Festival "Sound of Munich Now":"In München gibt es zwei Musikszenen"

Lesezeit: 6 min

Festival "Sound of Munich Now": Fünf Tage lang sind im Feierwerk die Videos für das Festival "Sound of Munich gedreht worden. Hier im Bild: KIDSØ.

Fünf Tage lang sind im Feierwerk die Videos für das Festival "Sound of Munich gedreht worden. Hier im Bild: KIDSØ.

(Foto: Jana Islinger)

Zum dritten Mal in Folge findet das "Sound of Munich Now" digital statt. Das diesjährige Line-up beweist einmal mehr, wie vielfältig die Münchner Szene ist. Die Dreharbeiten zeigen aber auch: Die Vernetzung zwischen den Genres fällt oft schwer.

Von Clara Löffler

Abstrakte Farbflächen kreisen vor einer weißen Wand. Blau, rot, gelb. Eigentlich nichts Ungewöhnliches in einer Galerie wie dem Farbenladen. Doch gehören sie nicht zu einem Gemälde. Es ist der Rock von Sarah Bugar, die gerade einen Song performt und dabei Pirouetten dreht. Leichtfüßig bewegt sie sich zwischen Pflanzen und Disco-Kugeln. Ihr Blick schwenkt von Kamera zu Kamera. Insgesamt vier Objektive sind auf die Indie-Pop-Sängerin gerichtet. Dahinter steht die Crew von Ideal Entertainment, die auch in diesem Jahr von Feierwerk und Süddeutscher Zeitung mit der Videoproduktion des Festivals "Sound of Munich Now" beauftragt worden ist.

Festival "Sound of Munich Now": Die Songs von Sarah Bugar werden in Italien bereits im Radio gespielt. Jetzt will sie sich auch in München einen Namen machen.

Die Songs von Sarah Bugar werden in Italien bereits im Radio gespielt. Jetzt will sie sich auch in München einen Namen machen.

(Foto: Catherina Hess)
Festival "Sound of Munich Now": "Rosa Blut" im blauen Licht.

"Rosa Blut" im blauen Licht.

(Foto: Jana Islinger)
Festival "Sound of Munich Now": Viele Genres sind beim "Sound of Munich Now" vertreten, auch Jazz. Dieses Jahr sind "Enji + Popp" zu Gast.

Viele Genres sind beim "Sound of Munich Now" vertreten, auch Jazz. Dieses Jahr sind "Enji + Popp" zu Gast.

(Foto: Jana Islinger)

Zum dritten Mal in Folge findet das Festival digital statt - und doch ist in diesem Jahr vieles anders. "Der Ansatz war, weg von der Veranstaltungstechnik zu kommen", sagt Videograf Bernhard Schinn. "Das Ganze soll einen Musikvideo-Charakter haben", ergänzt Produktionsleiter Marcel Chylla. Das heißt: statische Filmbeleuchtung statt bunt blinkendem Scheinwerferspektakel, fünf Locations statt einer. Jede der 20 Münchner Bands hat 15 Minuten Zeit für ihren Auftritt. Wiederholt werden darf er nicht. Ein gewisser Live-Aspekt also ist geblieben. Doch das Videoformat ist längst keine Corona-Notlösung mehr.

Festival "Sound of Munich Now": Normalerweise sind sie zu viert, nun musste "Versacer" coronabedingt als Duo auftreten.

Normalerweise sind sie zu viert, nun musste "Versacer" coronabedingt als Duo auftreten.

(Foto: Jana Islinger)

Ganz ausklammern kann man das Virus am Ende aber doch nicht. Schließlich hat kein Thema die Münchner Musikszene in den vergangenen Jahren so sehr geprägt wie dieses. Nicht nur in dem Sinne, dass Bands stets auf plötzliche Krankheitsausfälle vorbereitet sein müssen. Beim diesjährigen "Sound of Munich Now" trifft es die Band Versacer, die statt zu viert nur als Geschwisterduo auftritt - und trotzdem überzeugt. Viele Newcomer, die während der Pandemie mit ihrer Musik begonnen haben, so sagen sie, haben den Anschluss an die Szene noch nicht gefunden. Sarah Bugar ist nur eine von ihnen.

