bedeckt München 11°
vgwortpixel

Erziehermangel:SOS-Kinderdorf sucht Mamas und Papas

Bis zu sechs Mädchen und Buben rund um die Uhr versorgen, viele Jahre lang, auch in den Ferien: Viel Arbeit für Familieneltern und Erzieher. Dabei wächst der Bedarf an Betreuungsplätzen.

Dieser Beruf bringt viel Verantwortung und wenig Freizeit mit sich. Familienmütter oder Familienväter in einem SOS-Kinderdorf sind wie geborene Eltern für die Betreuung und Erziehung von bis zu sechs Kindern in einem gemeinsamen Haushalt zuständig: Tag und Nacht, im Alltag und in den Ferien, oft viele Jahre lang. Waren in den Anfangsjahren vor allem Waisen in Dießen untergebracht, so sind es heute meist Kinder aus Problemfamilien, deren leibliche Eltern nicht mehr in der Lage sind, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Die Nachfrage der Jugendämter nach Betreuungsplätzen steigt stetig, die Kapazitäten im Kinderdorf reichen nicht mehr aus, um den Bedarf zu decken. Hauptgrund ist der Mangel an qualifizierten Bewerbern, unter dem viele soziale Einrichtungen im Fünfseenland leiden.

Im Kinderdorf aber werden an das pädagogische Fachpersonal besondere Ansprüche gestellt, Einsatzbereitschaft rund um die Uhr und möglichst dauerhaftes Engagement gefordert. Das gilt auch für die sogenannten zugehenden Erzieher. Michelle Poppinger, 21, und Maria Schmid, 23, unterstützen in Dießen die Kinderdorf-Mutter Ingrid Heim, die sich um fünf Kinder kümmert. Während Poppinger bereits ihr einjähriges Berufspraktikum dort absolvierte, hatte Schmid zuvor den Nachwuchs von Gästen auf einem Kreuzfahrtschiff beschäftigt. Seit gut einem Jahr hat sie es nur mit den Kindern in Dießen zu tun: Sie spielt und macht Hausaufgaben mit ihnen, bereitet Essen vor oder plant Ausflüge.

"Wir haben hier viel Verantwortung, denn wir sind das Daheim", sagt Schmid. Anders als in Einrichtungen, in die Kinder nur zeitweise gebracht und dann wieder abgeholt werden, wohnen die Zöglinge im SOS-Dorf und bauen dort oft langfristige Beziehungen zu ihren Betreuern auf. Ihre Kollegin Poppinger verdeutlicht, dass die Arbeit in der Kinderdorf-Familie oft weitreichende Konsequenzen für die Klienten hat: "Wir müssen andere Entscheidungen treffen, als was wir dieses Jahr zu Weihnachten basteln. Da stellt sich vielleicht die Frage: Dürfen die Kinder an Weihnachten zu ihren Herkunftsfamilien?"

Zwischen Kindern und Betreuern entsteht im SOS-Kinderdorf oft eine sehr enge Bindung.

(Foto: SOS Kinderdorf)

Tatsächlich seien der sinnstiftende Inhalt der Arbeit und die engen Beziehungen die wesentlichen Motive, sich für eine Stelle im Kinderdorf zu bewerben, meint Christoph Rublack, Bereichsleiter für zwei der derzeit acht Wohngruppen in Dießen: "Hier sind die Betreuer vor allem als Mensch gefragt." Auf der anderen Seite müssten sie die Bereitschaft mitbringen, auch an Wochenenden oder wochenlang als Urlaubsvertretung für Ingrid Heim zur Verfügung zu stehen. So waren die beiden jungen Erzieherinnen im vergangenen Sommer mit den Kindern im Ferienlager in Caldonazzo im Trient. "Es war anstrengend, aber ich würde es jederzeit wieder machen", sagt Schmid, "denn das hatte eine ganz andere Ebene mit den Kindern."

