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150 Jahre Postkarte:Abgestempelt

Der Tutzinger Gernot Abendt besitzt in seiner privaten Sammlung die schmucklosen Erstausgaben aus Österreich und Bayern - damals galt die "Correspondenz-Karte" als unanständig.

Von Sabine Bader

Im Briefkasten steckt zwischen dem täglichen Wust an Rechnungen und Werbeflyern diesmal glatt etwas Seltenes, Rechteckiges: eine Postkarte. Momente wie diese sind selten geworden in Zeiten von Whatsapp und Co. Trotzdem zaubern sie dem Betrachter noch immer ein Lächeln ins Gesicht, und er fragt sich: Wer denkt denn da an mich?

Dabei liegt die Geburt der Postkarte schon viele Jahre zurück - 150, um genau zu sein. Der Postreformer und Gründer des Reichspostmuseums, heute das Museum für Kommunikation in Berlin, Heinrich von Stephan, ist ihr Erfinder. Doch schon sind die Kritiker zur Stelle: Sie fürchten, die Dienstboten könnten die Korrespondenz ihrer Herrschaft lesen. Wo käme man denn da hin? Offiziell sorgen sie sich um den Verfall der guten Sitten und das Briefgeheimnis. Doch die "Correspondenz-Karte", wie sie bald heißt, lässt sich nicht lange aufhalten. Sie schlägt ein wie eine Bombe. In Berlin wechseln laut offizieller Zahlen allein am 25. Juni 1870, dem ersten Verkaufstag, mehr als 45 000 Exemplare den Besitzer.

Der Tutzinger Gernot Abendt hat gleich mehrere Exemplare der Geburtsstunde in seiner Sammlung: die erste bayerische Postkarte, die erste Feldpostkarte aus dem deutsch-französischen Krieg von 1871, die erste Postkarte der Welt. Sie stammt aus Österreich und ist bereits 1869 versandt worden. Denn die österreich-ungarische Post führt die Neuerung bereits am 1. Oktober 1869 ein. Sofort boomt das Geschäft auch in der Alpenrepublik: In den letzten Monaten des Jahres 1869 verkauft die österreichische Postverwaltung drei Millionen Karten.

Abendts Exponate sind fein in Klarsichthüllen gesteckt und beschriftet. Er hat die Sammlung 2005 von einem Kartenhändler am Münchner Hauptbahnhof gekauft, erzählt der ehemalige Tutzinger SPD-Gemeinderat. "Mich hat die Historie der Postkarten gereizt", sagt er und holt gleich ein dickes Buch über die Entwicklungsgeschichte der Postkarte hervor. Abendt unterscheidet ganz klar zwischen Post- und Ansichtskarten: "Die Ansichtskarte hat eine Abbildung, die Postkarte ist blanko." Was auf den Karten geschrieben steht, interessiert Abendt weniger. "Das geht mich nichts an", sagt er und gibt gleich zu, dass er es in vielen Fällen gar nicht recht entziffern kann. "Das ist alles in deutscher Schrift und dann noch mit einer Sauklaue geschrieben." In der Sammlung befinden sich frühe Karten aus aller Herren Länder, sogar aus Kuba (1878) und Korea (1900) sowie von der Insel Helgoland.

Doch die Postkarte dient nicht lange ausschließlich der Korrespondenz. Schnell sind die kreativen Köpfe zur Stelle und entdecken das neue Medium als Bildträger. Die Ansichtskarte ist geboren. Sehenswürdigkeiten, Ausflugsziele, Stadtsilhouetten zieren sie fortan. Es gibt Gruß- und Glückwunschkarten zu allen Gelegenheiten.

Ihre Blütezeit erreicht die Karte laut dem Museum für Kommunikation bis zum Ersten Weltkrieg. Bis Kriegsausbruch 1914 werden in Deutschland viele Milliarden Postkarten gedruckt und versandt. Dann kommt der Krieg. Erstmals haben die Soldaten die Möglichkeit, auch Bilder ihrer Umgebung anzufertigen. So gelangen neben Nachrichten von der Front auch Bilder des Krieges in die Heimat. Im Ersten Weltkrieg werden laut Schätzungen zehn Milliarden Karten von deutschen Soldaten als kostenfreie Feldpostkarten versandt, darunter auch sehr viele Ansichtskarten. Eine besondere Karte in Abendts Sammlung zeigt die Zeichnung von zwei Ballons kurz vor dem Abheben - umringt von einer Menschenmenge. "Während der deutschen Belagerung von Paris 1870/71 wurde die Post mit 56 Ballons ausgeflogen", erzählt er. Die älteste Karte vom Starnberger See, die er besitzt, ziert eine Tuschezeichnung mit den Wahrzeichen der einzelnen Ortschaften. Sie stammt aus dem Jahr 1882, wurde in Starnberg abgeschickt und ging nach Deggendorf.

Tutzing: Gernot Abendt und seine gigantische Post- und Ansichtskarten Sammlung

Er ist ein leidenschaftlicher Sammler: der ehemalige Tutzinger Gemeinderat Gernot Abendt.

(Foto: Nila Thiel)

Abendts eigentliches Sammelgebiet sind nicht Post-, sondern Ansichtskarten vom Starnberger See - speziell von seinem Wohnort Tutzing. Auch was sie angeht, ist der Fundus des 76-Jährigen stattlich. Da sind dreiteilige Klappkarten mit Panoramabildern darunter und sogenannte Kartenbriefe, die seitlich zugeklebt werden. So lässt sich auch hier das Postgeheimnis wahren. Die Bilder sind meist farbenfroh, spielen mit den Reizen der Gegend, zeigen See und Berge. Eine Karte sticht dabei besonders ins Auge - Tutzing inmitten eines Muschelmotivs. "Ja, teilweise sind sie schon recht kitschig, aber das macht ja nichts", sagt Abendt.

© SZ vom 04.07.2020

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