Festival "Sound of Munich Now": "Es ist zwar besser geworden, aber trotzdem bin ich oft die einzige Frau im Line-up von Hip-Hop-Veranstaltungen", sagt die Rapperin Gündalein.

"Es ist zwar besser geworden, aber trotzdem bin ich oft die einzige Frau im Line-up von Hip-Hop-Veranstaltungen", sagt die Rapperin Gündalein.

(Foto: Catherina Hess)

Und dann gibt es noch ein weiteres Thema, das sich kaum vermeiden lässt, wenn man dem musikalischen Status quo dieser Stadt auf den Grund gehen will: die anhaltende Dominanz weißer Männer. "Es ist zwar besser geworden, aber trotzdem bin ich oft die einzige Frau im Line-up von Hip-Hop-Veranstaltungen", sagt die Rapperin Gündalein. In anderen Genres verhält es sich ähnlich. Mit einem Frauenanteil von 75 Prozent ist das "Sound of Munich Now" eine absolute Ausnahmeerscheinung unter den Festivals.

Festival "Sound of Munich Now": Mit vier Kameras wurden die Konzerte (hier: Commence) gefilmt und gleich geschnitten.

Mit vier Kameras wurden die Konzerte (hier: Commence) gefilmt und gleich geschnitten.

(Foto: Jana Islinger)

Eine ausschließlich männlich besetzte Gruppe wie die Metal-Band Commence fällt hier regelrecht auf. Nur ein paar hundert Meter vom Farbenladen entfernt stehen die Musiker am nächsten Tag im Sunny Red auf der Bühne. Vor der Tür spielen Kinder in der Mittagshitze mit einem Ball. Doch geht man die wenigen Stufen hinunter in den Keller, scheint man in einer Parallelwelt angekommen zu sein. Die roten, mit Plakaten gepflasterten Wände werden von rotem Licht angestrahlt. Die auf Metallgittern platzierten Pflanzen werfen gespenstische Schatten an die Wand. Im Farbenladen musste den Anwohnern zuliebe noch auf ein Schlagzeug verzichtet werden, jetzt dröhnt es in doppelter Lautstärke. Nicht zufällig liegen Ohrstöpsel bereit. Während der Shouter Viktor Schulz seine Stimmbänder am Mikrofon verausgabt, wippt die Kette mit dem Teufel auf seiner Brust auf und ab.

"Es ist eine Bubble", beschreibt Bandkollege Konstantin Molodovsky nach dem Gig die Münchner Metal-Szene. Das Wort Blase wird man in den kommenden Tagen noch öfter hören, ganz unabhängig vom Genre. Commence versuchen, sie zum Platzen zu bringen. In ihre Songs bauen sie Hip-Hop-Elemente ein, und jedes der Bandmitglieder spielt zudem in anderen Konstellationen. Konstantin zum Beispiel ist Teil von Cloutboi Juli & Pink Stan und war bereits vor zwei Jahren beim "Sound of Munich Now" dabei.

Festival "Sound of Munich Now": Punkmusik mit Blumen: Spinnen.

Punkmusik mit Blumen: Spinnen.

(Foto: Jana Islinger)

Genau wie Sophie Neudecker mit Uschi im vergangenen Jahr. Heuer steht sie mit Veronica Burnuthian auf der Bühne. Spinnen heißt das neue Punk-Projekt. "Das ist echt cool mit den ganzen Pflanzen. So habe ich das Sunny noch nie gesehen", sagt Sophie erfreut, als sie den Raum betritt. Für sie ist der Auftritt im Sunny Red ein Heimspiel. Seit 2013 organisiert sie hier gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen die "Zombie Sessions" - auch um den Austausch zwischen den Bubbles zu fördern. Doch nicht allen Bands, die sich bei ihr bewerben, kann sie zusagen. Der Andrang ist groß, die Zahl der Veranstaltungsorte, an denen sich die Münchner Subkultur ausleben darf, rar. Platzmangel - noch eines dieser ewig leidigen Themen in dieser Stadt.

