bedeckt München 11°

Fünfseen-Filmfestival:Schnell und radikal

Taiwan ist seit neun Jahren Gastland beim cineastischen Großereignis in Starnberg. Und bringt immer wieder Dramen oder Kurzfilme an den Start, die mit Mainstream nichts zu tun haben

Von Astrid Becker, Gauting

Was hat sich doch alles geändert! Noch vor wenigen Jahren war hierzulande der ostasiatische Inselstaat einem Großteil der Bevölkerung allenfalls durch Herkunftsbezeichnungen auf elektronischem Gerät, Spielzeug oder Textilien bekannt. "Made in Taiwan" hat jedoch längst eine andere Bedeutung bekommen - vor allem im Landkreis Starnberg. Das mag einerseits mit der seit gut 35 Jahren bestehenden Partnerschaft des Kreises mit New Taipei City zu tun haben, die mittlerweile mit allerlei Austausch verbunden ist. Andererseits auch damit, dass Taiwan seit neun Jahren Gastland beim Fünfseen-Festival ist und die Generalvertretung des Inselstaats in München hier jährlich einen Empfang ausrichtet - wie an diesem Montag.

Um die Bedeutung des taiwanischen Auftritts bei diesem Festival nachzuvollziehen, muss man sich vor Augen halten, wie wichtig es für die Republik China ist - also Taiwan, nicht zu verwechseln mit der Volksrepublik China -, quasi Werbung in eigener Sache zu machen. Das demokratische Land wird offiziell als solches nur von 15 Ländern weltweit anerkannt - wohl aus Angst vor wirtschaftlichen Sanktionen durch China, für das Taiwan nach wie vor Teil der Volksrepublik ist. Im Inselstaat Taiwan will man sich jedoch nicht zum autoritären Giganten auf dem 160 Kilometer entfernten Festland gehörig fühlen. Ein Mittel, um die Unterschiede auch in kultureller Sicht darzustellen und Verständnis dafür zu wecken, ist wohl der Film.

Viel erdulden muss "Evon" (Lee Lee-Zen) in der Europapremiere des taiwanisch-malaysischen Films "Miss Andy" von Regisseur Teddy Chin.

(Foto: LAIXIANG POW)

In Berlin haben sich längst eine ganze Reihe Cineasten gefunden, die mit Neugier auf das schielen, das Taiwan auf die Leinwand bringt: Taiwanische Filme werden auf der Berlinale gezeigt, zudem gibt es dort seit einigen Jahren sogar ein eigenes Taiwan-Film-Festival.

Im süddeutschen Raum allerdings seien taiwanische Filme noch nicht so populär, wie auch der Leiter des Fünfseen-Filmfestivals, Matthias Helwig, sagt: "Taiwanische Film sind nicht so weich gespült, es ist kein Mainstream", sagt er, "sondern direkter, überraschender, radikaler."

Und auch schneller. Das werden wohl die meisten Gäste des Empfangs - darunter auch der ehemalige Landrat Karl Roth, der 2018 mit einer Delegation Taiwan besucht hatte - zu spüren bekommen haben. Allein beim gezeigten Kurzfilm "Lichao" über eine schwierige Mutter-Tochter-Be-ziehung, wie aber auch bei der Europapremiere des mehr als 100 Minuten dauernden Dramas: "Miss Andy". Die Schnitte in beiden Filmen sind so rasant, dass die englischen Untertitel bisweilen kaum zu Ende zu lesen sind - was aber wohl auch mit den sprachlichen Unterschieden zu erklären ist.

Gauting: Kini ffsf Taiwan Empfang

Verfolgt haben das Drama die Vertreter Taiwans in Deutschland, links Direktor Tsong-Ming Hsu, sowie Vertreter des Landkreises.

(Foto: Nila Thiel)

Letztlich problematisch ist diese kleine Unbequemlichkeit nicht. Denn beide Geschichten sind das, was Helwig schon vor ihrer Vorführung angesprochen hat: direkt und ziemlich unverblümt, bisweilen schonungslos erzählt. "Lichao" lässt sich dabei leicht als typischer Generationskonflikt verstehen, aber nur oberflächlich betrachtet. Denn die Dialoge und die Bildsprache, sind eine Spur ehrlicher als das, was man sonst hierzulande im Kino zu sehen bekäme.

Im gesellschaftskritischen Hauptfilm "Miss Andy" - der Geschichte der Transsexuellen Evon, die früher Andy hieß - wird es noch extremer. Im Schnitt, mit den englischen Untertiteln, aber auch mit drastischen Szenen, die hierzulande wohl eher nur angedeutet werden würden. All das trägt dazu bei, beim Zuschauer tiefes Mitgefühl mit "Evon" zu empfinden, ihrer Einsamkeit, ihren gescheiterten Beziehungen und Wünschen.

Doch auch wenn die Geschichte streckenweise die Hoffnung auf ein Happy End aufkeimen lässt - zumindest hierzulande: Es gibt schlicht keines. Zu Recht: Das Leben ist bisweilen eben alles andere als Mainstream oder permanenter Weichspülgang.

© SZ vom 02.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite