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"Siegfried"-Premiere in München:Ein Saurier aus spärlich beschurzten Leibern

Für die "Siegfried"-Uraufführung etwa während der ersten Bayreuther Opernfestspiele 1876 ließ Wagner etwa einen mechanischen Drachen in England fertigen. Das Monster erregte allerdings "mehr Gekicher als Schrecken", wie Biograph Jonathan Carr schreibt. Es fehlten Teile im Innenleben der Maschine. Sie waren offenbar nicht nach Bayreuth geschickt worden - sondern nach Beirut.

Ring des Nibelungen in München

Kriegenburgs "Siegfried"

Neben allerlei anderen Pannen und Peinlichkeiten blieb Wagner nach dem Festival auf einem Schuldenberg sitzen - und sinnierte über das Sterben. Gerade an "Siegfried" hatte er viele Jahre laboriert. Zwischenzeitlich ließ er die Arbeit an ihm ruhen, um "Tristan und Isolde" zu komponieren und die "Meistersinger von Nürnberg". Gerade an die heiteren Meistersinger erinnert vieles in "Siegfried": Da feixt der Held, Zwerg Mime beckmessert tückisch und täppisch - was für ein Gegensatz zu den getragenen ersten beiden Teilen des Ring-Epos!

Bei Kriegenburg darf der Held auch ein bisschen eklig sein: Grinsend zieht "Siegfried" den Rotz hoch und spuckt ihn in den Kochtopf, bevor er dem verhassten Mime das Essen serviert. Beim Münchner Ring von 2002 schuf David Alden einen Siegfried als Abklatsch des Rappers Eminem - der auch schon mal ins Waschbecken pinkelte. Doch anders als damals zerreißt sich das Publikum über den aktuellen Ekelmoment nicht das Maul.

Wie im Rheingold und in der Walküre interagieren die Akteure stark auf der von Harald B. Thor geschaffenen Bühne. Feste Elemente gibt es kaum, aber dafür lebende. Kriegenburg setzt mehr denn je auf: Körper. Zu Dutzenden lodern sie als Flammen, wuseln um die Erdenmutter, wachsen als Bäume und ragen als Felsen empor. Selbst der Saurier besteht aus spärlich beschurzten Leibern.

Leider unterbricht Kriegenburg sein Prinzip der lebendigen Kulisse, als Siegfried sein magisches Schwert Nothung neu schmiedet: Da veranstalten die Statisten Remmidemmi auf der Bühne, sorgen für Funkenflug, wiegen sich als Schlote im Takt, betätigen den Blasebalg, schauen dem giftbrauendem Mime über die Schulter - zu viel, zu kleinteilig, zu erschlagend ist das.

Rottöne dominieren viele Bilder dieser Inszenierung. Feuer und Hitze begleiten den Helden auf seinem Weg: Die menschliche Glut am Ambos des schweißfleckigen Mimes, die Brunst beim Schwertschmieden, flackernde Erinnerungen an Nibelheim, Fafners leuchtendes Antlitz, Wotans Zauberfeuer um Brünnhildes Felsen, das finale Liebesrot. Kriegenburgs Siegfried, das ist Heldengesang, heiß und fettig.

Der Regisseur wird die Temperatur wohl noch höherschrauben. Schließlich steht der finale Weltenbrand noch an: In seiner "Götterdämmerung", die am 30. Juni Premiere feiert.

Eine ausführliche Opernkritik zur Siegfried-Premiere erscheint in der Print-Ausgabe der SZ am Dienstag, den 29. Mai 2012.

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