Schlüssel-Notdienste Schlüsseldienste nehmen verzweifelte Kunden aus

Aus der eigenen Wohnung ausgeschlossen: Es ist in der Branche offenbar nicht unüblich, dass Schlüsseldienste die Notlage ihrer Kunden ausnutzen.

(Foto: Kai Remmers/dpa)
  • In München hat die Polizei eine Präventionskampagne gestartet, um Bürger vor Schlüsseldient-Betrügern zu schützen.
  • Laut einer Umfrage der Verbraucherzentrale kostet eine einfache Türöffnung durch einen seriösen Anbieter gerade einmal ein Zehntel der Wucherpreise.
Von Julian Hans

Die Masche ist nicht neu, aber in jüngster Zeit häufen sich die Fälle, bei denen Münchner von überteuerten Schlüsseldiensten ausgenommen werden. Michaela Neueder, Vize-Chefin des Kommissariats 76, das in Betrugssachen ermittelt, spricht von einer "exorbitanten Steigerung". Nicht nur die Fälle auf ihrem Schreibtisch werden immer mehr, die Abzocker stellen auch immer höhere Forderungen: Waren es 2017 im Schnitt noch 700 Euro, die verzweifelte Kunden bezahlten, die ohne Schlüssel vor verschlossener Wohnungstüre standen, so sind es mittlerweile durchschnittlich mehr als 1000 Euro.

Was die Kriminalkommissarin besonders ärgert: Oft müssen Verfahren eingestellt werden. Das Gesetz sieht Wucher nur dort, wo eine Notlage ausnutzt wird. Wenn die Rechnung erst gestellt wird, wenn die Tür schon geöffnet wurde, ist die Notlage vorbei. Betroffene berichten, dass sie sich trotzdem nicht getraut hätten, die Forderungen abzulehnen, weil sie sich von den oft sehr kräftig gebauten Schlossknackern eingeschüchtert fühlten. In solchen Situationen sollten sich die Opfer nicht scheuen, die Polizei zu rufen, sagt Neueder.

Bei einem der seltenen Verfahren hat das Landgericht im nordrhein-westfälischen Kleve im vergangenen August zwei Hintermänner wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten im großen Stil Callcenter betrieben und mit Rufumleitungen Ortsnähe vorgetäuscht. Bundesweit fielen mehr als 1000 Menschen darauf herein. Gegenwärtig läuft eine Revision beim Bundesgerichtshof. Wie brutal es in der Branche zugeht, zeigt, dass gegen den damals 58-jährigen Drahtzieher ein weiteres Verfahren eingeleitet wurde: Er soll einen ehemaligen Mithäftling beauftragt haben, die beiden Staatsanwälte aus dem Betrugsverfahren zu töten.

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In München hat die Polizei eine Präventionskampagne gestartet, damit nicht noch mehr Bürger über den Tisch gezogen werden. Der wichtigste Rat: Einen Schlüssel bei den Nachbarn, am Arbeitsplatz oder bei einer Vertrauensperson hinterlegen. Wenn man das versäumt hat, oder die Vertrauensperson nicht erreichbar ist, wird es allerdings schon schwieriger. Die Polizei rät, im Vorfeld nach einem ortsansässigen Schlüsseldienst zu suchen. Eine Internetsuche hilft da nicht weiter, die Betrüger sorgen geschickt dafür, dass ihre Firmen bei den Ergebnissen ganz oben erscheinen. Eine Münchner Vorwahl muss nicht bedeuten, dass die Firma auch in München ansässig ist. Oft führt sie nur in ein Callcenter, dass bundesweit überteuerte Stümper vermittelt.

Meistens seien die Anbieter seriöser, die tatsächlich ein Ladengeschäft in der Stadt haben, sagt Heinz Kelm vom Fachverband Metall in Bayern. Andere hätten oft nur ein Auto, mit dem sie dort hin fahren, wohin sie vom Callcenter vermittelt würden - ein Werkzeugkasten im Kofferraum und kaum Fachkenntnisse. "Die machen dann möglichst viel kaputt, damit sie die Schlösser hinterher teuer ersetzen können", hat Kelm beobachtet. Oft würden dann Billigschlösser eingebaut, aber teuer abgerechnet. Welcher Laie kann schon die Qualität eines Schließzylinders beurteilen?

Allerdings bieten auch immer weniger Fachbetriebe einen Notdienst an. Dafür müssten sie einen Schichtdienst einrichten, der rund um die Uhr erreichbar ist. Und der Fachmann müsste bereit sein, jederzeit seine aktuellen Aufträge liegen zu lassen, um zu einem Notfall auszurücken. Wenn ein seriöser Schlosser diese Kosten dann auf die Rechnung umlege, habe er "nichts als Ärger", sagt Kelm. Darauf würden die seriösen Metallbetriebe dann lieber gleich verzichten. So bleibt das Feld den halbseidenen Wucherern überlassen.

Vor einigen Jahren hat der Fachverband Metall eine Übersicht erstellt, was eine Türöffnung in unterschiedlichen Regionen in Deutschland im Schnitt kostet. Das hat jedoch das Bundeskartellamt als Eingriff in die freie Preisgestaltung moniert. Laut einer Umfrage der Verbraucherzentrale aus dem Jahr 2017 kostet eine einfache Türöffnung in Bayern an Werktagen im Schnitt 72 Euro, nachts und an Wochenenden etwa 120 Euro - also gerade einmal ein Zehntel der Wucherpreise.

Von der Metall-Innung München-Freising-Erding würde gerade noch eine Handvoll Betriebe einen Notfalldienst anbieten, schätzt Kelm. Die Polizei führt zwar keine Liste mit empfehlenswerten Notdiensten, aber das Landeskriminalamt hält unter bit.ly/Tuerauf eine Liste mit Fachbetrieben auf dem neuesten Stand, die dabei helfen, Fenster und Türen sicher zu verschließen. Und wer Schlösser und Riegel montieren kann, der kriegt sie in der Regel auch wieder auf, wenngleich in vielen Fällen nur werktags und zu den üblichen Geschäftszeiten. Aber eine Nacht im Hotel ist oft billiger als ein teurer Schlüsseldienst.

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