Festival "Sound of Munich Now": Caro Kelley hat in München bislang nur Kontakt zu englischen Musikerinnen und Musikern. Das soll sich jetzt ändern.

Caro Kelley hat in München bislang nur Kontakt zu englischen Musikerinnen und Musikern. Das soll sich jetzt ändern.

(Foto: Jana Islinger)

Platz bietet das Hansa 39 hingegen jede Menge. Vor der Pandemie fand in dieser Konzerthalle jeden November das "Sound of Munich Now" live statt. Hier steht jetzt Caro Kelley mit ihrer dreiköpfigen Band. Die Glitzerpartikel auf ihren Wangen funkeln mit den Blitzen der Disco-Kugel auf dem Boden um die Wette. Abgesehen davon ist das Set minimalistisch eingerichtet. Die schwarzen Wände werden von einem einzelnen Lichtstrahl erhellt. Mehr braucht es auch nicht - Caro Kelleys Stimme reicht aus, um den gesamten Raum zu füllen.

Die in Amerika geborene Folk-Pop-Sängerin kam vor sieben Jahren nach München. Die meisten ihrer Auftritte hier fanden bisher in irischen Pubs statt. "In München gibt es zwei Musikszenen, die deutschsprachige und die internationale", sagt sie. Auch ihre Bandmitglieder sprechen Englisch. Caro hat sie bei ESME kennengelernt - den englischsprachigen Musikensembles.

Festival "Sound of Munich Now": Daisy Benson ist in New York aufgewachsen, wohnt jetzt aber in München. Als Musikerin nennt sie sich Marlena Dae.

Daisy Benson ist in New York aufgewachsen, wohnt jetzt aber in München. Als Musikerin nennt sie sich Marlena Dae.

(Foto: Jana Islinger)

Ihr Auftritt bleibt nicht der einzige Gänsehautmoment an diesem Tag: Stunden später betritt Daisy Benson alias Marlena Dae den Raum. Während des ersten Songs trägt sie noch eine schwarze Sonnenbrille, cool sieht sie damit aus. Im Hintergrund ertönen elektronische Beats. Doch spätestens als Daisy sich für den zweiten Song ans Keyboard setzt, weiß man: Da schwingen ganz viele Emotionen in ihrer Stimme mit. "Ich war ziemlich aufgeregt", gesteht sie nach ihrem allerersten Auftritt. Man hat es ihr nicht angemerkt.

Festival "Sound of Munich Now": Alles wie ein Traum: Vor einem Jahr kannte Malva noch niemand, jetzt hat sie einen Plattenvertrag unterschrieben.

Alles wie ein Traum: Vor einem Jahr kannte Malva noch niemand, jetzt hat sie einen Plattenvertrag unterschrieben.

(Foto: Jana Islinger)

Auch Malva ist noch neu in der Münchner Musikszene. Vor einem Jahr wurde sie von der Junge-Leute-Seite der SZ entdeckt, vor einem halben Jahr unterschrieb sie einen Vertrag beim Münchner Indie-Label Trikont. Alles neu also, aber irgendwie überkommt einen dennoch ein nostalgisches Gefühl, wenn man sie mit ihrem geblümten Kleid und der Perlenkette vor der Bühne im Hansa 39 stehen sieht. Die Disco-Kugel über ihr wirft kleine Quadrate an die Wände, auf den Boden und in die Gesichter ihrer Bandmitglieder. Doch mit Clubmusik haben ihre melancholischen Songs wenig zu tun, sie rangieren irgendwo zwischen Chanson, Jazz und Indie-Pop. Malvas zarte, gefühlvolle Stimme lädt zum Träumen ein. Im Moment, sagt sie später, fühle sich ihr eigenes Leben wie ein Traum an.

Festival "Sound of Munich Now": Irgendwo zwischen Clubmusik und Konzert: KIDSØ.

Irgendwo zwischen Clubmusik und Konzert: KIDSØ.

