Fotografie:Die Kunst des Beobachtens

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Fotografie: Auch diesem windschiefen Zaun konnte der 2016 gestorbene Fotograf George E. Todd viel Schönes abgewinnen.

Auch diesem windschiefen Zaun konnte der 2016 gestorbene Fotograf George E. Todd viel Schönes abgewinnen.

(Foto: George E. Todd Archive, Weßling)

Kunsthistorikerin Susanne Flesche gibt jetzt unter dem Titel "Nearby and Far Away" einen Bildband mit besonders eindrucksvollen Reisefotografien aus dem Nachlass des Weßlinger Fotokünstlers George E. Todd heraus.

Von Katja Sebald

Was macht man, wenn man einen künstlerischen Nachlass mit mehr als 1000 Fotografien und über 30 000 Negativen erbt? Der Fotograf George E. Todd übergab kurz vor seinem Tod im Juli 2016 sein gesamtes fotografisches Oeuvre an die Weßlinger Kunsthistorikerin Susanne Flesche - verbunden mit dem Wunsch, es weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Flesche gründete "The George E. Todd Archive", organisierte bereits mehrere Ausstellungen und hat nun unter dem Titel "Nearby an Far Away" einen Bildband mit Todds schönsten Reisefotografien aus sechs Jahrzehnten herausgegeben: ein Buch, das so zurückhaltend und zugleich eindrucksvoll ist, wie es der Künstler selbst war.

"Jeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten. Photographieren ist nur insofern Kunst, als sich seiner die Kunst des Beobachtens bedient. Beobachten ist ein elementar dichterischer Vorgang. Auch die Wirklichkeit muss geformt werden, will man sie zum Sprechen bringen." Man könnte meinen, Friedrich Dürrenmatt, von dem dieses berühmte Zitat stammt, habe nicht nur unser Zeitalter des unermüdlichen Knipsens in jeder Lebenslage vorausgesehen, sondern er habe auch die Fotografien von George E. Todd und die ihnen innewohnende Poesie gekannt. Todd reiste in den Fünfziger Jahren durch Spanien und Frankreich, später nach Italien und Portugal, nach Arizona und nach Neufundland. Er war kein Landschaftsfotograf im eigentlichen Sinn. Er suchte und fand vielmehr Orte, die durch die Abwesenheit des Menschen ihre Geschichten erzählen. Und er war im Sinne Dürrenmatts ein Dichter, der der sich für seine Beobachtungen meist der Kamera und manchmal auch der Worte bediente.

Fotografie: Vor allem interessierten ihn Wolkenformationen.

Vor allem interessierten ihn Wolkenformationen.

(Foto: George E. Todd Archive, Weßling)
Fotografie: Ähnliches galt auch für ein markantes oder ruinöses Gebäude.

Ähnliches galt auch für ein markantes oder ruinöses Gebäude.

(Foto: George E. Todd Archive, Weßling)

Schönheit sah er in einem windschiefen Zaun ebenso wie in der elegant geschwungenen Treppe eines leerstehenden Hauses, an einer verlassenen Tankstelle, an einem ruinösen Kirchlein irgendwo in der Wüste. Er sah die besondere Stimmung einer leeren Bar in New Mexico, in Spanien, in Italien. Und er sah die schwarze Zeichnung eines Schattenwurfs auf einer Mauer, die Linien eines berstenden Baumstamms, die grafische Struktur eines morschen Bretterdachs in der Sonne oder der fleckigen Steinhaut einer von Efeu überwucherten Grabfigur. Vor allem aber interessierten ihn Wolkenformationen, die er nicht selten zu den eigentlichen Protagonisten seiner Bilder machte.

Todd, der sich selbst gerne als "Dinosaurier" bezeichnete, war ein Meister der analogen und hier vor allem der Schwarz-Weiß-Fotografie. Er beherrschte die dazugehörigen Techniken und war ein Perfektionist bei der Anfertigung seiner Fine Art Prints. Jedes seiner Bilder war eine sorgfältige Komposition, jede einzelne Linie war durchdacht, nichts wurde dem Zufall überlassen. Vor allem aber wusste er das Licht zu nutzen und auf den richtigen Moment zu warten. Und doch sind es nicht die technischen Mittel, die diese außergewöhnlichen Bilder ausmachen. Es ist nicht einmal die kühne Schwarz-Weiß-Ästhetik, nicht die sparsam-gekonnte Schattenmalerei. Es ist der Blick des Fotografen, der diese Bilder zu Kunstwerken macht.

Fotografie: Todd galt als Meister der Schwarz-Weiß-Fotografie.

Todd galt als Meister der Schwarz-Weiß-Fotografie.

(Foto: Foto: George E. Todd Archive, Weßling)
Fotografie: Die Weßlinger Kunsthistorikerin Susanne Flesche kümmert sich um den Nachlass von Georg E. Todd.

Die Weßlinger Kunsthistorikerin Susanne Flesche kümmert sich um den Nachlass von Georg E. Todd.

(Foto: Georgine Treybal)

Das Buch aber wird nicht allein durch seine Bilder zu einer kostbaren Erinnerung an diesen eigenwilligen und liebenswert kauzigen Fotografen. Es ist selbst ein kleines Kunstwerk und besticht durch seine hochwertige Aufmachung, durch das voluminöse Papier und die sehr gute Druckqualität. Dennoch ist es alles andere als ein "Prachtband", es ist schlicht gestaltet und braucht nicht viel Text. Susanne Flesche hat ein sehr persönliches Vorwort geschrieben, Hans-Michael Koetzle würdigt den "Kamerakünstler" George E. Todd. Die Bildunterschriften folgen den Notizen, die Todd selbst zu den einzelnen Aufnahmen gemacht hat: Manchmal ist es nur ein Ort und ein Datum, manchmal eine kurze Beschreibung und manchmal ein Gedicht, das von der Stimmung eines Bildes inspiriert wurde.

George E. Todd wurde 1925 in Grimsby in England geboren. Er kam 1972 nach Deutschland, wo er bei der DLR in Oberpfaffenhofen viele Jahre in der Weltraumforschung arbeitete. Ebenso lange lebte er mit seiner Frau Pat in Hochstadt. Seit 1990 widmete er sich ganz der Fotografie - und zwar bis zuletzt ausschließlich der analogen Fotografie. Seine Leidenschaft galt dem Mittel- und Großformat. Für seine künstlerische Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, 2004 wurde er in die Deutsche Gesellschaft für Photographie aufgenommen. Im Juli 2016 starb er im Alter von 91 Jahren.

Das Buch "George E. Todd. Nearby and Far Away" kostet 30 Euro und kann direkt über das George E. Todd Archiv gekauft werden: susanneflesche@gmx.de.

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