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Amateurfußball:Fließbandarbeiter

Schon wieder drin: Orhan Akkurt, Spitzname "Torhan", bejubelt einen seiner 339 Ligatreffer, damals noch im Trikot des SV Heimstetten.

(Foto: Claus Schunk/Claus Schunk)

Kein Amateurspieler aus dem Großraum München hat eine auch nur annähernd so beeindruckende Torquote wie Orhan Akkurt. Nun schließt sich der Stürmer zum dritten Mal dem SV Pullach an - als Co-Trainer.

Von Stefan Galler, Pullach/Ismaning

Soll nochmal einer behaupten, in einer Massenproduktion hätte nicht jedes hergestellte Produkt für den Hersteller eine individuelle Note. Zumindest Orhan Akkurt, der als aktiver Stürmer Tore wie am Fließband erzielte, hat den genauen Überblick über sein fußballerisches Lebenswerk. Für ihn ist jeder seiner 339 Treffer, die er im Männerbereich in Ligaspielen erzielt hat, ein besonderes Kleinod. Nicht dass er sich explizit an jedes dieser Erfolgserlebnisse detailliert erinnern würde, vergessen will er aber auch kein einziges davon. Und nun, da er mit 35 Jahren seine Karriere beenden will, blickt er voller Stolz auf diese Quote, die in der Region München außer ihm höchstens noch ein gewisser Gerd Müller hatte.

Und so verweist Akkurt darauf, dass die auf dem regionalen Fußballportal fupa.net veröffentlichten Zahlen eben nicht korrekt seien: "Da fehlen meine ersten Jahre nach der Jugend beim SV Pullach, weil wir damals nur in der Bezirksliga und Bezirksoberliga gespielt haben", sagt er. Damals seien ihm 70 Tore in 77 Spielen gelungen. So kommt er auf jene eingangs erwähnten 339 Treffer. Seine Bilanz in der Jugend bei der SpVgg Unterhaching ist nirgends festgehalten, Akkurt weiß aber noch ganz genau, dass er damals in vier Jahren zwischen der C- und der A-Jugend viermal Torschützenkönig wurde. Wen wundert´s.

Familie, Job, Hund und das fortgeschrittene Alter. "Ich wollte eigentlich schon 2020 aufhören", sagt Akkurt

Dass dieser begnadete Torjäger nun inmitten der Corona-Pause seinen Abschied vom aktiven Fußball bekannt gegeben hat, hängt zwar auch mit der Pandemie zusammen, vor allem aber mit dem Alter: "Irgendwann wird es zäh und immer schwieriger, sich auf dem Platz durchzusetzen", sagt Akkurt. "Ich wollte eigentlich schon 2020 aufhören." Die Familie, der Job, mit dem Hund Gassi gehen, man müsse alles unter einen Hut bringen. "Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich dem FC Ismaning nicht mehr viel zurückgeben können", sagt der vierfache Vater. Das lag an einer langwierigen Verletzung, die ihn von Spätsommer 2019 bis ins Frühjahr 2020 immer wieder plagte. "Und kaum war ich dann fit, kam Corona."

Nun aber, da die bereits seit 21 Monaten andauernde Saison vor dem endgültigen Abbruch steht, ist Akkurt die Entscheidung leicht gefallen: Von Sommer an konzentriert er sich auf seine Trainerkarriere, er wird Assistent von Spielertrainer Alexander Benede bei seinem Ex-Klub, dem Bayernligisten SV Pullach. Erste Erfahrungen als Coach konnte der 35-Jährige bereits sammeln, als Ausbilder in der Bayerischen Fußball-Akademie in Waldperlach, wo zwei seiner drei Söhne spielen. Die beiden seien fußballerisch deutlich besser als er selbst, sagt der scheidende Goalgetter: "Sie sind mit großem Talent gesegnet und haben zudem eine viel bessere Ausbildung."

