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Sendling/Ludwigsvorstadt:Besser, als durch die Welt zu karren

Stadtteilpolitiker diskutieren Münchner Praxis, Plastikmüll zu verbrennen

Von Birgit Lotze, Sendling/Ludwigsvorstadt

Wie sollte Verpackungsmüll richtig und umweltfreundlich entsorgt werden? In München derzeit wohl nicht bei den dafür vorgesehenen Wertstoffinseln, sondern im Restmüll. Zu dem Schluss ist der Sendlinger Bezirksausschuss (BA) nach dem Lesen einer Stellungnahme von Kommunalreferentin Kristina Frank, die auch Chefin des Abfallwirtschaftsbetriebs München (AWM) ist, gekommen. "Unser System ist immer noch besser als Verwertung, die nicht stattfindet", fasste BA-Vorsitzender Markus Lutz (SPD) zusammen. Dann lande der Plastikmüll zwar in den heimischen Verbrennungsanlagen, doch immerhin hätten diese gut funktionierende Filter und der Abfall werde nicht "durch die Welt gekarrt".

Das Verpackungsgesetz habe sein Ziel verfehlt, so lautete die Kritik vor einigen Monaten im Stadtrat. Dem Menschen werde vorgegaukelt, dass er etwas Gutes tue. Recycelt würden in München nur etwa 18 Prozent, gesetzlich vorgeschrieben seien 58,5 Prozent. Trotzdem hat sich der Stadtrat Ende Oktober darauf verständigt, das Bringsystem über die Wertstofftonnen des Dualen Systems vorerst beizubehalten - für Sendlinger Lokalpolitiker Anlass, bei Kristina Frank nachzuhaken.

Die AWM-Chefin informierte sich für ihre Antwort beim Staatsministerium für Umwelt- und Verbraucherschutz und der Zentralen Stelle zur Koordination der Dualen Systeme (ZVSR). Der weit überwiegende Teil, den die in München dafür zuständigen Firmen Remondis und Wittmann an den Wertstoffinseln einsammeln und an Sortieranlagen liefern, werde in Deutschland verwertet, hieß es dort. Allerdings nicht alles: "Kleinere Mengen wurden in die Niederlande, nach Österreich, Italien und Frankreich in zertifizierte Verwertungsanlagen geliefert", zitiert Frank die ZVSR. Ein großer Teil der getrennt gesammelten Verpackungen lande in Zementwerken und industriellen Feuerungsanlagen zur Energieerzeugung. Dies schließe sie aus Antworten der Bayerischen Staatsregierung.

Philip Fickel (SPD), der die BA-Anfrage initiiert hatte, sagte im BA, die Antwort mache klar, "dass wir alle nochmals deutlich auf unseren Kunststoffverbrauch achten müssen". Doch stehe auch die Politik in der Verantwortung. Die Recyclingquote müsse endlich erhöht werden. "Eigentlich ist es eine Schande, dass dies immer noch nicht ausreichend passiert."

Was ihn erstaunte: Frank zieht einen Ausstieg der Stadt aus dem Dualen System in Betracht, doch den hält sie für verfrüht. "Wenn es gelingt, über Vorgaben zum Produktdesign die Zahl der unterschiedlichen Kunststoffarten auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren und die Kunststoffe frei von Additiven herzustellen, prüft der AWM, ob das Bringsystem weiterhin Bestand haben soll." Aus Sicht des AWM "können Kunststoffe derzeit nicht sinnvoll und hochwertig recycelt werden". Auch eine testweise Einführung von Wertstofftonnen, die wie der Restmüll von zuhause abgeholt werden - das hat der BA Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt gefordert, als die im bundesweiten Vergleich angeblich außergewöhnlich schlechte Münchner Recycling-Bilanz bekannt wurde -, lehnt Frank deshalb ab. Erst wenn ein stoffliches Recycling sinnvoll sei, sei eine Veränderung des Erfassungssystems auch in München angebracht, schreibt sie in einer Stellungnahme, die der BA in seiner Februarsitzung im Februar diskutieren will.

© SZ vom 08.02.2021
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