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Schloss Nymphenburg:Lustwandeln zwischen lauter Kuriositäten

Der Park von Schloss Nymphenburg birgt Erstaunliches wie Deutschlands erste Warmwasserheizung - und besticht durch die außergewöhnliche Schönheit seiner Architektur.

Von Wolfgang Görl

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Quelle: Gredel Warbeck

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Man kann im Nymphenburger Schlosspark lustwandeln, ohne einen Schimmer von der Geschichte dieser wunderbaren Anlage zu haben. Auch das ist schön, und die Ahnungslosigkeit schmälert nicht den Genuss, den der Spaziergänger auf den teils verschlungenen, teils schnurgeraden Wegen der fantasiereich modellierten Landschaft empfindet, die ihn zu künstlichen Seen, kleinen Bächen oder dem zentralen Kanal führen, von dem aus der Blick auf das Schloss fällt, das immense Ausmaße hat und gleichwohl anmutig wirkt.

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Quelle: Gredel Warbeck

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Darüber entzückt zu sein, bedarf es keiner Kenntnisse. Andererseits führt Wissen nicht zwangsläufig zur Entzauberung. Was Schloss Nymphenburg betrifft, schärft es sogar den Blick für die außergewöhnliche Schönheit seiner Architektur. Wer dazu bereit ist, tut gut daran, sich das Buch "Schloss Nymphenburg" anzuschaffen, das soeben im Allitera Verlag erschienen ist. Die Autoren sind Doris Fuchsberger und Albrecht Vorherr, der jahrzehntelang als Kastellan des Schlosses tätig war und jeden Winkel kennt.

So erfährt man beispielsweise, dass an der südlichen Parkmauer zwischen der Amalienburg und dem sogenannten Dörfchen noch ein Bauwerk zu finden ist, das zum ersten Tiergarten Münchens gehörte. Der war von Kurfürst Karl Theodor 1778 zunächst als barocke Fasanerie zum Zwecke der Goldfasanenzucht eingerichtet worden, ehe dessen Nachfolger Max Joseph das Areal zu einer Menagerie für exotische Tiere ausbauen ließ, in der unter anderem Gazellen, Wasserbüffel, ein Lama, ein Känguru und Max Josephs sprechender Lieblingspapagei "Baberl" lebten.

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Quelle: Gredel Warbeck

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Die Ursprünge des Schlosses, das schildern Fuchsberger und Vorherr detailliert, liegen im17. Jahrhundert. Kurfürst Ferdinand Maria schenkte seiner anspruchsvollen Gattin Henriette Adelaide von Savoyen nach der Geburt des ersehnten Thronfolgers Max Emanuel die Schwaige Kemnat, die eine knappe Wegstunde außerhalb Münchens lag. Auf dem Landgut ließ sich die Kurfürstin von italienischen Künstlern eine Villa bauen, der sie den Namen "Borgo delle Ninfe" gab und damit sozusagen die Feen und Nymphen herbeizitierte, die durch die Sagenwelt ihrer Heimat Savoyen geisterten.

Aus der ländlichen Sommerresidenz Henriette Adelaides entwickelte sich in mehreren Bauphasen unter den Kurfürsten Max Emanuel, Karl Albrecht und Max III. Josef eine ausgedehnte Schlossanlage mit einer Spannweite von 685 Metern.

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Quelle: Gredel Warbeck

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Besonders verdienstvoll ist, dass die beiden Autoren sich nicht auf die Architekturgeschichte beschränken, sondern erzählen, wer in den Räumen gelebt hat und wie es dabei zugegangen ist. Max Emanuels Schwiegertochter Amalie etwa ließ sich bei der Ausstattung ihrer Gemächer keineswegs vom Spargedanken leiten, wie einem zeitgenössischen Bericht zu entnehmen ist: "Das Gemach Ihro Churfürstl. Durchleucht ist sehr prächtig meubliert. Das Bette ist von Indianischer Stickarbeit von Gold und Silbernen großen Blumen auf einem blauen Grund, ingleichen auch die Vorhänge und Sessel."

Der Äußere Südliche Pavillon diente zu Max Emanuels Zeiten als Küche, was den Nachteil hatte, dass die Speisen auf einem weiten Weg über den Schlossplatz zu den erlauchten Herrschaften im Speisezimmer des Mittelbaus getragen werden mussten. Richtig heiß war die Suppe dann nicht mehr, aber dafür verbrannte sich niemand die Zunge.

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Quelle: Gredel Warbeck

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Selbstverständlich sollte man Schloss und Park gesehen haben, um einen Eindruck zu haben, wie großartig diese Anlage ist. Doch bei schlechtem Wetter darf man ruhig auch mal zu dem Buch greifen, um die Pracht auf Bildern zu genießen. Gredel Warbeck, einst Lehrerin in Nymphenburg, hat die Fotos geschossen, die den Band illustrieren. Es sind hervorragende Aufnahmen, die nicht nur die vielen architektonischen Preziosen des Schlossbaus dokumentieren, sondern auch das Leben im Park - seien es die Gärtner, welche die Blumenbeete anlegen, oder seien es die Schwäne, Käuze, Gänse, Eichhörnchen und Rehe, die hier ihren Lebensraum haben.

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Quelle: SZ

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Der Schlosspark ist ein Münchner Mikrokosmos, der erstaunliche Wesen birgt, lebende und künstliche. Da sind die mächtigen Bäume und die Wiesen, das ist die exotische Pracht der Pagoden- und der Badenburg, da ist die silberblinkende Grazie, mit welcher Francois de Cuvilliés die Amalienburg ausgestattet hat, da ist die ins Mystische driftende künstliche Ruine der Magdalenenklause, da ist das Prinzengärtchen mit dem Hexenhäusl, das sind die Gewächshäuser, die Brücken, Kanäle und Kaskaden sowie der marmorne Hirtengott Pan, der über einer Quelle die, nun ja, Panflöte spielt.

Von all diesen außergewöhnlichen Dingen ist in dem vortrefflichen Buch die Rede, und man liest nicht ohne Erstaunen, dass im Palmenhaus im Jahr 1830 die erste Warmwasserheizung Deutschlands installiert wurde. In der Orangerie kultivierte man zu dieser Zeit auch Kaffeepflanzen aus Trinidad und Bananenstauden. Die Bananen wurden aber "nur an die kgl. Hofhaltung" abgegeben. Der Bananen wegen muss heute niemand Schloss Nymphenburg besuchen. Doch andere Gründe gibt es genug.

Doris Fuchsberger, Albrecht Vorherr, Gredel Warbeck: Schloss Nymphenburg. Bauwerke - Menschen - Geschichte. Allitera Verlag, 176 Seiten mit vielen Abbildungen, 29,90 Euro.

© SZ vom 30.11.2015/bica

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