(Foto: Jana Islinger)

Das "Sound of Munich Now" ist aber keineswegs ein reines Newcomer-Festival. KIDSØ zum Beispiel ist ebenfalls mit von der Partie. Das Live-Electronica-Duo hat neben analogen Synthesizern auch ein Schlagzeug und eine Gitarre im Gepäck. Im Hintergrund sorgen bunte Leuchtstäbe für stroboskopische Effekte. Sozusagen als Bindeglied zwischen Popmusik und Techno kennen Moritz Graßinger und Martin Schneider das Problem der Bubbles in München, obwohl man sie bisher überall sehr positiv empfangen habe. "Wir würden uns wünschen, dass sich die Clubszene dahingehend noch mehr öffnet", sagt Martin Schneider.

Am besten bringt es vielleicht Niccolò Schmitter, Schlagzeuger der Psychedelic-Rock-Band Miss Mellow, während dieser fünf Drehtage auf den Punkt: "Ich bin seit zehn Jahren in der Münchner Musikszene unterwegs und dachte, ich kenne mich aus, aber von den 20 Bands, die hier auftreten, kenne ich nur drei." Die Szene der Stadt ist vielfältig, das beweist auch das diesjährige "Sound of Munich Now", aber die unterschiedlichen Genres kreuzen selten ihre Wege.

Festival "Sound of Munich Now": Wohnzimmeratmosphäre in der Kranhalle beim Videodreh von "Barska and the Factory".

Wohnzimmeratmosphäre in der Kranhalle beim Videodreh von "Barska and the Factory".

(Foto: Jana Islinger)

Doch dann beweisen Acts immer wieder das Gegenteil, wie das siebenköpfige Musikerinnen-Kollektiv Barska and the Factory um Barbara Buchberger. Am letzten Aufnahmetag treten sie in der Kranhalle auf, in der in den vergangenen zwei Jahren alle Videos gedreht worden sind. Die Veranstaltungshalle ist kaum wiederzuerkennen. Tageslicht fällt durch die Fenster, die bisher immer verdeckt waren. Die Pflanzen draußen fügen sich nahtlos in die Pflanzenfront auf der Bühne ein. Mit dem rot gemusterten Teppich auf dem Boden kommt fast ein bisschen Wohnzimmeratmosphäre auf - wenn da nicht der Nebel wäre.

In der Mitte der Halle steht Barbara Buchberger, um sie herum formen die Musikerinnen einen Halbkreis. Aber man sollte dem nicht zu viel Symbolik beimessen. "Alle sind gleichwertig und jede bringt ihre eigene Stilrichtung mit ein", sagt Lotte Friederich am Keyboard, auch bekannt als LORiiA. Jede der Frauen verfolgt neben der "Factory" auch andere Projekte: im Jazz, zum Beispiel, oder im Pop. Gefunden hat Barbara sie alle auf Instagram.

Festival "Sound of Munich Now": Kinga war als Kind bereits Fernsehstar, jetzt will sie eine Musikkarriere starten.

Kinga war als Kind bereits Fernsehstar, jetzt will sie eine Musikkarriere starten.

(Foto: Catherina Hess)

Auch Sarah Bugar hat bisher auf die sozialen Netzwerke gesetzt und konnte damit unter anderem Hörer in Italien und Spanien erreichen, wo ihre Songs bereits im Radio gespielt werden. Jetzt ist ihre Heimatstadt München an der Reihe. Lange nachdem die Sängerin schon nach Hause gegangen ist, sitzt Kinga im Zelt vor der Kranhalle und sieht das Video von Sarahs Auftritt. Sie ist begeistert und will sofort von einem der Crew-Mitglieder ihren Namen wissen, damit sie sich mit ihrer Kollegin auf Instagram vernetzen kann. Damit hat Sarah bereits einen Kontakt in der Münchner Musikszene geknüpft. Nach der Ausstrahlung ihres Videos im November dürften weitere folgen.

Junge Leute

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Weitere Texte findet man im Internet unter jungeleute.sueddeutsche.de, www.instagram.com/szjungeleute oder www.facebook.com/SZJungeLeute

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