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Fünfseen-Filmfestival:Familienepos vor Seenlandschaft

"Walchensee Forever" ist auf der Berlinale nur in digitaler Form gelaufen. Ende Januar soll er nun in deutschen und österreichischen Kinos zu sehen sein.

(Foto: Flare Film)

In "Walchensee Forever" hält Regisseurin Janna Ji Wonders einem Jahrhundert den Spiegel vor

Von Astrid Becker, Starnberg

Am Ende fällt es doch, das so überstrapazierte Wort "Heimat". "Wenn Du mit dem Herzensblick auf die Welt schaust, ist die Welt die Heimat", sagt Anna Werner, und nach einer kurzen Pause: "Das ist so schwer." Es ist eine der letzten Szenen von "Walchensee Forever", einem "Familienepos", wie es Regisseurin Janna Ji Wonders nennt. Doch was sie da auf die Leinwand gebracht hat, geht weit darüber hinaus. Es ist fast ein ganzes Jahrhundert, dem Janna Ji Wonders mit der Geschichte ihrer eigenen Familie den Spiegel vorhält. Sehr mutig und absolut persönlich ist dieser Dokumentarfilm, der schon mit diversen Filmpreisen ausgezeichnet worden ist, ehe er überhaupt im Kino zu sehen ist.

Die Geschichte beginnt mit Janna Ji Wonders als kleinem Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt. Ihre Mutter Anna Werner, eine Fotografin, hatte die Kleine gefilmt und ihr Fragen gestellt. Zum Beispiel, wovor sie sich fürchte - vor Dunkelheit und vor dem Wald - und was sie glaube, wo Frauke nun sei. Frauke, das war Annas jüngere Schwester, die am Silvesterabend 1974 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam und in all den Jahren danach wie ein "Irrlicht" (Janna Ji Wonders) durch die Generationen geistert. Auch sie hatte sich, genau wie ihre Schwester, vor der Dunkelheit und vor dem Wald gefürchtet. Und vermutlich vor vielem anderen mehr. Das deutet sich in dieser ersten Szene bereits an, die im Grunde aber auch erklärt, warum dieses Werk überhaupt entstehen konnte: Die Kamera war in dieser Familie immer präsent, gehörte gewissermaßen in ihr Leben. Über Generationen hinweg. Deshalb konnte Wonders auch aus reichlich Material aus mehreren Jahrzehnten schöpfen.

Zum Beispiel auch zu Apa, ihrer Urgroßmutter, die vom Schliersee an den Walchensee kam, weil dort eine ihrer zwei Töchter der spanischen Grippe zum Opfer gefallen war. Am Walchensee eröffnet sie ein Ausflugslokal, das "Café am See", das es bis heute gibt. Immer fein zurechtgemacht, elegant gekleidet steht Apa täglich in ihrer Wirtschaft hinter dem Herd. Als sie stirbt, übernimmt das Café ihre erstgeborene Tochter Norma, die es ohne zu klagen führt, obwohl sie es eigentlich nicht will: "Aber das war damals so", erzählt sie im Film. Man habe einfach gemacht, was von einem erwartet wurde. Norma verliebt sich in einen Künstler aus Friesland, bekommt mit ihm zwei Töchter, Anna und Frauke. Die beiden Mädchen werden Musikerinnen, ziehen Ende der Sechziger in Tracht mit Hackbrett und Zither jodelnd durch die Welt - sie bereisen Mexiko und kommen in San Francisco mit der "Summer of Love"-Hippiebewegung in Berührung.

Doch trotz aller Faszination zieht es sie wieder nach Deutschland zurück, auch an den Walchensee. Sie lernen Rainer Langhans kennen, leben mit ihm in einer Kommune, werden Teil seines "Harems". Beide wollen Langhans verführen, doch das gelingt ihnen nicht, worüber auch Anna Werner ganz offen spricht. Auch über den Tod ihrer Schwester, die möglicherweise Suizid begangen hat. Anna ist zu diesem Zeit in einem indischen Ashram, was sie heute "eine Fügung" nennt. Um den Tod ihrer Schwester zu verarbeiten, geht sie wieder in die USA, wo sie irgendwann ihre Tochter Janna bekommt. Als die Kleine vier Jahre alt ist, kehren Mutter und Tochter an den Walchensee zurück. Oma Norma wird für Janna der Fixpunkt in ihrem Leben, bis diese mit 104 stirbt - was ebenfalls im Film thematisiert wird. Mit all der Trauer, mit all der unbewältigten Vergangenheit.

Denn die Verdrängungsmechanismen der Kriegsgeneration bleiben auch in dieser Familie nicht ohne Folgen - was immer wieder in den Zwiegesprächen von Wonders vor der Kamera mit ihrer Mutter, oder auch in den Briefen, die sie sich gegenseitig vorlesen, recht deutlich anklingt. Das, sowie die vielen Perspektivwechsel, die in den Film eingebaut sind, die wunderschönen Fotografien und stimmungsvollen Landschaftsaufnahmen, aber auch Zeitzeugen wie Rainer Langhans und die im Film bereits schwerkranke und 2017 gestorbene Regisseurin Jutta Winkelmann, üben bis zum Schluss nicht nur aufs weibliches Publikum eine unglaubliche Sogwirkung aus. Ganz so wie der Walchensee auf die Menschen, um die es im Film geht. Für sie ist er wohl Heimat. Auch wenn dieser Gedanke, wie für Anna, manchmal alles andere als leicht zu ertragen ist.

© SZ vom 04.09.2020

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