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Randale in Starnberg:Drogen, Hitze, Aggressionen

Rund 50 Schüler versuchten, Polizeiwache zu stürmen

Die Jugendlichen warfen eine Scheibe der Polizeiwache ein.

(Foto: dpa)

Am Rande eines Sommerfests an einem Starnberger Gymnasium wollen Jugendliche eine Polizeiwache stürmen. Wie konnte es dazu kommen?

Das Sommerfest des Starnberger Gymnasiums ist eine entspannte Angelegenheit. 400 Schüler, Eltern, Lehrer und Ehemalige feiern am Donnerstag den Vorabend des letzten Schultags vor den Sommerferien, Musik spielt, es gibt Aufführungen, im Pausenhof sind unter einem riesigen Sonnenschirm Bierbänke aufgestellt. Alkohol wird nicht ausgeschenkt.

Wohl auch deswegen treffen sich die älteren Jugendlichen seit Jahren vor dem Gymnasium - Schüler, die zwischen Sommerfest und Party unter freiem Himmel pendeln, Freunde, Bekannte und andere, die davon wissen, bis aus Herrsching und sogar Ingolstadt sollen Besucher gekommen sein. Zwei Tankstellen sind nah, ein Burger-Brater, die Nacht ist heiß, die Schule ist vorbei, für die Abiturienten für immer. Was kann es Schöneres geben? Dutzende, wenn nicht hunderte Jugendliche bevölkern den Gehweg.

Die Stimmung ist gut. Bis um kurz vor zehn die Fete vor der Schule eskaliert. Eine Gruppe von 50 Jugendlichen versucht, die gegenüberliegende Polizeiinspektion zu stürmen, sie schleudern Flaschen und Steine, eine Scheibe geht zu Bruch. Einzelne versuchen, die Tür zur Wache zu knacken, um einen Gefangenen zu befreien. Blaulicht und Sirenen erfüllen die Nacht, 70 Beamte rücken an, nehmen drei Jugendliche fest. Starnberg, Schnösel, Selbstjustiz - das klingt nach einer Mischung, die alle Vorurteile über den reichsten Landstrich der Republik bedient. Aber ganz so klar liegen die Dinge nicht.

Auslöser der Eskalation ist ein betrunkener 15-Jähriger aus dem Landkreis, der das Starnberger Gymnasium gar nicht besucht. Er pöbelt einen Sicherheitsmann an, will Drogen bei ihm kaufen, randaliert. Die Schule bestellt seit Jahren drei Wachleute, weil immer wieder Schulfremde versucht haben, sich aufs Sommerfest zu mogeln. Und Schulleiter Josef Parsch will keinem seiner Lehrer zumuten, während drinnen die Abschlussfeier stattfindet, draußen betrunkene Halbstarke abzuweisen. Das übernehmen also Security-Mitarbeiter. Sie lassen den 15-Jährigen nicht rein, schaffen es aber nicht, ihn zu beruhigen, und gehen rüber zur Polizei.

Jugendlicher hatte Alkohol und Drogen konsumiert

Zwei Streifenbeamte rücken an, identifizieren den Randalierer auf der Freiluftfete abseits des Schuleingangs. Der 15-Jährige führt sich laut Polizei "extrem aggressiv und beleidigend" auf, auch gegenüber der Streife. Nachdem er mehrere Platzverweise ignoriert, nehmen ihn die Polizisten in Gewahrsam. Schüler, die das Geschehen beobachten, berichten, dass die Beamten den Jugendlichen zu Boden gebracht und gefesselt hätten. Dann sollen die Polizisten den 15-Jährigen auf die andere Straßenseite Richtung Wache geschleift haben. Das versuchen mehrere seiner Freunde bereits zu verhindern. Einer tritt laut Polizei in Richtung des Kopfes eines der Beamten, verfehlt aber sein Ziel.

Die Aufruhr ist groß. Bis zu 100 Leute folgen den Polizisten zur Dienststelle. Laut Polizei rotten sich etwa 50 Jugendliche zusammen, Augenzeugen aus der Schule berichten von 20 bis 30 Menschen, die sich vor dem Eingang der Wache aufbauen. Wie viele davon tatsächlich Schüler des Gymnasiums sind, hat die Polizei noch nicht ermittelt. Direktor Parsch geht davon aus, dass es, wenn überhaupt, nur ein sehr kleiner Teil war. Die Einsatzleitung der Polizei zieht etwa 25 Wagen aus Oberbayern in Starnberg zusammen. Lehrer und Eltern berichten, dass zwei Beamte mit Schild aussteigen und "wahnsinnig aufgeregte Polizeihunde" ihre Führer hinter sich herziehen. Die Jugendlichen versuchen, das Dienststellenschild von der Wand zu reißen, das aber standhält. Am Tag darauf ist es abmontiert, um Fingerabdrücke und DNA-Spuren zu sichern.

Der 15-Jährige klagt in der Nacht über Kopfschmerzen und wird ins Krankenhaus gebracht. Alkotest und Drogenschnelltest verlaufen positiv. Sein Vater nimmt ihn in Empfang. Festgenommen werden auch ein 19-Jähriger aus Berg und ein 15-Jähriger aus dem Landkreis. Die Polizei stellt ihre Identität fest und lässt ihnen Blut abnehmen. Die Kripo ermittelt wegen Verdachts des Landfriedensbruchs, versuchter Gefangenenbefreiung, versuchter gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Ausgewertet werden auch Handyvideos.

Schulleiter Josef Parsch ist überzeugt, dass der Angriff auf die Polizeiwache nichts mit dem Gymnasium zu tun hat.

(Foto: Arlet Ulfers)

Drogen, Hitze, Aggression - doch es gibt noch mehr Faktoren, die zur Eskalation beitragen. Die Polizeiinspektion liegt keinen Steinwurf vom Gymnasium entfernt. Die Jugendlichen ziehen nicht marodierend durch die Stadt, ihre Wut entlädt sich auf ihrem Höhepunkt nach nur wenigen Metern vor dem Haupteingang der Polizeiinspektion. Und wütend, das sind die Freunde des 15-Jährigen. Nach der Festnahme des schwarzen Jugendlichen hätten sie die Beamten mit Rassismusvorwürfen und polizeifeindlichen Schlachtrufen überzogen, berichten Augenzeugen. Präsidiumssprecher Hans-Peter Kammerer bestätigt das. Das Vorgehen der Beamten aber habe damit nichts zu tun gehabt, es sei verhältnismäßig gewesen: "Die Sache wäre erledigt gewesen, wenn der Jugendliche einfach weggegangen wäre."

Die meisten Besucher des Sommerfests im Gymnasium bemerken den Vorfall erst nach dem Ende der Feier gegen 22 Uhr, als sie an den Polizeiabsperrungen ihre Personalien angeben müssen. Schulleiter Parsch - ein freundlicher Mann mit resoluter Stimme - versichert, dass der Vorfall nichts mit dem Gymnasium zu tun hat. Außerhalb der Schule könne er niemanden wegschicken: "Da endet meine Macht." Überhaupt habe er ja nichts dagegen, wenn Jugendliche draußen friedlich feiern.

Starnbergs Bürgermeisterin Eva John ist am nächsten Morgen zur Schule gekommen und zitiert aus einem Brief, den die Schüler der Polizei geschrieben haben. "Unreif und inakzeptabel" nennen sie darin das Verhalten der Jugendlichen, sie bedauern, dass es so weit gekommen ist. Im kommenden Jahr will die Stadt die Fete unter freiem Himmel zusammen mit der Polizei unterbinden.

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