Er selbst gehört der mittlerweile fast ausgestorbenen Generation der Straßenfußballer an. Damals als er bei Fasanerie im Norden Münchens in der Jugend kickte, habe er jeden Nachmittag auf dem Bolzplatz verbracht. Haching verpflichtete ihn dann als er 14 Jahre alt war. Dass es mit einer Übernahme in den Männerbereich nicht klappte, obwohl Akkurt mit der U19 der SpVgg in die Bundesliga aufgestiegen war, lag am damaligen Überangebot an guten Stürmern bei den Hachinger Amateuren. Daraufhin holte ihn Theo Liedl nach Pullach, eine ganz wichtige Begegnung für den Stürmer: "Theo ist so etwas wie mein Ziehvater, er hat mir mit allem geholfen, im Berufsleben, im Privaten und natürlich auch im Fußball", sagt Akkurt.

Beim TSV Großhadern knipste er sich später durch die Landesliga, 2009 kam er erstmals zum SV Heimstetten, den er mit 32 Treffern in 34 Spielen in die Bayernliga schoss. Es folgte der letztlich gescheiterte Versuch, Profi zu werden: Bei Wacker Burghausen gehörte er ein halbes Jahr lang dem Drittligakader an, trainierte unter Mario Basler, kam jedoch auch wegen einer Leistenoperation auf nur vier Einsätze in der ersten Mannschaft. Weil seine Frau damals schwanger war und er während der Geburt des Kindes lieber bei ihr als "bei einem Auswärtsspiel in Rostock" weilen wollte, löste er seinen Vertrag auf und kehrte nach Heimstetten zurück.

Seine Ex-Trainer Schmöller und Elfinger sind schwer beeindruckt: "Er ist torgefährlich wie kein Zweiter"

Er schaffte 2012 mit dem Sportverein den Regionalligaaufstieg, weil ihm im Relegationsrückspiel der so wichtige Auswärtstreffer beim Würzburger FV gelang. "Mein emotionalstes Tor. Ich bin davor nach einem Syndesmoseriss zurückgekommen, wollte eigentlich ausgewechselt werden, weil ich maustot war, aber der Rainer ließ mich drauf." Rainer, das ist der damalige Heimstettner und heutige Traunsteiner Trainer Elfinger, der seinen früheren Stürmer in höchsten Tönen lobt: "Er war zwar nicht der lauffreudigste, aber sein Torinstinkt war unglaublich." Akkurt habe es besonders gerne gehabt, wenn ihn die Verteidiger eng gedeckt haben. "Dann machte er mit seinen technischen Fähigkeiten eine kurze Bewegung und war nicht mehr einzuholen."

Auf der Busfahrt nach Hause feierte er damals zwar ordentlich mit, doch es dürfte auch Wehmut dabei gewesen sein, denn Akkurt kehrte unmittelbar nach dem großen Spiel zum ersten Mal zum damaligen Landesligisten Pullach zurück. Es folgte aber sogleich der nächste Aufstieg, diesmal in die Bayernliga - und bald danach das Zusammentreffen mit Frank Schmöller, jenem Trainer, der ihn besonders prägte, wie Akkurt betont: "Er hat mir durch seine Persönlichkeit viel an Reife vermittelt." Das Lob kann Schmöller nur zurückgeben: "Orhan ist ein richtig geiler Typ, nicht stromlinienförmig", sagt der frühere Profi. "Anfangs dachte ich, dass er zu wenig läuft. Aber da lag ich falsch, er ist torgefährlich wie kein Zweiter." Akkurts Torgarantie sei "phänomenal", so Schmöller: "Wenn er im Sechzehner an den Ball kam, konnte ich mich beruhigt umdrehen, weil ich wusste, dass es gleich mit Anstoß für den Gegner weitergeht." Nach wie vor sei er mit seinem früheren Mittelstürmer in Kontakt, sagt der aktuelle U21-Trainer des TSV 1860 München.

Seine Karriere führte Orhan Akkurt dann noch ein zweites Mal nach Heimstetten, wo er unter dem jungen Trainer Christoph Schmitt irgendwann einen schweren Stand hatte, weil der darauf setzt, dass ständig die gesamte Mannschaft in Bewegung ist. Es folgte ein halbes Jahr beim damaligen Bayernligameister Türkgücü und die aktuell noch immer nicht beendete Doppelsaison unter Mijo Stijepic in Ismaning. Genau an dem Tag, an dem er sich entschied aufzuhören, rief ihn dann Theo Liedl an - und sie vereinbarten sein nunmehr drittes Engagement in Pullach. Und wieder mal bewies Akkurt seine größte fußballerische Qualität: Er stand im richtigen Moment bereit.

© SZ/toe
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