Anders als für die SOS-Familienmütter und -väter, die in häuslicher Gemeinschaft mit den Klienten leben und deren Arbeits- und Ruhezeiten sich nicht trennen lassen, gilt für externe Betreuer in Wohngruppen seit kurzem das Arbeitszeitschutzgesetz. Dadurch sei der Aufwand für die Erstellung der Dienstpläne der Erzieher immens gestiegen, erklärt Rublack. "Was wir nie wollten, ist ein Schichtbetrieb." Jetzt experimentiere man mit verschiedenen Arbeitszeitmodellen, um den Regelungen für Pausen, Ruhezeiten sowie Sonn- und Feiertagsdiensten Rechnung zu tragen. Zu jedem Haushaltsvorstand gehören jetzt aber 2,5 statt wie bisher zwei Stellen für zugehende Erzieher. In Dießen müssen also vier neue Mitarbeiter gefunden werden. "Wir sind nahe dran", sagt Rublack, obwohl man kaum finanzielle Anreize bieten könne: "Wir zahlen nicht übertariflich, und in Dießen liegen wir ganz knapp außerhalb der Ballungsraumzulage." Ein Berufsanfänger ohne Erfahrung erhält ein monatliches Entgelt von 2800 Euro brutto.

Damit ist es auch am Westufer des Ammersees schwierig, eine Wohnung zu bezahlen. Immerhin hat das Kinderdorf Anfang der Neunzigerjahre ein Haus mit zwölf Appartements gebaut, in dem notfalls Beschäftigte für die Probezeit unterkommen können. Für die derzeit sieben SOS-Familienmütter und den einen -vater in Dießen sind teure Mieten kein Problem. Doch Rublack rät ihnen, sich als zweiten Lebensort eine Wohnung oder ein Häuschen zuzulegen, wo sie sich im Urlaub oder später im Ruhestand zurückziehen können. Ihr Lebensarbeitszeitmodell sieht vor, dass sie fünf Jahre vor dem regulären Rentenbeginn die Arbeit beenden können. Sie erhalten dann ihr Grundgehalt weiter, doch ihr Wohnrecht im Familiendorf erlischt. Inzwischen stellt das Kinderdorf auch Paare als Betreuer von Familiengruppen ein; ein Partner kann etwa in Teilzeit als Hauswirtschafter mitarbeiten. In Dießen wohnen derzeit in fünf Häusern Lebenspartner; "mit steigender Tendenz", sagt Rublack. In einem Fall hole der "eingeheiratete" Mann gerade eine Ausbildung zum Erzieher nach. Theoretisch könne auch ein eigenes Kind in die Wohngruppe mit aufgenommen werden, das dann auf die Sollbelegung angerechnet werde.

Die Erzieherinnen Michelle Poppinger (li.) und Maria Schmid (re.) unterstützen Kinderdorf-Mutter Ingrid Heim im Alltag.

(Foto: SOS-Kinderdorf)

Dennoch seien neue SOS-Familien-Eltern nur schwer zu finden. Zwar gebe es genug Bewerber, "doch wenn sie dann mit den Realitäten der Tätigkeit konfrontiert werden, bleiben wenig übrig", hat Rublack erfahren. Doch der Bedarf an Betreuungsplätzen insbesondere für kleine Kinder nimmt zu. Nach Missbrauchsfällen, die bundesweit Aufsehen erregten, seien die Behörden offenbar angehalten, genauer hinzusehen. "Und die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander", sagt Rublack. Fast 60 Prozent der Minderjährigen, die in einem Heim oder einer betreuten Wohngruppe leben, stammen aus Familien, die Sozialhilfe oder Hartz IV beziehen.

In Dießen sind derzeit nur acht der zehn Häuser belegt, weil seit Jahren immer ein bis zwei Gebäude modernisiert werden. Schließlich ist Dießen das älteste von mittlerweile 39 SOS-Kinderdörfern in Deutschland. Beim Umbau müssen nun für jedes Kind ein eigenes Zimmer und ein Rückzugsraum mit separater Nasszelle für den Hausvorstand geschaffen werden. Vor fünf Jahren hat sich der Trägerverein ein Nachbargrundstück gesichert, um dort fünf weitere Häuser errichten zu können. Der Bebauungsplan ist seit 2017 fertig, doch die konkrete Planung liegt seitdem auf Eis - auch wegen des "ziemlich leer gefegten Stellenmarkts", sagt Rublack.

© SZ vom 10.02.2020
Zur SZ-Startseite