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Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach:Jörg L. zu zwölf Jahren Haft und Sicherungsverwahrung verurteilt

Prozess im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach

Der Angeklagte im Prozess wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern wird von einem Justizbeamten in den Kölner Gerichtssaal geführt, während er sich eine Mappe vor das Gesicht hält. (Archivbild)

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Durch eine Hausdurchsuchung bei dem 43-Jährigen stießen Ermittler auf das bislang größte pädokriminelle Netzwerk in Deutschland. Nun muss er für lange Zeit ins Gefängnis.

Von Jana Stegemann, Köln

Mit der Hausdurchsuchung bei Jörg L. in Bergisch Gladbach fing im Oktober 2019 alles an: Durch das, was die Ermittler in dem Einfamilienhaus fanden, konnte das größte bisher bekannte Missbrauchsnetzwerk Deutschlands aufgedeckt werden.

Am Dienstagmittag wurde der 43-Jährige am Landgericht Köln zu einer Haftstrafe von zwölf Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte dreizehneinhalb Jahre und anschließende Sicherungsverwahrung gefordert; der Verteidiger von Jörg L. hatte sich gegen eine Sicherungsverwahrung ausgesprochen. Die Strafkammer sah es als erwiesen an, dass Jörg L. seine heute dreijährige Tochter regelmäßig vergewaltigt und schwer sexuell missbraucht hat. Den Großteil der Taten habe er mit seinem Smartphone fotografiert oder gefilmt und Aufnahmen an gleichgesinnte Chat-Partner weitergeleitet.

Das Gericht ist überzeugt, dass der erste sichergestellte Übergriff am 23. Juli 2018 war; da war die Tochter ein Jahr und drei Monate alt und hatte gerade Laufen gelernt. Mehrmals hatte Jörg L. seine Tochter zu Treffen mit dem bereits verurteilten Chatpartner Bastian S. aus Kamp-Lintfort mitgebracht. Die beiden Männer hatten sich mit den Mädchen unter anderem in einem Wellnessbad, im Sea Life oder zum Grillen getroffen.

Chatgruppen mit zeitweise 1800 Tätern

Von allen angeklagten Taten hatte L. unzählige Fotos und Videos gemacht, die Polizei fand bei ihm gigantische Mengen an kinderpornografischen Dateien. Die Ermittler berichteten von Chatgruppen, in denen zeitweise 1800 Täter aktiv gewesen seien.

Fast 90 Minuten hatte am ersten Prozesstag die Verlesung der Anklage gedauert. Große Teile des Prozesses - das Geständnis von L., die Aussage seiner Ehefrau und die Aussage des psychiatrischen Sachverständigen - fanden dann aber ohne Öffentlichkeit statt, um die dreijährige Tochter des Mannes zu schützen.

"Das Leben meiner Frau und Tochter komplett versaut"

Im Prozess bestritt der 43-Jährige einem Antrag seines Verteidigers zufolge allerdings, schon im Sommer 2017 mit dem Missbrauch seiner erst im April desselben Jahres geborenen Tochter begonnen zu haben. Erste Missbrauchshandlungen habe es von Sommer 2018 an gegeben. Er und sein Anwalt kündigten an, dass der Angeklagte dem Mädchen 50 000 Euro auf ein Konto einzahlen wolle. Nach Angaben des Verteidigers soll das Geld als "Schadenswiedergutmachung" dienen.

Auf die Frage des psychiatrischen Sachverständigen, von welchem angerichteten Schaden der Angeklagte ausgehe, hatte der 43-Jährige geantwortet: "Also, dass das Leben meiner Frau und Tochter komplett versaut ist."

Der gelernte Koch und Hotelfachmann L. gilt als zentrale Figur des Missbrauchskomplexes Bergisch Gladbach, weil bei ihm unzählige digitale Kontakte zu anderen Männern gefunden wurden. Mittlerweile hat die Polizei mehr als 100 Tatverdächtige identifiziert, die Justiz hat erste Urteile gefällt - mehr als 50 Kinder konnten gerettet werden. Doch die Behörden werden noch Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte brauchen, ihre Ermittlungen abzuschließen. Noch immer gibt es 30 000 Spuren zu Tatverdächtigen, Tatorten und Opfern.

© SZ/lot
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