Berg Lachen als Lösung

Johano Strassers neues Buch beschäftigt sich mit Angst.

Sabine Zaplin

Johano Strasser npj/Foto: Jørgensen

(Foto: © joergensen.com)

BergAngst ist ein allgegenwärtiger Topos. Sie regelt den Straßenverkehr, füllt die Wartezimmer der Ärzte sowie die Kassen der Versicherer, es lassen sich Schlagzeilen und Geschäfte mit ihr machen. Zugleich ist sie eine Art vorinstalliertes "Frühwarnsystem" auf der Hardware-Ebene des Bewusstseins: noch einen Schritt weiter, und es könnte zu spät sein.

Johano Strasser, einer der wenigen Schriftsteller hierzulande, die sich sowohl im essayistisch-philosophischen Feld als auch in jenem der Phantasie und Fiktion bewegen können, hat nach einem Roman ("Die schönste Zeit des Lebens") und einer Sammlung kurioser Geschichten ("Kolumbus kam nur bis Hannibal") nun wieder eine jener ausgezeichnet recherchierten und klug aufgebauten Streitschriften verfasst, mit denen er sich einen Namen gemacht hat. "Gesellschaft in Angst. Zwischen Sicherheitswahn und Freiheit", lautet der Titel des Essays in Buchformat, in dem er sich mit dem Phänomen der Angst in seinen gegenwärtigen gesellschaftlichen Erscheinungsformen und den sozialen wie politischen Folgen beschäftigt.

Strassers Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten analysiert er die "Gesellschaft in Angst", nennt die verschiedenen Bereiche, in denen sich Angst entwickelt und manifestiert, die lebensnahen Bereiche wie Gesundheit, Arbeitswelt, Bildung, Kriminalität im Alltag ebenso wie die vor allem über Medien erfahrbare, entfernte Umwelt, die in Form von Nachrichten und ähnlichen Darstellungen den Menschen erreicht und ängstigt. Das können Naturkatastrophen wie die vom Klimawandel erzeugten Tornados oder Überschwemmungen sein wie auch die Bedrohung durch Terror. Zu Strassers Analyse zählt auch eine Ursachenforschung, die den Wurzeln der Angst nachspürt, tradierten wie gegenwärtigen Bedrohungen nachgeht und Muster der Angst aufzeigt.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit "Strategien der Entängstlichung". Hier geht es darum, wie der einzelne Mensch und die Gesellschaft als Ganzes auf Ängste reagiert. Dabei spielt der Begriff "Sicherheit" eine entscheidende Rolle. "Unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit wäre eine Gesellschaft ideal, in der es den Menschen gelingt, alle potenziellen Gefahren im Vorhinein zu identifizieren, um dann mit technisch-organisatorischen Mitteln im Sinne der Gefahrenabwehr vorbeugend tätig werden zu können", schreibt Strasser und schildert im Folgenden einleuchtend, wie das Bedürfnis nach garantierter Sicherheit als Preis die Freiheit des Einzelnen immer mehr einschränkt, wie Angst von der Bewältigungsstrategie zum Machtinstrument werden und als "Kontroll-Keule" bedarfsweise geschwungen werden kann.

Die Erkenntnis des aufschlussreichen Buches ist ebenso einfach wie schwierig: Angst gehört zum Leben, wie auch der Tod zum Leben gehört. Dem Widerspruch zwischen Angst und dem Bedürfnis nach Sicherheit entkommt, wer dem Leben und der Angst mit einem befreienden Lachen begegnet. Was so einfach klingt, ist tatsächlich hohe Lebenskunst. "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall", haben die Bremer Stadtmusikanten schon gewusst. Aber die waren uns allen schon einen großen Schritt voraus.