruder und dessen Freund sie vergewaltigt. Sexuelle Gewalt sei ihr immer wieder widerfahren, über Jahre hinweg an unterschiedlichen Orten, mal im Englischen Garten, mal in der Familienwohnung des Freundes ihres Bruders. So erzählt es K. heute, juristische Beweise gibt es dafür keine, sie hat auch nie Anzeige erstattet. Mehr als 60 Jahre später kommt sie regelmäßig in die Beratung des Herrschinger Frauennotrufs, um über das Vergangene zu reden. Bis sie als Jugendliche in ein Heim kam, hatte ihre Seele schon so viel Schaden genommen, dass es wie bei vielen Betroffenen fast ein halbes Menschenleben dauern sollte, bis sie über das Erlebte sprechen konnte. Aber jetzt, sagt sie, sei es "Zeit, dass ich in die Sichtbarkeit gehe".

In den vergangenen Monaten haben mehrere Fälle von schwerem Kindesmissbrauch Schlagzeilen gemacht. Jüngst wurde ein Vater aus Bergisch Gladbach zu zwölf Jahren Gefängnis und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Er hat seine kleine Tochter dutzendfach missbraucht, sie war gerade erst ein Jahr und drei Monate alt, als er damit begann. Über solche Täter wird berichtet. Doch wie geht es den Opfern? In jeder Schulklasse sitzt, statistisch gesehen, ein betroffenes Kind. Seit Beginn der Corona-Krise hat sich die Nachfrage nach Material zu sexualisiertem Kindesmissbrauch in mehreren Ländern um bis zu 30 Prozent erhöht, teilte die EU-Kommission mit.

Der Fall von Hildegard K. ist juristisch verjährt. Erst mit 40 Jahren war ihr Unterbewusstes bereit preiszugeben, was dem kleinen Mädchen damals widerfahren war. Kurz nachdem ihr Vater gestorben war, kam plötzlich alles hoch. Hildegard K. erinnert sich noch genau, wie sie in einer Bücherei stand und ein Buch betrachtete, auf dessen Cover ein Gemälde von Egon Schiele zu sehen war, eine junge Frau mit angewinkelten Knien, die halb verführerisch, halb verloren in die Ferne schaut. Die Erinnerung kam mit einem Schlag zurück. Und mit ihr die Schuldgefühle, die Scham, das ganze Entsetzen.

Hildegard K. will von ihrem Schicksal erzählen, um anderen Mut zu machen. Mut, sich Hilfe zu suchen. Mut, die Täter anzuzeigen. Bevor es zu spät ist - deswegen kämpfen Initiativen dafür, dass Kindesmissbrauch nicht verjährt. Bei der Bewältigung haben ihr auch die Beraterinnen des Frauennotrufs in Herrsching geholfen. Die monatlichen Spaziergänge stabilisieren sie noch heute. Hildegard K. hat eine Traumatherapie gemacht und ist immer wieder in psychotherapeutischer Behandlung.

"Ich bin fast mein ganzes Leben damit befasst gewesen, die Ereignisse meiner Kindheit zu verarbeiten", sagt Hildegard K. "Aber jetzt will ich mich nicht länger schämen." Das Schlimmste für sie an den aktuellen Missbrauchsskandalen sei der Umgang mit den Betroffenen: "Viele bekommen nicht die richtige Hilfe." Sie vermutet, dass es auch in ihrem Alter noch viele Betroffene gibt, die sich nie getraut haben, darüber zu sprechen. Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen gebe es überall. "Auch das ist eine Pandemie in der Welt", sagt sie.

Mit ihrem Mitte 40-jährigen Sohn spricht Hildegard K. über ihre Vergangenheit. "Keine Details, aber er weiß, wie viele Täter es waren und was passiert ist. Er ist mir sehr dankbar, dass ich das alles in unserer Familie aufarbeite, solche Fälle werden ja sonst oft wie ein ungutes Erbe von Generation zu Generation weitergereicht." Und sie ahnt: "Es wird wohl noch dauern, bis alles heilt."

Dabei fühlt sich Hildegard K. heute als starke Frau und sagt: "Ich bin mehr als ein Gewaltopfer." Sie bezeichnet sich selbst stattdessen als Betroffene von sexualisierter Gewalt. "Ich brauche keinen Opferstatus, damit landet man nur in der Schublade", sagt sie entschlossen. Oft blieben Schuld und Scham an den Betroffenen hängen, auch wenn diese die unfassbare Kraftanstrengung aufgebracht hätten, Anzeige zu erstatten. Es macht sie fassungslos, dass noch immer die Betroffenen stigmatisiert werden und dass Freunde sich von ihnen abwenden, einfach weil sie nicht wissen, wie sie mit dem gesellschaftlichen Tabu umgehen sollen.

Hildegard K. ist gelernte Altenpflegerin, inzwischen im Ruhestand. In ihrem Leben hat sie viele unterschiedliche Jobs gemacht, sie hat sich selbst nicht geschont. Lange hat sie geglaubt, stets harte körperliche Arbeit leisten zu müssen, um überhaupt eine Berechtigung zum Dasein zu haben. "Ich bin unter meinen Möglichkeiten geblieben", sagt sie im Rückblick auf ihr Leben. "Es hat oft meine ganze Kraft gebraucht, einfach weiter zu leben."

Als Kind floh sie vor der Hölle in der Familie, indem sie so viel wie möglich draußen war. Sie wurde zur Anführerin einer Jungsgang, kletterte auf Bäume, kam oft erst spät nachts zurück. K. kann sich nicht vorstellen, wie sie als Kind so etwas wie eine Corona-Krise daheim hätte überstehen sollen. "Bewegung an der frischen Luft ist mein Lebenselixier. Wenn ich nicht raus gekonnt hätte, wäre ich verrückt geworden."

Ihren Bruder hat sie vergangenes Jahr in den Räumen des Frauennotrufs "zur Rede gestellt", wie sie es nennt. Er habe die Taten von damals nicht bestritten und sich recht vage bei seiner Schwester entschuldigt - "wofür genau, das blieb bis zuletzt in der Luft". Für Sozialpädagogin Claudia Sroka vom Frauennotruf, die die Aussprache begleitete, war es ein ungewöhnlicher Moment. "Sie waren da sehr stark, dass Sie sich dem Ganzen so stellen konnten", sagt die Beraterin zu ihrer Klientin.

Später hat Hildegard K. auch eine Entschädigungszahlung vom "Fonds Sexueller Missbrauch" des Familienministeriums erhalten; dafür musste sie psychologische Gutachten und Therapieberichte vorlegen. Doch weder das Geld noch der angebotene Handschlag des Bruders können ihr zurückgeben, was ihr genommen wurde. Die Unbedarftheit, die Leichtigkeit. "Wenn ich in einen neuen Raum komme, scanne ich noch heute die Umgebung nach möglichen Gefahren ab", erzählt sie. Für die Justiz ist die sexualisierte Gewalt von damals verjährt, für die Betroffene bleibt sie ein Lebensthema.

© SZ vom 10.10.2020/vewo
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