Ausstellung:Bestechende Vielfalt

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Das Fritz-Winter-Atelier zeigt Papierarbeiten aus allen Schaffensphasen des Künstlers, der bis zu seinem Tod in dem Dießener Galerieraum gearbeitet hat

Von Katja Sebald, Dießen

Vernissagen, die immer wieder verschoben werden mussten. Messen, die nicht stattfinden konnten. Ausstellungen, die ungesehen wieder abgebaut worden sind. "Ja, es gibt uns noch!" Diesen Ausruf stellte der Dießener Galerist Michael Gausling an den Anfang eines Briefs, den er an Kunden und Freunde seiner "Galerie im Fritz-Winter-Atelier" verschickte. Nach eineinhalb Jahren Pandemie und den damit einhergehenden Verwerfungen im Kulturleben zeigt Gausling in diesem Herbst, in dem das 30. Jahr seines Galeriebetriebs beginnt, eine Ausstellung mit Papierarbeiten seines Großonkels Fritz Winter aus allen Schaffensphasen.

Die Dießener Galerie, die am 18. Oktober 1992 eröffnet wurde, ist eng verbunden mit dem von Gauslings Mutter geführten Fritz-Winter-Haus in Ahlen und kann auch für die aktuelle Ausstellung auf dessen reiche Bestände zurückgreifen. Fritz Winter, 1905 in Altenbögge bei Unna als Sohn eines Bergmanns geboren, arbeitete zunächst selbst unter Tage, bevor er von 1927 an ein Studium am Bauhaus bei Wassily Kandinsky, Paul Klee und Oskar Schlemmer absolvierte und zur Abstraktion fand. Von den Nationalsozialisten wurde er 1937 mit einem Malverbot belegt, deshalb zog er sich nach Dießen am Ammersee zurück. Nach Kriegsjahren an der Ostfront und Kriegsgefangenschaft kam er 1949 hierher zurück. Er gehörte zu den Gründern der Künstlergruppe ZEN 49.

Ausstellung: "Vor der Tiefe" erschuf Fritz Winter im Jahr 1950. Repro: Arlet Ulfers

"Vor der Tiefe" erschuf Fritz Winter im Jahr 1950. Repro: Arlet Ulfers

Spätestens seit seiner Teilnahme an der Documenta I in Kassel im Jahr 1955 war Fritz Winter das künstlerische Aushängeschild der jungen Bundesrepublik. Bis zu seinem Tod 1976 arbeitete er in seinem vom Bauhaus-Architekten Gustav Hassenpflug geplanten Atelier in Dießen.

Die Retrospektive, die mit einer kleinen Arbeit aus dem Jahr 1928 beginnt und mit den letzten Blättern aus dem Jahr 1975 endet, die mit Filzstift im Krankenbett entstanden, führt wieder einmal höchst eindrücklich die Vielfalt im Œuvre von Fritz Winter vor.

Sie umfasst kleine, aus wenigen Farbtupfern bestehende Blätter ebenso wie eine Reihe der düsteren Feldskizzen im winzigen Format, Zeichnungen und druckgrafische Arbeiten ebenso wie Malerei in Öl auf Papier. Sie führt die erdigen Töne der Dreißigerjahre vor, dann die zunächst organischen und später kristallinen Formen der Vierziger.

Das Trauma des Krieges und der Gefangenschaft lässt sich als heftige schwarze Zäsur ablesen. Brüche, spannungsvolle Leerräume und zuweilen geborstene Formen finden sich bis weit in die Fünfzigerjahre, während die Sechziger- und frühen Siebzigerjahre noch einmal von weicheren Formen und der Auseinandersetzung mit der Farbe geprägt sind.

Ausstellung: Die Papierarbeit "Blüten" stammt aus dem Jahr 1936. Repro: Arlet Ulfers

Die Papierarbeit "Blüten" stammt aus dem Jahr 1936. Repro: Arlet Ulfers

Dennoch will diese Ausstellung alles andere, als eine Chronologie aufzeigen. Vielmehr will sie Bekanntes und eher Unbekanntes nebeneinander stellen, Verbindungslinien zwischen frühen und späteren Arbeiten knüpfen oder einfach nur einzelne Bilder, die in Dießen noch nie oder lange nicht mehr gezeigt worden sind, ins rechte Licht rücken.

Viele der älteren Arbeiten, darunter auch die schönen, dunklen und tiefgründigen Blätter aus den Jahren 1931 und 1932, sind nicht verkäuflich. Aber nicht zuletzt deshalb möchte man dieser Ausstellung möglichst viele Besucher wünschen, die hier nach der langen digitalen Durststrecke endlich wieder Kunst mit der Aura des Echten erleben können.

Historische Fotos und sogar ein kleines Architekturmodell erinnern außerdem daran, dass der Galerieraum ein originärer, vom Künstler selbst erdachter, genutzter und geprägter Ort ist.

Die Ausstellung im Fritz-Winter-Atelier am Forstanger 15 a ist bis zum 19. Dezember dieses Jahres jeweils samstags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter 0151/20333220 zu sehen.

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